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Ethan Hawke schreibt auch (gute) Bücher

Der Schauspieler Ethan Hawke hat kürzlich seinen vierten Roman veröffentlicht. "Hell strahlt die Dunkelheit" ist ein schonungsloser Blick in eine dunkle Phase eines Schauspielerlebens. Die Parallelen zu Hawkes Biografie sind gewollt – und machen die Sache spannend.

Filmgeschichten/Drehmomente 21. Oktober 2021

Ungefähr zu der Zeit, als wir in unserem Magazin die Wiederveröffentlichung der Before Trilogie zelebrierten, erschien der neue Roman von Ethan Hawke mit dem Titel "Hell strahlt die Dunkelheit". Wer nun aber denkt, man habe es hier mit einem weiteren Buch aus der Reihe "schreibende Schauspieler" zu tun – die ja meistens eh von Ghostwriter*innen stammen oder literarisch eher leichte Kost sind – der tut Hawke damit unrecht. Denn Ethan Hawke nimmt die Sache mit dem Schreiben durchaus ernst und hat schon oft bewiesen, dass er viel Lebenszeit in dieses Handwerk investiert. Seit seinem Romandebüt "The Hottest State" aus dem Jahr 1996 hat er mittlerweile vier Romane geschrieben und mit Zeichner und Autor Greg Ruth die Graphic Novel „Indeh: A Story Of The Apache Wars“. Auch an den Fortsetzungen von Before Sunrise schrieb er mit Richard Linklater und Julie Delpy die Rollen von Jesse und Céline fort. Und dann wäre da noch die tolle Serie "The Good Lord Bird" nach einem Roman von James Mc Bride, bei der Hawke nicht nur einer der Showrunner und Hauptdarsteller war, sondern auch am Drehbuch mitschrieb.

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"Schreib über die Dinge, die du kennst."

Trotzdem musste sich Ethan Hawke einmal von seinem deutschen Lektor anhören: "Dein Problem ist, dass du kein berühmter Schriftsteller bist. Du bist ein berühmter Mensch, der schreibt." Das war allerdings gar nicht als Diss gemeint. Besagter Lektor gab ihm nämlich außerdem den Rat: "Schreib über die Dinge, die du kennst und die du erlebt hast. Bereichere die Literatur, in dem du beschreibst, was die Schauspielerei dir bedeutet." Diese Sätze hätten etwas in Hawke ausgelöst, wie er kürzlich in einem Interview zugab. Und dazu geführt, dass er die Geschichte, die ihn seit fast zwanzig Jahren beschäftigt, nun endlich in Romanform erzählen und veröffentlichen wollte.

Mit "Hell strahlt die Dunkelheit" hat Ethan Hawke diesen Rat nun perfekt umgesetzt. Er lockt mit Gossip-Anrüchigkeit und offensichtlichen Parallelen zu seinem Leben und seiner Trennung von Uma Thurman im Jahr 2003 in dieses Buch – um dann von der ersten Seite an zu beweisen, dass er ein versierter Stilist und Autor ist. Der Humor ist trocken und treffsicher. Die Pointen sitzen. Die Dialoge und Monologe funktionieren gleichermaßen. Und Hawke geht mit seinem Ich-Erzähler hart ins Gericht.

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Das Ende eines Hollywood-Traumpaares

Und damit wären wir bei den bereits angedeuteten Parallelen. Denn der Anfang-30-Jährige Schauspieler, der hier nicht Ethan Hawke sondern William Harding heißt, trennt sich nach einer Affäre von seiner prominenten und geliebten Frau – beziehungsweise sie sich von ihm – , lebt fortan in einem Hotel, das seine besten Jahre hinter sich hat, zieht mit Kollegen und Affären um die Häuser und klammert sich verzweifelt an die Proben für sein Broadway-Debüt in einem Shakespeare-Stück. Das Hotel, der Lifestyle, die Trennung, das Shakespeare-Stück – all das gab es tatsächlich. Ethan Hawke lernte 1998 bei den Dreharbeiten zu Gattaca Uma Thurman kennen und lieben. Die beiden heirateten, bekamen zwei Kinder und waren das Hollywood-Traumpaar. Nach einer Affäre mit dem Kindermädchen trennte sich Thurman von ihm, Hawke zog ins Chelsea Hotel, begann mit den Proben für sein Broadway-Debüt und warf sich in einen Lifestyle, den er später als seine "schwarzen Jahre" bezeichnete. Das ganze wurde von den Tratschblättern süffisant begleitet und dauerdokumentiert – und Hawke war nicht ganz zu Unrecht der Buh-Mann in dieser Geschichte.

"Hell strahlt die Dunkelheit" setzt genau da an. Obwohl Hawke die Story fiktionalisiert und das Kindermädchen aus der Story rauslässt – das übrigens Ryan Shawhuges heißt und seit 2011 mit ihm glücklich verheiratet ist – merkt man schnell, dass Hawke hier die Dinge von damals aufarbeitet. Deshalb, so sagte er es in einem Interview sei der Schreibprozess auch "schrecklich" gewesen. "Deshalb hat es 20 Jahre gedauert. Ich musste erwachsen werden. Aber eine Sache, die ich am Schreiben liebe, ist, dass es einen dazu zwingt, die Dinge durchzudenken und durch Situationen durchzudenken."

Selbsteinsicht und Ironie statt Selbstmitleid

Den Tratsch von damals aufzuarbeiten hätte natürlich fürchterlich in die Hose gehen können. Wer will denn heute noch selbstmitleidige mittelalte Männer hören, die ihre unglücklichen Lebenskapitel nachpolieren wollen? Hawke kriegt dabei erstaunlicherweise die Kurve. Eben weil er ein guter Schreiber ist und in den letzten zwanzig Jahren eingesehen hat, dass er ebenfalls Scheiße gebaut hat und beizeiten weder sympathisch war, noch seinen Erfolg zu schätzen wusste, noch genügend Zeit für seine Kids hatte. Schon das erste Kapitel ist zugleich lustig und tragisch: Da kommt William gerade von einem Dreh zurück, sitzt in einem Taxi und muss sich vom Fahrer die Leviten lesen lassen. Der weiß nämlich schon aus der Klatschpresse von den Eheproblemen und hält William für einen gierigen Wichser der schon alles hat und immer noch mehr will.

Neben den biografischen Elementen überzeugen in "Hell strahlt die Dunkelheit" aber auch die Szenen, die im Theater spielen. Damit wären wir dann wieder beim Rat seines Lektors: Denn hier nutzt Hawke seine gute Schreibe, um uns direkt auf und hinter die Bühne zu nehmen, auf eine Weise, die man in der Literaturgeschichte eben noch nicht so oft so intensiv lesen konnte.

„Hell strahlt die Dunkelheit“ von Ethan Hawke ist beim KiWi-Verlag erschienen.

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