Leid und Herrlichkeit: Männerfreundschaft

Die unendliche Geschichte von Pedro und Antonio

Filmgeschichten, Gespräche 25. Juli 2019

Am heutigen Donnerstag startet der autobiografische Almodóvar-Film Leid und Herrlichkeit via Studiocanal. Neben Penélope Cruz spielt darin ein weiterer Weggefährte des spanischen Filmemachers eine entscheidende Rolle. Wir sprachen mit Antonio Banderas über sein Verhältnis zu Almodóvar und über diese spezielle Herausforderung.

Antonio Banderas hatte am Set einiges zum Nachdenken

Am Ende des Gesprächs tanzt Antonio Banderas beinahe schon aus dem Zimmer. Dabei beweist er im Handumdrehen sein außergewöhnliches Können. Für ein paar Sekunden aus der Nähe, betrachtet, wirkt es noch beeindruckender als gut anderthalb Stunden lang auf der Leinwand. Sein Charakter Salvador Mallo, die Hauptfigur in Pedro Almodóvars autobiografisch gefärbtem Film Leid und Herrlichkeit, rauche andauernd Opium, erklärt Banderas. Deshalb spiele er ihn immer etwas benebelt und gehe leicht geduckt. Spielerisch schlüpft er für die versammelten Journalist*innen also noch mal in die Rolle. Und verabschiedet sich mit einem Lächeln, das gar nicht dumpf berauscht rüberkommt, sondern hellwach, offen und herzlich. Auch ein Kunststück an einem Tag, an dem Dutzende Leute mit ihm über diese sehr persönliche Angelegenheit sprechen wollen.

In den vorangegangenen Minuten ist Antonio Banderas durchaus anzumerken gewesen, dass die neuerliche Zusammenarbeit mit Almodóvar eine spezielle Herausforderung für ihn war. Er habe doch sehr gestaunt, als er das Drehbuch zu Leid und Herrlichkeit las. "Almodóvar hat sich nackt gemacht. Er hat die Hosen runtergelassen!" so Banderas. Da klingt Hochachtung an aber auch bleibendes Erstaunen. Ein wenig konnte der 69-jährige Filmemacher die Sache mittlerweile relativieren. Die Opiumgeschichte sei demnach frei erfunden. Aber Almodóvar hat diesen Salvador Mallo trotzdem stark nach dem eigenen Antlitz und nach seinem tatsächlichen Werdegang geformt. "Mallos Wohnung ist eins zu eins so eingerichtet wie die von Almodóvar" erklärt Banderas. Und da man weiß, welche Wichtigkeit die Kulissen und Kostüme im Werk des Spaniers einnehmen, muss man das als deutlichen Hinweis verstehen: Sehr her, es geht um mich. Um das Leben des Pedro Almodóvar. Eine persönlichere Färbung hätte er Leid und Herrlichkeit kaum geben können.

Die Haut, unter die es geht

Die Arbeit an dem Film sei verdammt emotional gewesen. Banderas scheint die Erfahrung noch mal zu durchleben, während er davon erzählt. Mitunter gehe Almodóvar am Drehtag einzelne Szenen mit den Schauspieler*innen durch. Eines Morgens sei das Gespräch Mallos mit seiner teils von Penélope Cruz verkörperten Mutter an der Reihe gewesen, einer der zentralen Momente der Handlung. Der Regisseur las die Passagen der im Alter eher mürrischen Mutter aus dem Skript, um Antonio Banderas auf seinen Part vorzubereiten: "Dann nahm er sich meinen Teil des Dialogs vor und dabei versagte ihm plötzlich die Stimme. Er konnte einfach nicht weiterlesen", berichtet Banderas. "Es hat ihn zu sehr mitgenommen. Er konnte die Worte, die er selber verfasst hatte, nicht mehr in den Mund nehmen: `Es tut mir leid, dass ich nicht der Sohn bin, den du dir gewünscht hast.` Es hat mich tief berührt, das zu erleben und meine Darstellung geprägt, ohne dass ich Almodóvars Mimik und Gestik hätte imitieren wollen."

v.l.n.r. Asier Etxeandia, Pedro Almodovar, Antonio Banderas © Studiocanal/ El Deseo / Manolo Pav

Keine einfache Konstellation. Schließlich ist Antonio Banderas Schicksal eng mit Almodovars verknüpft. Einst feierte er in dessen Drama Labyrinth er Leidenschaften sein erstes Karriere-Highlight. Der Beginn einer wunderbaren Partnerschaft, die sich zu einer wahren Freundschaft entwickelte. In der Folge wirkte Banderas in einigen von Almodóvars großen Erfolgen mit: Matador, Das Gesetz der Begierde, Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Fessle mich. Als Banderas in den 1990ern dem Ruf Hollywoods folgte, reagierte Almodóvar nicht begeistert. Ja, der Kumpel habe da schon die Nase gerümpft, gibt Banderas freimütig zu Protokoll. Als es 2011 bei Die Haut, in der ich wohne zur Reunion kam, habe er seinem Mentor anfangs noch zeigen wollen, was er in der Traumfabrik und in Produktionen wie Philadelphia, Four Rooms, Evita oder Die Maske des Zorro gelernt hatte. Doch Almodóvar bat ihn, das alles lieber zu vergessen. Ein Almodóvar-Film ist eben kein Hollywood-Streifen. An seinen Sets gelten eigene Gesetze.

Die schrillen Klamotten und die schrulligen Figuren mal beiseite gelassen: Der Altmeister ist ein geschickter Erzähler. Er vermag sein Publikum auch in melodramatischen Situationen noch zum Lachen zu bringen – ebenso wie er lustige Szenen gekonnt mit einer tragischen Note versieht. Auch die Geschichte des eigenen Lebens balanciert auf jenem Drahtseil, das als roter Faden und als Spannungsbogen dient. So einfach die Story auch sein mag, sie steckt voller Doppelbödigkeit und wartet am Ende mit einer wunderbar schlüssigen Pointe auf. Dabei geht es hauptsächlich um den einst sehr erfolgreichen Regisseur Mallo, der sich in einer Schaffenskrise befindet. Während Almodóvar dessen schmucklose Kindheit aufrollt, konfrontiert er den fahlen Mallo in der Gegenwart mit allerlei Wehwehchen, seinem alten Liebhaber und dem zerrütteten Verhältnis zu einem Star seiner Filme.

Und natürlich immer wieder mit seiner Mutter.

Penélope Cruz als Salvador Mallos Mutter. Der Kleine wird gespielt von Asier Flores

Der Liebhaber galt im Vorfeld als interessantes Detail, weil Almodóvar seine eigene Homosexualität thematisiert. Banderas spielt diese Liebelei mit viel Feingefühl, doch heftiges Pathos kommt in Leid und Herrlichkeit nicht auf. Falls es doch mal kurz an die Tür klopft, wird es von der Almodóvarschen Dialektik gleich wieder hinauskomplimentiert: Unter der bunten Oberfläche lauert immer wieder der graue Alltag, während noch jede Banalität in leuchtenden Farben erstrahlt. Es ist allerdings schon eine Überraschung, Banderas live zu erleben, wirkt er doch ungefähr 20 Jahre jünger als sein kränkelnder Filmcharakter – und topfit. Nur so ist es allerdings zu erklären, wie der beinahe 60-jährige so kurz nach einem Herzinfarkt derart viel Herzblut in dieses Projekt stecken kann. Es wäre nicht möglich gewesen, halbherzig an die Sache heranzugehen, stellt Banderas fest. Nie zuvor habe er mehr über Pedro Almodóvar lernen können. Ein Privileg, das er sich mit schonungslosem Einsatz verdiente.

Es ist dem versammelten Talent von Almodóvar und Banderas zu verdanken, dass ihre Arbeit sich für das Publikum bezahlt macht. Wir staunen über eine federleicht erzählte Geschichte, die von den ganz normalen Problemen eines einzigartigen Genies handelt.

WF

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