Es ist schon wieder passiert: Leaving Las Vegas geschaut, im Vorfeld drauf gefreut, zwei Stunden lang in einer Art Emotionsdelirium auf den Fernseher gestarrt – und danach völlig fertig stundenlang die Gedanken gesammelt. Und dabei vor allem mit diesen Fragen gerungen: Warum schaut man so gerne einen Film, der eigentlich ein gnadenloses Portrait von Alkoholismus ist? Wie kann dieser Film zugleich eine der schönsten und tragischsten Liebesgeschichten des 90er-Jahre-Kinos sein? Und wie wird man jetzt diese melancholische, tieftraurige Jazzmusik wieder los, die noch immer im Hinterkopf läuft und angenehm auf die eigene Stimmung drückt?
Bei diesem Durchlauf – der vielleicht fünfzehnte im Leben des ARTHAUS-Redakteurs – hittet Leaving Las Vegas noch einmal anders, da man zuvor auch endlich die Romanvorlage gleichen Namens gelesen hat. Damit wird das Drama noch ein wenig größer: "Leaving Las Vegas" ist nämlich der einzige Roman, der zu den Lebzeiten von John O’Brien veröffentlicht wurde. Der 1960 geborene Schriftsteller kämpfte jahrelang gegen seine Depressionen und seine Alkoholsucht. Seine Ehe scheiterte daran. Selbst diverse Aufenthalte in Suchtkliniken halfen O’Brien nicht. Am 10. April 1994 beging er in seiner Wohnung in Beverly Hills Suizid – zwei Wochen, nachdem er erfahren hatte, dass sein Debütroman verfilmt wird.
Mike Figgis – Regisseur, Drehbuchautor und mit Anthony Marinelli auch Score-Komponist von Leaving Las Vegas – sagte später in einem Interview: "Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich habe ernsthaft überlegt, den Film nicht zu machen, aber am Ende habe ich mir gedacht, dass weiterzumachen und den Film zu drehen das Beste sei, was ich für John tun könnte."
Nicolas Cage, der die männliche Hauptrolle spielte und dafür einen Oscar als "Bester Darsteller" bekam, nannte den in Teilen autobiografischen Roman "den 189-seitigen Abschiedsbrief eines Selbstmörders." Damit hat er einen Punkt – aber das Buch ist viel mehr als das.
John O’Brien folgt in seinem Roman der Prostituierten Sera und dem ehemaligen Drehbuchautoren Ben Sanderson, der beschlossen hat, sich in Las Vegas zu Tode zu saufen. Sera ist vor einem übergriffigen Zuhälter und Ex-Freund in Los Angeles geflohen und kommt eigentlich ganz gut zurecht als unabhängige Prostituierte. Wobei hinter der ihrer aufgeräumten Fassade, Traumata und Gewalt lauern. Man merkt immer wieder, dass Sera dunklen Zeiten entflohen ist – und sie der Vergangenheit nie so ganz entkommen konnte. Auch ihr Job, dem sie mit einem gewissen Stolz nachgeht, bleibt gefährlich: Schon im ersten Kapitel wird sie von einer Gruppe College-Boys vergewaltigt – eine brutale Szene, die im Film erst zum Ende erzählt wird.
Ben wiederum hat beschlossen, sein Leben zu beenden. Er hat seine Familie verloren, seinen Job, den Zugang zu seinem Kind. Mit den letzten Resten seiner vorher recht sicheren Existenz, reist er nach Las Vegas, um dort mit Ansage im Strudel aus Suff und Glücksspiel zu ertrinken.
Als die beiden sich schließlich finden, entwickelt sich schnell eine Liebe, die einer eigenen Logik folgt. Sera und Ben akzeptieren sich so, wie sie sind. Ein Deal, der allerdings nach und nach für Sera nicht mehr ganz so gut aufgeht. Ben sieht in ihr in seinen Rauschzuständen einen Engel, der sie auf den letzten Metern begleitet – Sera wiederum will Ben irgendwann ernsthaft helfen und verzweifelt daran, dass er ihr nie das Maß an Intimität geben kann, dass sie sich von ihm wünschen würde. Trotzdem gibt es in Buch und Film etliche Szenen voller Zärtlichkeit – oft nur wenige Sekunde bevor wieder Glas zerbricht, Blut fließt, oder ein anderes Drama ausbricht. Sera bringt ihre Liebe am Ende perfekt auf den Punkt: "Ich mochte sein Drama – und er brauchte mich. Ich habe ihn geliebt."
Mit Blick auf den Film ist vor allem spannend, wie lange O’Brien sich Zeit lässt, bevor Sera und Ben bewusst aufeinandertreffen und eine Beziehung beginnen, wie man sie selten gelesen oder im Kino gesehen hat. Erst in der zweiten Buchhälfte passiert das – aber da sind einem beide schon lange ans Herz gewachsen. O’Brien ist nämlich ein fantastischer Erzähler. Im Wechsel verbringen wir jeweils ein langes Kapitel mit der Perspektive von Sera und dann von Ben. Sera macht den Anfang – und man wundert sich, wie gut es dieser beim Schreiben nicht Mal dreißigjährige Autor schafft, sich in sie hineinzuversetzen. Der Verdacht liegt dabei nahe, dass es da ein reales Vorbild für Sera gab. In den Ben-Kapiteln ist es schlüssiger, dass O’Brien so überzeugend diese stoische Gefühlswelt und dieses gebrochene Charisma zu Papier bringen konnte – Bens Charakter dürfte dem Autor recht nahe gewesen sein.
Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen, dem Buch eine Chance zu geben: Gerade, weil es chronologisch ein wenig anders funktioniert und der Geschichte von Ben und Sera noch mal eine andere Tiefe gibt. O’Brien beschreibt Las Vegas dabei hart, poetisch, schillernd – und er lässt immer wieder schmerzhafte Erinnerungen aus Bens und Seras Leben durch die Story wehen. Das funktioniert erzählerisch ganz anders als der Film – und ebenso gut.
Aber zurück zum Film: Leaving Las Vegas ist Mike Figgis‘ Meisterstück. Eine zugleich tieftraurige und auf kaputte Weise tröstende Ballade, in der Schauspiel, Storytelling, Musik und Bild auf wunderbare Weise ineinandergreifen.
Mike Figgis warf sich für die Dreharbeiten mitten rein ins bunte und abgründige Las Vegas. Viele Szenen wurden guerilla-mäßig mit Super-16-mm-Handkameras in den Straßen und Casinos der Stadt gedreht. Figgis hatte nämlich ein für Hollywood-Verhältnisse geradezu lächerliches Budget und machte den Film für rund 3,5 Millionen Euro – was ihm allerdings die kreative Freiheit einbrachte, die es brauchte, um diese harte Geschichte auf diese Weise zu erzählen.
2011 sagte Figgis in einem Interview dazu: "Wir hatten schlichtweg kein Geld und wollten nicht so tun, als hätten wir es. Wir konnten nicht einfach den Strip in Las Vegas sperren – also haben wir mittendrin gedreht." Nicolas Cage empfand gerade das als sehr befreiend. Er sagte dem Filmkritiker Roger Ebert 1995: "Als Schauspieler war es für mich befreiend, eine 16-mm-Kamera vor der Nase zu haben, weil sie viel kleiner ist und man sich von ihr nicht so eingeschüchtert fühlt. Sie fängt diese kleinen Nuancen viel besser ein."
Auch den Filmscore hat man ein Stückweit dem schmalen Budget zu verdanken. Mike Figgis komponierte ihn einfach mit Hilfe von Anthony Marinelli selbst. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der Film manchmal wie visuelles Album anfühlt, weil die Musik ganz nah am Rhythmus des Films ist. Und selbst Sting-Hater müssen anerkennen, dass der Einsatz von "Angel Eyes" im Film zum Sterben schön ist.
Nicolas Cage sagte Ebert dazu: "Mike Figgis, der Regisseur, ist Musiker. Er ist ein hervorragender Komponist. Wenn man sich den Film zu Beginn ansieht, klingt die Musik wie Blues. In der Mitte klingt sie eher nach Jazz. Und gegen Ende ist sie sehr opernhaft."
All das hätte natürlich wenig gebracht, wenn nicht die Hauptdarsteller:innen so überzeugend gespielt hätten. Nicolas Cage trifft den Charakter von Ben perfekt, obwohl oder gerade, weil Figgis ihn im Vergleich zum Roman-Ben mit Absicht ein wenig überzeichnet. Ben säuft Alkoholmengen, die geradezu unrealistisch sind, und sowohl der Charisma- wie auch der Suff-Regler sind beim Film-Ben oft auf der 11. Das hat allerdings den Effekt, dass die zärtlichen Momente zwischen Ben und Sera noch intensiver wirken.
Nicolas Cage beschrieb diesen Charakter im Gespräch mit Roger Ebert so: "Ich mag diese spannende und grausame Ironie: Einerseits ruiniert Ben sich selbst. Andererseits hätte er ohne diesen Alkoholkonsum nicht das gefunden, was ich als wahre Liebe betrachte. Er hätte Sera in dieselbe mit Vorurteilen beladene Schublade gesteckt wie alle anderen Männer auch, nämlich dass sie eine Prostituierte und nicht ernst zu nehmen ist. Durch den Alkohol sieht er sie so, wie sie wirklich ist: als einen Menschen mit einem guten Herzen. Auch wenn er sich selbst ruiniert, hat er am Ende doch diese Erfahrung wahrer Liebe gemacht – und das ist mehr, als viele Menschen von sich behaupten können."
Für Elisabeth Shue war die Rolle ein Wagnis: Man kannte sie als Love Interest von Tom Cruise aus Cocktail und liebte sie für ihre Rollen in Zurück in die Zukunft II und III. Konnte und wollte sie dieses abgründige Drama spielen? In einem Interview zum 20. Jubiläum des Films gab sie zu, dass sie sich nicht ganz sicher war, ob sie die Rolle meistern könnte. "Aber ich fühlte mich so bereit, dass es mir fast egal war. Es ging nicht mehr darum, ob ich es schaffen würde oder nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich diese Rolle übernehmen musste, also hatte ich keine Bedenken."
Später nannte Elisabeth Shue Sera die "mit Abstand die beste Rolle, die ich je hatte. Sie wird, glaube ich, immer für mich etwas ganz Besonderes sein. Ich hatte mich vorher ein paar Mal mit Mike [Figgis] getroffen und war sehr zuversichtlich, dass er mir vertrauen würde, ohne dass ich mich erst beweisen musste. Es ist schwer für Schauspielerinnen, solche Traumrollen zu bekommen, daher war es etwas ganz Besonderes, dass ich diese Chance bekommen habe."
Mike Figgis sagte in einem Interview zur 4K-Restauration über Elisabeth Shue: "Ich habe mir den Film kürzlich noch einmal angesehen, weil wir diese neue DVD herausbringen. Eigentlich sollte ich mir nur die Farbkorrektur ansehen, aber dann habe ich den Film einfach nur angeschaut und war unglaublich bewegt vom Spiel der beiden. Ich habe immer geliebt, was Elisabeth gemacht hat – und ich finde, sie hat Nic den Rahmen gegeben, der es ihm ermöglichte, einen Oscar zu gewinnen. Sie hat es den Leuten ermöglicht, ihn als Figur zu mögen, und man braucht diese Art von Nebenrolle, um sich zu profilieren."
Natürlich lobte Figgis danach auch Cages faszinierende Darstellung einer selbstzerstörerischen Persönlichkeit. "Als ich die Nuancen von Nics Schauspiel sah, wurde mir wieder bewusst, was für ein großartiger Schauspieler er ist", sagt Figgis heute.
Leaving Las Vegas ist gerade in einer restaurierten Version noch einmal fürs Heimkino erschienen, nachdem der Film schon im Frühjahr bei den "Berlinale Classics" lief und da sicherlich viele Leute mit Tränen in den Augen nach Hause schickte. Das so günstig gedrehte Drama spielte damals ungefähr 43 Millionen Euro im Kino ein und zählt bis heute zu den bewegendsten Filmen Hollywoods – gerade, weil Figgis und sein Cast es geschafft haben, dieses mit einem realen Schicksal verwachsene Drama zugleich dokumentarisch, schonungslos und poetisch auf die Leinwand zu bringen.
Daniel Koch