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Einladung zur Weltflucht: Endlich wieder Kino!

Die Situation bleibt angespannt, aber zumindest die Freiluft-Saison kann unseren Kino-Entzug ein wenig lindern. Wir verbrachten einen Abend mit Jim Jarmusch, Iggy Pop, Nobody und Dead Man Johnny Depp im Freiluftkino in der Berliner Hasenheide. Ein Erfahrungsbericht.

Filmgeschichten 24. Juni 2020

Ein perfekter Sommerabend: Es ist halb zehn und immer noch T-Shirt-Wetter. Auf den Rasenflächen des Berliner Parks Hasenheide sitzen junge Menschen auf Picknick-Decken. Sie trinken Bier oder Wein, kiffen einen Feierabend-Joint oder dösen vor sich hin. Irgendwo schallert der stetige Bass von einem dieser "illegalen Corona-Raves", wenn man der Berlin-Presse glauben darf.

Raves können mir allerdings heute gestohlen bleiben: Gruppenkuscheln unter der Disco-Kugel ist schließlich immer noch viel zu gefährlich, auch wenn Berlin anscheinend kollektiv beschlossen hat, keinen Bock mehr auf Corona zu haben. Als wäre die Sache damit gegessen …

Ich bin auf dem Weg ins Freiluftkino Hasenheide, dem etablierten Außenposten der Kinos in den Hackeschen Höfen. Die idyllische Freiluftarena liegt inmitten des Parks, der an den Rändern oft ein wenig rough erscheint, in seinem Herzen aber erstaunlich schön geraten ist. Es ist mein erster Kinobesuch, seit, mh, mal schauen: Jojo Rabbit im Babylon Kreuzberg in der Woche vor den Kino-Schließungen. Heute läuft ein spleeniger 90er-Klassiker aus unserem Hause, den ich zuletzt tatsächlich Ende der 90er gesehen haben dürfte: Dead Man von Jim Jarmusch. Der Soundtrack wiederum läuft regelmäßig bei mir: Neil Youngs improvisierte Rangeleien mit seiner elektrischen Gitarre sind die perfekte Musik für das Lesen seltsamer Bücher oder das Schreiben nächtlicher Texte.

William Blake und Nobody © STUDIOCANAL GmbH

William Blake und Nobody © STUDIOCANAL GmbH

Auch wenn bundesweit bereits Kino-Öffnungen erlaubt sind, ist die Situation natürlich immer noch schwierig: Das Durchsetzen von Hygienevorschriften ist in geschlossenen Räumen oft nur bei minimaler Auslastung möglich, was sich für die Kinobetreiber*innen kaum lohnen dürfte. Außerdem muss ich zugeben, dass ich mich trotz Maske noch nicht wirklich entspannen könnte, wenn ich zwei Stunden in einem geschlossenen Raum säße mit ein paar Dutzend Menschen, die ich nicht kenne. Eine Erkenntnis, die schmerzt, wenn man nicht nur gerne ins Kino sondern ebenso leidenschaftlich auf Clubkonzerte geht – und weiß, dass genau das den Menschen, die meine Herzensorte betreiben, so zusetzt.

Es ist also eine Mischung aus Euphorie, Entzugserscheinungen, Vorsicht und Neugier, mit der ich am Kino ankomme. Es hilft, dass die Betreiber*innen alles richtig machen: Ticketkauf online im Vorfeld, nur 200 von den 900 Plätzen besetzt, Personal, das freundlich bestimmt darauf hinweist, dass man nur an seinem Platz die Maske abnehmen darf, dass Mindestabstände einzuhalten sind und maximal vier Personen zusammensitzen dürfen. Wenn eine Familie größer ist, müsse man "zwei Haufen bilden", heißt es auf der Website. Wo, ebenfalls sehr charmant formuliert, auch steht: "Die Pause orientiert sich an der Länge der Schlange vor dem Damenklo."

Schon beim Bierkaufen merke ich, wie sehr ich das Kino und die Menschen, die man dort trifft, vermisst habe. Hinter mir schaut ein Paar Arm in Arm etwas versonnen auf die Leinwand, auf der gerade ein Trailer für Leid und Herrlichkeit läuft. Die beiden Frauen seufzen, dann sagt die eine: "Ach, ich fand den ja etwas selbstverliebt." Und die andere ergänzt: "Ja, aber Almodóvars Filme sehen einfach immer so geil aus." Hach, mal unter uns Filmjournalist*innen: Diese Szenen sind doch oft das Salz unserer Kritiken …

So sähe es in einem normalen Sommer aus. Momentan werden von 900 möglichen Plätzen nur 200 besetzt. © Aki Güldner / Freiluftkino Hasenheide

So sähe es in einem normalen Sommer aus. Momentan werden von 900 möglichen Plätzen nur 200 besetzt. © Aki Güldner / Freiluftkino Hasenheide

Dann beginnt endlich dieser seltsame, geniale, lakonische Film. Ein Zug rattert zur Endstation in "Machine", Johnny Depp rückt seine Buchhalter-Brille zurecht, seltsame Büffeljäger und andere Freaks füllen das Bild. Dazu klingt es, als säße Neil Young direkt hinter der Leinwand. Ein schöner Gedanke, der mich Konzerte noch mehr vermissen lässt. Das Publikum ist andächtig, wie ich es lange nicht mehr im Kino erlebt habe. Was ebenso am Film liegen könnte wie an einer Art kollektiven Dankbarkeit, dass man überhaupt wieder vor Leinwänden sitzen kann - die ich seltsamerweise immer dann spüre, wenn man im Film an einem Lagerfeuer sitzt. Könnte ich mir aber auch einbilden. Wobei man schon sagen muss, dass die Dialoge zwischen dem Indianer Nobody (Gary Farmer) und William Blake (Johnny Depp) beim Reiten oder eben am Feuer zu den Highlights des Films zählen. Gleiches gilt für das Zwischenspiel mit Iggy Pop und seinen Halunken als fürsorgliche(r) Sally Jenko.

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Nach dem Film schlendere ich ein wenig melancholisch nach Hause. Denn die Fragen bleiben ja: Wie soll das alles weitergehen? Wie viele meiner Lieblingskinos werden überleben? Wann wird es wieder möglich sein, spontan am Sonntagnachmittag ins Neue Off zu gehen?

Aber bei all der Sorge kann ich mich auch nicht dagegen wehren, die spannenden Möglichkeiten zu wittern: Wenn die Situation wieder normal ist, was werden wir dann alles im Kino zu sehen bekommen? Wenn die großen Blockbuster, die gerade noch zurückgehalten werden, alle verfeuert sind, wird es ein riesiges Nachschubproblem großer Produktionen geben. Wäre das dann nicht die Stunde für all die kleinen, wilden, übersehenen Filme der letzten Jahre? Und vor allem: Die Stunde für Klassiker wie Dead Man? Für legendäre Kino-Meisterwerke, die man einem jungen Publikum noch mal zeigen kann, damit die zum Beispiel endlich merken, dass jeder Fast & Furious-Film im Vergleich zu Apocalypse Now Kinderkacke ist?

Hoffen wir also das Beste. Und ich schau derweil mal nach, wann ich wieder in der Hasenheide sitzen werden. Vielleicht gleich morgen? Bei I Am Not Your Negro? Auf jeden Fall: Gibt ja keine bessere Zeit, um den noch einmal zu sehen …

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