Detailsuche

Bild zu Ist Rocketman dank Bohemian Rhapsody so schön bunt und wild geworden?

Ist Rocketman dank Bohemian Rhapsody so schön bunt und wild geworden?

Nur ein Jahr nach dem sehr formelhaften Bohemian Rhapsody, den Dexter Fletcher auf den letzten Metern vollenden musste, hat der Regisseur gezeigt, wie er einen mitreißenden, dramatischen, abenteuerlustigen Musikfilm machen würde, wenn er von Anfang an die Zügel in der Hand hat. Rocketman über das Leben von Elton John kann man gerade bei ARTHAUS+ sehen.

21. September 2026

Als Musik- und Filmjournalist bekommt man über die Jahre seinen "fair share" an Musik-Biopics ab. Egal, ob man das nun will oder nicht. Auch ARTHAUS hat einige im Programm – zum Glück eher die gelungenen (hier finden Sie unsere Top-5-Liste zum Thema). Die sind allerdings – das muss man sagen dürfen – eher in der Unterzahl.

Meistens sind diese Filme nämlich sehr formelhafte, weichgezeichnete Nacherzählungen eines Rockstarlebens. Was leider produktionstechnisch in der Natur der Sache liegt: Oft sind Erb*innen, Lebenspartner*innen oder Managements involviert, die natürlich nicht die eigenen Historie besudeln wollen. Auch die Musiklabel, die auf den Rechten der Songs sitzen, die man im Film hören muss, wollen natürlich in erster Linie, dass ein Biopic über eine Musiklegende nicht dessen düstere Kapitel ausleuchtet oder gar neue Me-Too-Fragen aufwirft, sondern die alten Fans erfreut und eine jüngere Generation an Fans mit der Musik anfixt.

Das Tragische dabei: Egal, wie formelhaft und weichgespült diese Filme sind, werden sie sehr oft ein kommerzieller Erfolg, wenn es nur genug Fans der portraitierten Person gibt. "Bestes" Beispiel dafür ist wohl das erfolgreichste Biopic aller Zeiten: Michael, über das Leben von Michael Jackson in den Jahren, bevor die ersten Vorwürfe gegen ihn in die Öffentlichkeit kamen. Selbst wenn man der Meinung ist, dass der Film chronologisch betrachtet ja nicht vom mutmaßlichen Missbrauch und Millionenzahlungen an mutmaßliche Opfer erzählen muss, ist darin einfach so viel manipulierend fiktionalisiert, dass selbst Jacksons Tochter Paris Michael hart kritisierte.

Ein weiterer sehr glatter, sehr formelhafter, wenn auch bisweilen fantastisch gespielter Film ist Bohemian Rhapsody aus dem Jahr 2018 über die Band Queen und deren ikonischen Frontmann Freddie Mercury. Und damit wären wir schon fast beim eigentlichen Thema dieses Textes: Dass Bohemian Rhapsody überhaupt fertig wurde, ist nämlich einem damals noch recht neuen Regisseur namens Dexter Fletcher zu verdanken, der nur ein Jahr später Rocketman über die frühen Jahre von Elton John ins Kino brachte. Eigentlich führte Bryan Singer Regie beim Queen-Biopic, wurde aber aufgrund seines Verhaltens kurz vor Ende der Hauptdreharbeiten von den Produzenten gefeuert.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

Der "Hollywood Reporter" dokumentierte die Zustände damals so: "Am Set herrschte große Anspannung, die zum Teil auf Singers Verspätungen und Abwesenheiten zurückzuführen war. [Hauptdarsteller Rami] Malek, der sich bereits um 6:30 Uhr morgens in den Make-up-Stuhl setzte, musste feststellen, dass er und andere Darsteller sowie Crewmitglieder auf einen Regisseur warten mussten, dessen Arbeitsmoral zu wünschen übrig ließ. Tom Hollander, der den Queen-Manager Jim Beach spielt, soll so verärgert über Singer gewesen sein, dass er das Projekt vorübergehend verlassen hat."

Die Produzenten von 20th Century Fox fragten schließlich bei Regisseur Matthew Vaughn an, ob er einspringen wolle. Der war allerdings gerade dabei, als Produzent mit Fletcher Rocketman auf den Weg zu bringen – was ein wenig länger dauerte als geplant. Vaughn fasste deshalb den durchaus ungewöhnlichen Entschluss, seinen eigenen Regisseur für Bohemian Rhapsody zu empfehlen. Dem Magazin "Screen Daily" verriet Vaughn später seine Intention dabei: "Ich sagte [zu 20th Century Fox]: ‚Was ist mit Dexter? Er steht kurz vor Beginn der Dreharbeiten einer Rockstar-Biografie aus den 1970er Jahren.‘" Vaughn sah darin keinen Stressfaktor, sondern geradezu ein Geschenk für ihn als Produzten. "Ich meinte zu Dexter: ‚Du gehst auf da jetzt auf die Biopic-Universität der 1970er Jahre, findest heraus, wie man es macht, und wie man es nicht macht, und experimentierst auf deren Kosten.‘ Auf eine seltsame Art und Weise war das also für uns alle wirklich hilfreich – Dexter konnte seine Muskeln spielen lassen, bevor er ins Hauptrennen ging."

Dexter Fletcher schätzte den Job später ähnlich ein: "Bohemian Rhapsody war für mich als relativ neuer Regisseur eine unglaubliche Chance. Ich stand kurz davor, mein bislang größtes Projekt in Angriff zu nehmen und konnte plötzlich etwas in einer vergleichbaren Größenordnung realisieren und erste Erfahrungen zu sammeln." Aber Flechter gibt auch zu: "Ich hatte keine emotionale Bindung zu Bohemian Rhapsody, zumindest nicht in derselben Weise wie zu Rocketman. Für mich war es eine Art No-Lose-Situation. Wäre der Film nicht gut angekommen, hätte ich sagen können: ‚Na ja, ich bin einfach spät reingekommen und habe gerettet, was gerettet werden konnte.‘ Da er schließlich sehr gut aufgenommen wurde, kann ich ein wenig in diesem Ruhm schwelgen." Zwar taucht Fletcher nicht direkt in den Film-Credits auf, aber seine Beteiligung wurde offen kommuniziert.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

Mit diesem Wissen ist es extrem spannend, Rocketman heute im Kontext von Bohemian Rhapsody zu betrachten. Schon in den ersten Sekunden von Rocketman hat man nämlich das Gefühl, hier die Antithese zu einem klassischen Biopic zu sehen. Fletcher setzt den Ton, in dem er seinen Elton John Taron Egerton im buntesten Glitzer-Flügel-Outfit auf Plateauschuhen einen Flur entlangstapfen lässt. Mehr Glam-Pop-Star geht kaum. Was aber anfangs wie ein klassischer Backstage-Weg zur Bühne wirkt, entpuppt sich als Flur einer Art Klinik. Elton John landet nicht auf der Bühne, sondern in einer Runde der Anonymen Alkoholiker – der er in den folgenden zwei Stunden erzählend, lachend, singend und weinend sein Leben anvertraut.

Rocketman ist außerdem eher ein biografisches Musical als ein Biopic, obwohl man ehrlicherweise sagen muss, dass diese Stoßrichtung schon von Drehbuchautor Lee Hall so angelegt war. Aber Dexter Fletchter umarmte die Idee von Anfang an – und er scheute auch nicht davor zurück, die Kapitel der Sucht und der toxischen Beziehungen in Elton Johns Leben zu zeigen. Zwar ist auch bei Rocketman der Künstler selbst involviert, sein Ehemann als Produzent beteiligt und das Label hat zahlreiche Hits freigegeben – aber man hat sich anscheinend früh geeinigt, zumindest in die so prägenden, dunklen Kapitel reinzudippen.

Fletcher sagte in einem Interview dazu: "Ich habe mich einfach nie eingeschränkt gefühlt, was die Richtung oder die Möglichkeiten des Films angeht. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal in die Hände bekam, war bereits ganz klar, dass es sich eher um ein Musical handelt. Man muss sich auch bewusst machen, dass es keine reine Biografie ist, sondern eine Erinnerung an eine bestimmte Zeit – mit all dem Ballast, der sie prägte." Es sei eben nicht darum gegangen, bloß zu erzählen: "Dann habe ich meinen Songwriting-Partner Bernie Taupin getroffen, dann habe ich 'Candle in the Wind' aufgenommen, dann bin ich shoppen gegangen."

Geholfen habe auch, dass der Film von Anfang an für Erwachsene gedacht war, was ihm weitere Freiheiten verschafft habe. Elton Johns Homosexualität hätte Dexter dabei durchaus ein wenig intensiver und erotischer zeigen können, aber er macht sie – anders als Bohemian Rhapsody das bei Freddie Mercury tut oder nicht tut – zu dem zentralen Element, das sie in Elton Johns Leben nun mal ist. Stark wird der Film aber vor allem dann, wenn er die Höhenflüge und die Abstürze in Elton Johns Leben mit geradezu explodierender Fantasie auf die Leinwand bringt.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

Hier wird Rocketman dann tatsächlich zum Kinomusical: Unvergessen ist zum Beispiel die Szene, in der Taron Egerton den Titelsong singt (der im Original "Rocket Man (I Think It’s Gonna Be A Long, Long Time" heißt). Elton John ist da gerade aus einem mehrtägigen Rauschzustand aufgeschreckt und streitet sich in seiner Villa in L.A. mit seinem toxischen Manager und Lover John Reid (Richard Madden) – übrigens der gleiche John Reid, der Mitte der 70er auch der Manager von Queen war (und in Bohemian Rhapsody freundlicher portraitiert wird als in Rocketman).

Elton ist verkatert, stinkt, ist ungewaschen – und sieht sich plötzlich seiner Familie und weiteren Partygästen gegenüber, die vor einigen Tagen eingeladen hatte. Elton streitet sich mit seinem Co-Songwriter Bernie Taupin, den er wie einen Bruder liebt, betrinkt sich, frisst eine Handvoll Schlaftabletten, marschiert zum Pool und kündigt an, sich umzubringen. Als er auf den Grund des Pools sinkt, sieht er dort plötzlich den kleinen Jungen Reginald Kenneth Dwight sitzen, aus dem einmal der schillernde Elton John werden sollte. Reggie spielt ein Kinderklavier, trägt eine Verkleidung auf halber Strecke zwischen Astronaut und Taucher und singt mit trauriger Jungenstimme "She packed my bags last night, pre-flight / Zero hour, 9 a.m. / And I′m gonna be high as a kite by then / I miss the Earth so much, I miss my wife / It's lonely out in space / On such a timeless flight."

Was folgt ist eine Revue, die düster und bunt zugleich ist: Die Partygäste tauchen herab und retten Elton, er wird ins Krankenhaus gefahren, tanzt mit den Ärzten, wird aufgepeppelt, kehrt singend in sein Leben zurück, spielt ein weiteres Konzert in einem spacigen Outift, springt auf sein Klavier, bringt die Masse zum Ausrasten und startet am Ende wortwörtlich wie eine Rakete aus dem großen Stadion, das er da bespielt, bis er als Feuerwerk im Himmel explodiert.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

Eine weitere ikonische Szene ist Elton Johns Live-Debüt im Kultclub "Trouabadour" in Los Angeles. Hier macht Dexter Fletchter die Magie dieses Konzerts mit einer ebenso einfachen wie brillanten Idee sichtbar: Er lässt Publikum und Musiker für ein paar Sekunden lang schwerelos erscheinen.

Dass diese Szenen so gut funktionieren, ist aber auch Taron Egerton zu verdanken. Den hatten viel nach seinem verunglückten Robin Hood aus dem Vorjahr schon abgeschrieben. In Rocketman spielt er praktisch um seine Karriere, übte sich monatelang in den Abbey Road Studios als Sänger der Elton-John-Classics, wuchs in die bunten Kostüme und Brillen hinein, lernte das Tanzen, Schreiten und Springen auf Plateauschuhen. Hilfreich war dabei, dass Egerton schon eine enge Verbindung zu Elton Johns Musik hatte: So sang er im Animationsfilm Sing als Gorilla Johnny "I’m Still Standing" und performte bei der Aufnahmeprüfung an seiner Schauspielschule "Your Song". Den sang er bei Rocketman übrigens live am Set ein.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

In einem Interview mit dem "Spiegel" erklärte Taron Egerton die Liebe zu dieser Musik so: "Es gab einfach eine Phase in meinem Leben, in der ich wie jeder Jugendliche Musik für mich entdeckt und wie wild alles aus der Vergangenheit aufgesogen habe. Ich habe ewig viele Videos der klassischen Rockstars angeschaut, von David Bowie, den Beatles und eben Elton John. Mein Lieblingsalbum ist 'Captain Fantastic and the Brown Dirt Cowboy' von 1974. In den Siebzigern gab es eine Zeit, in der er aus allen Rohren gefeuert hat, komplett im Genie-Modus. Die Musik aus dieser Zeit zu hören, finde ich sehr inspirierend."

Dem "Spiegel" sagte Tegerton auch, er fände, Rocketman würde als Musikfilm sehr bewusst eigene Wege gehen: "Wir kennen natürlich die ganzen Biopic-Vorläufer, und in seiner DNA ist unser Film eine Feier von Eltons Leben. Außerdem handelt es sich um ein kommerzielles Unterfangen, das versuchen wir auch gar nicht herunterzuspielen. Was wir aber anders machen, ist, dass wir die ganze Bandbreite von Eltons Verhalten zeigen. Wir sehen, wie er sich sehr schlecht benimmt, zeigen aber auch seine liebenswürdigen und verletzlichen Seiten. Das kommt Elton schon sehr nah: So ist das Leben, das er gelebt hat. Gerade zum Höhepunkt seiner Suchtkrankheiten muss er zum Teil sehr schwierig gewesen sein. Wir kennen alle die Geschichten seiner divenhaften Wutausbrüche."

Genau dieser am Ende ehrlich wirkende Cocktail aus Drama, Exzess, Leidenschaft, kreativer Energie und fantastischer Musik ist es, der Rocketman zu einem recht einzigartigen Musikfilm macht. Zwar hat auch er Schwächen – zum Beispiel wenn es um die Tiefe von wichtigen Charakteren wie Bernie Taupin oder Elton Johns Eltern geht, die ihm lange die Liebe verwehrt haben, die er brauchte – aber allein die Musikszenen will man immer und immer wieder sehen. Gerade weil sie auf historische Darstellungen pfeifen und damit keine Cosplay-Revue sind, sondern eigene, für sich stehende Kunstwerke, befeuert von einigen der besten Popsongs der letzten Jahrzehnte.

DK

Dazu in unserem Magazin

Arthaus Stores

Social Media