Selma: Der lange Marsch für gleiche Rechte

Ava DuVernays mitreißendes Geschichtsdrama von 2014 zeigt den Kampf Martin Luther Kings und der Bürgerrechtsbewegung gegen die "Segregation" vor über 50 Jahren. Und erscheint heute aktueller denn je.

Filmgeschichten 12. Juni 2020

Wenn ein Spielfilm von einem einschneidenden Ereignis der US-amerikanischen Geschichte handelt. Dabei sowohl in der Dramaturgie überzeugt, als auch mit Darsteller*innen aufwartet, die ihren Figuren ohne Pathos Leben einflößen. Indem sie ihnen auch jene Zweifel und Widersprüchlichkeiten zugestehen, die im Drehbuch vorgesehen sind. Ein mitreißendes Geschichtsdrama, dessen Thema auch über 50 Jahre nach den wahren Begebenheiten, auf denen es beruht, noch immer aktuell ist. Ein künstlerisches Statement gegen Rassismus. Trotz aller Grausamkeiten für ein großes Publikum erzählt. Im aufgeklärten 21. Jahrhundert. Dann wird dieser Film bei den Oscars mit Auszeichnungen überhäuft werden. Ist doch vollkommen klar, oder?

Friedensnobelpreisträger in Polizeigewahrsam

Ava DuVernays Selma vereint all diese Attribute auf sich. Und wurde bei der Verleihung der Academy Awards 2015 doch übergangen. Angesichts des schrecklichen Todes des von einem weißen Polizisten ermordeten George Floyd am 25. Mai 2020 mag es sich fast schon unpassend anhören. Aber Ava DuVernays Selma ist eine atemberaubende Schilderung der historischen Selma-nach-Montgomery-Märsche. Zeugnis des Aufbegehrens, als Afroamerikaner*innen im Jahr 1965 in Alabama gewaltfrei für gleiche Rechte bei den Wahlen demonstrierten und brutal niederschlagen wurden.

Ein weiteres Blutbad verhindern

Selbst die Anwesenheit des frisch gekürten Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King konnte damals nicht garantieren, dass es beim neuerlichen Versuch unterwegs durch die von weißem Hass geprägten Südstaaten kein weiteres Blutbad geben würde. So tief war und ist die "Segregation" im Hinterland verwurzelt. Selma zeigt nichts anderes als den mutigen Widerstand gegen eine menschenverachtende Realität. Zusätzlicher Auslöser des Protests war schließlich auch das Attentat auf die 16th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama am 15. September 1963, bei dem vier schwarze Mädchen starben.

Der steinige Weg über die Edmund Pettus Bridge

George Floyd und viele andere Fälle führen uns leider immer wieder vor Augen, dass "Race" bis heute eine Kategorie ist, die Bürger*innen mit gleichen Rechten in verschiedene Wertigkeiten einstuft – und dass Afroamerikaner*innen noch immer in vielerlei Hinsicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Zwar mehren sich die künstlerischen Mahnungen und Plädoyers für einen US-Gesellschaft der Gleichen, zu denen Selma zweifellos gehört. Und sie beschäftigen sich mit allen Facetten des "amerikanischen Problems". So kam 2014 auch Ryan Cooglers Letzter Halt: Fruitvale Station in die Kinos, der den Fall des ebenfalls vor laufenden Handykameras von Sicherheitspersonal getöteten Oscar Grant III auf spezielle Weise aufrollt. Den letzten Tag im Leben des Opfers nachvollzieht, damit nicht nur die auf Youtube verbreitete Hinrichtung als einziges Bild im kollektiven Gedächtnis zurück bleibt.

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Aber die Geschichte dieser Ungleichheit ist keinesfalls auf tragische Einzelfälle oder die Südstaaten beschränkt, und sie setzt sich bis in jene Institutionen fort, die permanent am US-amerikanischen Geschichtsbild arbeiten. Das Weiße Haus unter Trump muss genannt werden. Die mächtige National Football League, die den Star-Quarterback Colin Kaepernick ausgrenzte, nachdem er bei der Hymne vor den Spielen aufs Knie ging. Und letztlich auch Hollywood.

Ava DuVernay wurde bei den Oscars gleich doppelt benachteiligt

Es ist kaum zu begreifen, dass David Oyelowos Verkörperung des Bürgerrechtlers Martin Luther King nicht mal mit einer Oscar-Nominierung für den Besten Hauptdarsteller belohnt wurde. Auch die jüngst für die Aufsehen erregende Netflix-Serie When They See Us verantwortliche Regisseurin Ava DuVernay stand nicht auf der Liste – und man muss hinzufügen, dass sie als Afroamerikanerin und als Frau gleich doppelt benachteiligt wurde. Immerhin hat man sie als erste schwarze Regisseurin für einen Golden Globe vorgeschlagen und "Glory" von Common und John Legend aus Selma wurde mit dem Oscar für den Besten Filmsong prämiert.

Protest gegen rassistische Polizeigewalt

Die erschütternde Wirklichkeit, die der Film darstellt, ist etwas mehr als 50 Jahre alt, aber ihre Wahrheit ist nicht vergangen. Heute wie damals ist Rassismus nicht nur ein US-amerikanisches Phänomen. Selma macht einen fassungslos. Welche Brutalität möglich war in einem Staat, der als die demokratische Speerspitze der westlichen Welt gilt. Und er zeigt, wie viel und wie wenig sich seitdem geändert hat. Somit ist er als Kunstwerk selbst noch unter "historisches Ereignis" einzuordnen.

WF

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