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John Carpenter will uns noch immer Schrecken bereiten

Eine Zoom-Audienz beim Horror-Altmeister, der gerade den Soundtrack zu Halloween Ends veröffentlichte und dessen Kultfilm Die Klapperschlange am Dienstag restauriert in ausgewählten Kinos läuft.

28. Oktober 2022

Eines vorweg: Bei Halloween Ends ist der Soundtrack bedeutend gruseliger als der Film von David Gordon Green. Der amerikanischen Horror-Profi führte zum dritten und letzten Mal Regie bei einem Halloween-Teil und hatte schon bei seinem ersten Beitrag die sehr gute Idee, alte Held:innen an Bord zu holen: John Carpenter für den Soundtrack, Jamie Lee Curtis in ihrer Paraderolle als Laurie Strode. Als klar war, dass ich über Carpenters Musiklabel Sacred Bones eines der sehr seltenen Interviews bekommen hatte, durfte ich auch Carpenters Halloween Kills-Soundtrack vorab hören. Wochenlang gönnte ich mir die Mutprobe, auf dem Heimweg von meiner Stammkneipe die Songs zu hören. Gerne mit eingeschalteter Geräuschunterdrückung. Hören Sie doch einfach mal den neuen "Main Title" und stellen sich dabei eine neblige Neuköllner Straße um halb zwei nachts vor – dann wissen Sie, wie das wirkt.

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"Meine Aufgabe im Leben ist es, die Menschen zu erschrecken."

Aber obwohl ich Halloween Ends sogar, wie gruselig, ganz allein im Kino während einer Spätvorstellung schauen musste, jagte mir keines der Bilder so viel Angst ein, wie diese Musik – die John Carpenter übrigens seit einigen Jahren mit seinem Sohn Cody Carpenter (Foto, rechts) und seinem Patenkind Daniel Davis (Foto, links) aufnimmt. Als ich ihm das sagte, bei einem ebenfalls nächtlichen Zoom-Interview (bei ihm war es früher Mittag), lachte er einmal trocken und meinte nur: "Dann habe ich ja meine Aufgabe erfüllt. Das ist meine eine und einzige Aufgabe im Leben: die Menschen zu erschrecken. Entweder mit Bildern oder mit Musik."

Vor einem Interview mit John Carpenter kann man übrigens auch ein wenig Angst haben. Hatte ich zumindest. Wer sich im Internet umschaut, findet nämlich einige Gespräche, wo Carpenter zwar seinen immer gut sitzenden "Humor trocken" am Start hat, aber oft eher einsilbig antwortet. Ich dachte mir, dass bei dieser Angst die Flucht nach vorne vielleicht die beste sei und fragte ihn am Ende einfach, ob er noch gerne Interviews gibt. Darauf meinte er: "Ach, in einem reduzierten Maße mag ich das noch ganz gerne. Ich muss nur die Zeit massiv reduzieren, die ich damit verbringe, weil mein Gehirn dabei nach einer Weile etwas matschig wird. Vor allem, wenn alle das gleiche fragen. Aber Ihre Fragen waren natürlich großartig." Dann lachte er wieder dieses trockene Lachen und fügte noch hinzu, dass das Gespräch interessant gewesen sei, er sich nun aber auch freue, weiter die NBA im Fernsehen zu schauen. Die Basketball-Liga hätte gerade begonnen, sein Team, die Golden State Warriors, haben die Los Angeles Lakers besiegt – das finge also ganz gut an.

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"Jetzt geht es mir besser. Sehr viel besser."

Wenn am kommenden Dienstag die 4K-Version von Die Klapperschlange gezeigt wird, werden viele schon beim ersten Klang des "Main Title" in die Carpenter-Welt eintauchen. Auch dieser Soundtrack stammt vom Carpenter – und von Alan Howarth. Carpenter führte bekanntlich auch Regie und schrieb das Drehbuch mit seinem Kumpel Nick Castle. Das war bei vielen seiner Produktionen so – und auch ein Grund, warum Carpenter das Filmemachen vor vielen Jahren, nach The Ward (2010), an den Nagel hängte. Mir erzählte er: "Ich habe einfach das Regie-Führen gegen das Aufnehmen von Film-Soundtracks und meinen eigenen Alben eingetauscht. Ich habe nicht mehr diesen fürchterlichen Druck. Filme zu machen ist ein enorm harter Job. Als würde man in einer Braunkohle-Mine schuften. So hart ist es. Es frisst Zeit. Geld. Da ist der Druck, der auf dir lastet. In jeder einzelnen Sekunde." Das habe ihn zermürbt. Und dann war es in seinem Fall eben so, dass ich manchmal das Drehbuch schrieb, den Film inszenierte und am Ende auch noch die Filmmusik machen musste. Ich war also völlig ausgebrannt von der Regiearbeit und habe jahrelang pausiert. Jetzt geht es mir besser. Sehr viel besser."

"Ich bringe nur meine Erfahrung ein."

Seiner Karriere hat diese Entscheidung erstaunlich wenig geschadet. Denn Carpenter und seine familiären, kreativen Mitstreiter gelten inzwischen als Meister der dunklen Instrumentalmusik. Das war er zwar ein Stück weit immer schon so, es hat sich aber noch verstärkt, seitdem Carpenter bei dem geschmackssicheren Label Sacred Bones gesignt ist und viele junge Musiker:innen inspiriert hat. Die Dynamik der Arbeit mit Cody und Daniel beschreibt mir Carpenter dann mit nonchalantem Understatement: "Wenn ich mit den beiden zusammenarbeite, bringt jeder von uns seine Stärken mit an den Tisch. Das ergänzt sich prima. Daniel ist ein sehr neugieriger, ungemein kreativer Klangforscher und ein Gitarren-Virtuose. Cody ist ein Keyboard-Virtuose. Und ich bringe meine Erfahrung ein." Auf die Frage, ob wirklich nur Erfahrung, meinte er: "Im Grunde, ja."

Wie gut diese Musik auch ohne einen Film von ihm funktioniert, beweisen vor allem die Alben der "Lost Themes"-Reihe. Wer diese Platten mit guten Kopfhörern hört und ein wenig abgründige Fantasie mitbringt, hat die wildesten Horrorfilme im Kopf. So war es zumindest bei mir. Oder aber man liest dabei ein Buch von Clive Barker, HP Lovecraft, Mariana Enríquez oder Thomas Ligotti – auch das kann ich ausdrücklich empfehlen. Als ich ihm davon berichte, sagt John Carpenter: „"ch gratuliere Ihnen: Genau so waren diese Alben gedacht."

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Dass John Carpenter etwas schlechtes über die letzten Halloween-Filme sagt – auch darauf kann man lange warten. Als ich ihn fragte, wie sich das anfühle, zum vermeintlich letzten Mal Michael Myers gegen Laurie kämpfen zu sehen, antwortete er – obwohl ich eigentlich nur wissen wollte, ob er etwas für diese von ihm einst geschaffenen Figuren empfinde – etwas genervt: "Das damals, 1978, war mein Film. Ich habe da Regie geführt. Jetzt ist es David Gordon Greens Film und es sind seine Ideen. Ich unterstütze seine Ideen. Ich habe keine Besitzansprüche oder Gefühle, die mich umtreiben. Alles super. Jeder will von mir wissen: ‘Was denkst du über den Film? Bist du verärgert?´ Nein. Da kümmere ich mich gar nicht drum. Ich mache meinen Job." Und den macht er weiterhin extrem gut – hoffentlich noch eine ganze Weile länger. Neue Musik werde auch schon wieder aufgenommen, aber auch dazu sagte er mit trockenem Grinsen: "Aber Sie kennen das Spiel: Was da kommt, werde ich Ihnen natürlich jetzt nicht verraten." Fair enough, Mr. Carpenter.

Alle Informationen zu den Vorführungen von Die Klapperschlange im Rahmen unserer "Best of Cinema"-Reihe finden Sie hier.

Daniel Koch

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