"Ein wahre Geschichte im Zeitalter des Fake" – so steht es auf dem Umschlag der Memoiren "Blow Up" des ehemaligen Zeitgeist-Journalisten Tom Kummer. Der begabte Tennisspieler schrieb zunächst für die Lifestyle-Postille Tempo, bevor er sich einen Namen als Hollywood-Reporter machte, der den Stars interessantere Zitate aus der Nase zu ziehen vermochte als sämtliche Kollegen.
Kummers Talks mit Pamela Anderson oder Charles Bronson wurden von deutschen Redaktionen bewundert und im Feuilleton veröffentlicht, bis eines Tages herauskam, dass Kummer seine Phantasie bemüht hatte, um aus oft belanglos verlaufenden 10-Minuten-Audienzen spannende Unterhaltung(en) zu stricken. Er selbst fand Gefallen an der Methode. Irgendwann bemühte er sich nicht mehr um fadenscheinige Interviewtermine, schrieb seine Storys einfach ganz ohne Vier-Augen-Geplauder.
Erstaunlicherweise kannte Cage den Fassbinder-Film
Der Witz bei der ungeheuerlich klingenden Sache, die vor einem Vierteljahrhundert publik wurde: Kummer dürfte längst nicht der einzige Journalist gewesen sein, der Zusammentreffen mit Prominenten später etwas hinzugedichtet hat, jedenfalls beschuldigte er im vor 20 Jahren erschienen, oben erwähnten Buch über den Skandal diverse andere Schreiber, sich ähnlich zweifelhaft verhalten zu haben.
Wobei man zugeben muss, dass Kummer herausstach, mit seinen Erfindungen stets einen Nerv traf. Ja, man würde sich im Nachhinein wünschen, dass manches seiner Interviews tatsächlich so stattgefunden hätte. Dazu gehört auch jenes mit Nicolas Cage aus Anlass des Kinostarts von Leaving Las Vegas, Cage brilliert unter Regisseur Mike Figgis als Alkoholiker, der seinem Leben ein Ende setzen möchte. Das berührende Drama bereichert ab Ende Mai in einer neuen 4-K UHD-Fassung auf Blu-ray unseren Katalog. Derweil ist seit einigen Tagen Händler der vier Jahreszeiten von Rainer Werner Fassbinder bei ARTHAUS+ zu sehen. Und Kinofan Kummer war damals vor dem Rendezvous mit Cage eine Parallele zwischen diesen beiden Filmen aufgefallen, so dass er auf den halbwegs verwegenen Gedanken kam, den Bezug von Leaving Las Vegas zu Fassbinders Melodram anzusprechen.
Hans Hirschmüller als Hans Epp © Studiocanal
Ein anderer Journalist kommentierte den Vorfall nach Bekanntwerden des Betrugs, Tom Kummer zitiert in seinen Erinnerungen aus diesem Artikel:
"Im März 1996 hat der Schweizer Journalist Tom Kummer den amerikanischen Schauspieler Nicolas Cage gefragt: Kennen Sie eigentlich den Film Händler der vier Jahreszeiten? Da trinkt sich ein bayerischer Obstverkäufer namens Hans Epp systematisch zu Tode. Erstaunlicherweise kannte Cage den Fassbinder-Film. Das Gespräch fand in Los Angeles statt, und die Frage passte gut, weil Cage in Leaving Las Vegas einen Drehbuchschreiber spielt, der sich systematisch zu Tode trinkt. (...) Allerdings ist es seit Montag nicht mehr hundertprozentig sicher, ob Nicolas Cage wirklich den Obstverkäufer namens Eppe kennt. Es wurde vermeldet, dass sich Tom Kummer einige seiner Star-Interviews einfach ausgedacht hat. Die Erschütterung in Journalistenkreisen ist groß, obwohl jeder (...) wissen muss, dass man mit Superstars keine Interviews führen kann, in denen sie über Fassbinderfilme philosophieren."
Warum eigentlich nicht? Auf einen Versuch käme es jederzeit an, und solange das nicht passiert, muss man sich wohl oder übel mit Kummers krimineller Vorstellungskraft und literarischer Chuzpe behelfen, andere Interviewer haben schon wesentliche dümmere Fragen gestellt. Wir empfehlen als Reminiszenz an diesen spektakulären Presseskandal jedoch am ehesten ein baldiges Double Feature mit Händler der vier Jahreszeiten und Leaving Las Vegas im Heimkino. Denn eines ist gewiss – die Filme lügen nicht.
WF