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Mord nach Maß: Ein außergewöhnlicher Fall

Agatha Christies 58. Roman ist etwas Besonderes – das gilt auch für die Verfilmung aus dem Jahr 1972. Jetzt einzeln erhältlich als 4K UHD-Blu-ray und in der neuen Agatha Christie Collection von ARTHAUS.

27. November 2025

Wer Geschichten von Agatha Christie mag – ob als Buch oder dessen Verfilmung –, schätzt das verlässliche Schema ihrer Whodunit-Krimis. Christies Publikum ist in der Regel dazu aufgefordert, sich selbst einen Reim auf rätselhafte Mordfälle zu machen, und begleitet nicht selten exzentrische Ermittler*innen bei der Überführung der Täter. Man kennt die Stars ihrer Figurenensembles wie Hercule Poirot oder Miss Marple – und auch dank der aufwändigen Filmadaptionen mit Hochkarätern wie Peter Ustinov oder Albert Finney beziehungsweise Margaret Rutherford oder Angela Lansbury in den Hauptrollen sind Christies Klassiker Mord im Orient-Express, Das Böse unter der Sonne, Tod auf dem Nil oder Mord im Spiegel (allesamt in restaurierten Fassungen in unserer Agatha Christie Collection enthalten und auch einzeln erhältlich) generationen- und medienübergreifende Alltime-Favs.

Darüber hinaus hat das Gesamtwerk der 1976 verstorbenen britischen Autorin, die um die zwei Milliarden Bücher verkaufte, längst en bloc Kultstatus erlangt. Und das hängt eben auch damit zusammen, dass man genau weiß, was man in der Buchhandlung oder im Kino bekommt, wenn Agatha Christie draufsteht. Im Übrigen ist ihr Stil derart prägend, dass zeitgenössische Produktionen wie Rian Johnsons Knives Out-Mystery-Reihe gleich mit ihr assoziiert werden, wenn sie sich nur ansatzweise bestimmter Agatha Christie-typischer Mittel bedienen.

Was weiß sie, was wir nicht wissen? © 1972 CANAL+ IMAGE UK Ltd. ALL RIGHTS RESERVED.

Was weiß sie, was wir nicht wissen? © 1972 CANAL+ IMAGE UK Ltd. ALL RIGHTS RESERVED.

Insofern sticht Agatha Christies 1967 veröffentlichter 58. Roman "Mord nach Maß" tatsächlich aus ihrer konsequenten Arbeit heraus und löst sich geschickt vom eigenen Ruf, der ihr damals bereits vorauseilte, und der heute umso lauter nachhallt. "Endless Nights", wie das Buch im Original heißt, womit Christie sich auf den Maler und Dichter des 18. Jahrhunderts William Blake und somit auch explizit auf das tiefe Tal der menschlichen Abgründe bezog, aus dem Blake seine Motive schöpfte, unterläuft die gängigen Erwartungshaltungen an eine Agatha-Christie-Roman- wie Filmhandlung ganz bewusst. Die Elemente des Psychothrillers, die Sidney Gilliat in seiner Leinwandversion mit Brit Ekland, George Sanders sowie anderen prominenten Darsteller*innen noch betont, und die eher an ein Horror- als an ein Crime-Szenario erinnern, sind insofern ungewöhnlich, da Christie nie als Meistern der psychologischen Erzählung galt.

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Christies Charaktere sind üblicherweise schablonenhafte Darstellungen bestimmter Typen, die wesentliche Eigenschaften ihrer gesellschaftlichen Herkunft und ihrer geschlechtlichen Zugehörigkeit zu verdanken haben. Gerade die Tatsache, dass Christie die Psychologisierung weitgehend unter den Tisch fallen ließ, gibt ihren modernen Interpreten Raum für neue Lesarten – wie Kenneth Branagh mit seinem Take auf Hercule Poirot zuletzt eindrucksvoll unter Beweis stellte. Sie sorgte außerdem schon zu Lebzeiten der Autorin dafür, dass ihre Geschichten die Balance zwischen auffälliger Konstruiertheit und authentischer Wiedergabe sozialer Konstruktionen halten konnte.

Sie schauen einem überraschenden Ende entgegen … © 1972 CANAL+ IMAGE UK Ltd. ALL RIGHTS RESERVED.

Sie schauen einem überraschenden Ende entgegen … © 1972 CANAL+ IMAGE UK Ltd. ALL RIGHTS RESERVED.

Mit Mord nach Maß bewies Christie allerdings, dass sie auch anders von der Welt zu erzählen vermochte als nach den Mustern ihrer genialen Erfolgsmasche. Im Mittelpunkt der Handlung von Mord nach Maß stehen eine unmögliche Liebe und ein unheimliches Anwesen. Natürlich geschieht auch ein Mord – und es ergibt sich eine unerwartete Wendung. Darum herum entspinnt sich jedoch ein tief ins kollektive Unbewusste eintauchendes und ins Mysteriöse abdriftende Drama, das Regisseur Gilliat zu Carol Reed- und Alfred Hitchchock-Verweisen inspirierte. Wie fast immer, hatte Agatha Christie auch im Fall dieser fabelhaften Verfilmung etwas auszusetzen. Die Sexszenen, die heute Parallelen mit anderen Meisterwerken des Psychothrillers aus jener Epoche wie Wenn die Gondeln Trauer tragen heraufbeschwören, waren ihr … suspekt.

WF

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