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Top 5: Das Buch zum Film

Die Zeit zwischen den Jahren ist wie gemacht für lange Lesetage. In diesem Jahr stimmt das mehr denn je. Deshalb empfehlen wir fünf Bücher, die mindestens so gut sind wie ihre Verfilmungen. Mit John Fante, Elena Ferrante, Tim Krabbé und anderen.

21. Dezember 2020

1. "Die Neapolitanische Saga" von Elena Ferrante

Vermutlich haben viele Leser*innen unseres Magazins diese vier Bücher von Elena Ferrante eh schon im Regal stehen, trotzdem kann man es nicht oft genug sagen: Die Geschichten um Elena und Lila und ihrem Viertel – dem Rione in Neapel – sind zugleich Weltliteratur und trotzdem leicht zugänglich. Die unbekannte Autorin, die das Pseudonym Elena Ferrante gewählt hat, stößt einem nicht mit schwülstigen Metaphern oder Satzschachteleien vor den Kopf, sondern erzählt in einer wunderschönen, poetischen und dabei klaren Sprache von einer eng verwobenen Freundschaft, die vor allem deshalb besonders ist, weil sie nicht nur von Liebe und Vertrauen, sondern auch von Neid und Sorge getragen wird. Vor einigen Wochen sind die vier Bände übrigens nochmal in einem schönen Schuber veröffentlicht worden.

2. "Das goldene Ei" von Tim Krabbé

Die Verfilmung von George Sluizer trägt den Namen Spurlos verschwunden und ist nicht nur bei uns in der Redaktion ein berüchtigter Geheimtipp – was vor allem an dem wahrlich schockierenden Ende liegt. Der Niederländer Krabbé, der die Romanvorlage schrieb, ist auf vielen Erzählspielfeldern unterwegs – von Schachmeister-Biografien über Familienromane bis zu journalistischen Arbeiten – mit "Das goldene Ei" bewies er in einer kalten, klaren Sprache, dass er das Handwerk des knallharten, psychologischen Thrillers beherrscht. Das mit seinen gerade mal rund 190 Seiten recht schlanke Buch beunruhigt einen mindestens so stark wie der Film und bleibt vielleicht sogar nachhaltiger in Erinnerung, weil die kühlen, existenzialistischen Motive der Geschichte hier noch tiefer einwirken können.

3. "Die Nonne" von Denis Diderot

Weihnachten ist nicht die schlechteste Zeit, um katholizismuskritische Literatur zu lesen. Gerade in einem Jahr, in dem die katholische Kirche mal wieder in Sachen "Aufklärung der eigenen Abgründe" grandios verkackt hat – Grüße gehen raus an Kardinal Woelki. "Die Nonne" von Denis Diderot erschien 1792 zuerst in Deutschland, acht Jahre nach dem Tod des Autors. Diderot erzählt darin in Briefform die Geschichte der Nonne Suzanne Simonin, die jung einem katholischen Orden beitritt und innerhalb weniger Jahre in einem Zustand psychischer Verwirrung stirbt, an dem das Klosterleben und die vorherrschenden Erziehungsmethoden eine Hauptschuld tragen. Ein Buch, das ähnlich schockierend ist, wie die Verfilmung von Jaques Rivette aus dem Jahr 1966. Man darf davon ausgehen, das beides nicht gerne im Kloster gesehen oder gelesen wird.

4. "Sieben Minuten nach Mitternacht" von Patrick Ness

Irgendwie ist dieser wundervolle Film von J. A. Bayona zu einem tollen Buch in der Wahrnehmung ein wenig untergegangen – wir hörten jedoch, dass er sich auf den Streamingplattformen zu einem Geheimtipp gemausert hat. Patrick Ness schrieb "Sieben Minuten nach Mitternacht" nach einer Idee der Autorin Siobahn Dowd, die diese aufgrund einer Krebserkrankung leider nicht mehr selbst umsetzen konnte. Darin geht es um den 13 Jahre alten Conor, der jede Nacht um 0:07 Uhr von einem Monster vor seinem Fenster gerufen wird, das sonst eine große verwachsene Eibe ist. Eine metaphorische Jugendgeschichte um Trauer, Verlust, Glaube und Hoffnung, die vor allem deshalb so gut ist, weil sie wie alle großen Jugendbücher – erstaunlich abgründig sein kann.

5. "Westlich von Rom" von John Fante

Alle deutschen Feuilletons feierten in diesem Jahr das Charles-Bukowksi-Gedenken zum 100. und viel zu wenige erwähnten dabei dessen großes literarisches Vorbild John Fante. Dabei erschien doch gerade in diesem Jahr auch der charmant-böse französische Film "Der Hund bleibt", der auf Fantes Erzählung "My Dog Stupid" basiert. Deshalb empfehlen wir an dieser Stelle, sich mit diesem grandiosen, amerikanischen Erzähler zu befassen. Der Band "Westlich von Rom" ist ein guter Start dabei: er enthält die titelgebende Novelle (die im Original "My Dog Stupid" heißt) und die Novelle "Die Orgie". Beides erschien übrigens beim Maro Verlag, dem es zu verdanken ist, dass Fante – und übrigens auch Bukowski – in Deutschland in den richtigen Kreisen so groß werden konnten.

P.S.: All diese Bücher bekommen sie sicherlich problemlos beim Buchhändler ihres Vertrauens. Einfach eine Mail schreiben und bestellen, oder selbst vorbei schauen.

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