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TV-Tipp: Sieben Minuten nach Mitternacht am Samstag auf Sat.1

Die düstere Jugendbuch-Verfilmung Sieben Minuten nach Mitternacht läuft am Samstag um 20:15 Uhr auf Sat 1. Wir nehmen das zum Anlass für eine kleine Liebeserklärung an Film und Buch und den Horror der Kindheit.

News/Neu erschienen 11. August 2022

Der Held in Sieben Minuten nach Mitternacht ist ein 13-jähriger Junge namens Conor – und schon in den ersten Filmminuten wünschte ich mir, ich wäre in seinem Alter gewesen, als ich diesen Film das erste Mal sah, oder später die Buchvorlage von Patrick Ness las. Denn Ness (der später auch das Drehbuch schrieb) und Regisseur J. A. Bayona schaffen es, den Horror des Heranwachsens auf eine dermaßen poetische, gruselige, weise und mitreißende Weise zu erzählen, dass ich mich damals verstanden gefühlt hätte.

In Buch und Film leidet Conor an den Schikanen seiner Mitschüler und an der Krankheit seiner alleinerziehenden Mutter. Conor lernt, selbstständig zu sein, um ihr nicht zur Last zu fallen und flüchtet in seine Fantasiewelten, um sich zu beschäftigen. Seine Mutter wiederum leidet darunter, dass ihr Sohn sie nicht so recht zu brauchen scheint und sich immer mehr zurückzieht. Wenn sie stirbt, soll Conor zur ungeliebten, weil strengen Großmutter ziehen, die selbst wiederum Schwierigkeiten hat, Nähe zu ihrem verschlossenen Enkel aufzubauen. Der unausgesprochene Konflikt, die nicht eingestandene Liebe der beiden, das Mobbing auf dem Schulhof – all das scheint sich zu manifestieren in einem riesigen Monster, das aus einem knorrigen Baum erwacht und Conor Geschichten erzählt, die immer abgründiger werden und am Ende seine Welt beinahe in einen Abgrund reißen.

Die Geschichte stammt von der Autorin und Menschenrechts-Aktivistin Siobhan Dowd, die zu dem Zeitpunkt schwer an Krebs erkrankt war und die Idee selbst nicht mehr umsetzen konnte. Die beiden hatten den gleichen Herausgeber und eben jener kam zu Ness und sagte: "Ich will nicht, dass diese Idee verschwindet. Würdest du dich bereit erklären, sie als Buch umzusetzen?" Aber Ness meinte in einem Interview: "Meine erste Reaktion war allerdings eher verhalten. Ich hatte die Sorge, dass man automatisch eine Gedenkschrift statt einer Geschichte schreiben würde – und niemand will eine Gedenkschrift lesen, aus guten Gründen. Das ist auch nicht die Art von Buch, die Siobhan geschrieben hätte. Sie war eine sehr kluge Autorin. Also entschied ich mich zunächst abzulehnen". Aber dann habe er begonnen, das Material durchzuarbeiten, "und mich überkamen viele Ideen. Genau dieser Moment ist der wirkliche Startpunkt für eine Geschichte. Die erste Idee, die ich hatte, war die Szene in der Conor aus dem zweiten Traum kommt und das Wohnzimmer seiner Großmutter verwüstet. Da dachte ich mir: ‚Das ist es. Das ist die Wut. Das ist das Tabu des Buches. Das ist die Geschichte.‘"

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Die Idee, das "Monster" in Form eines riesigen, knorrigen Baumes auftreten zu lassen, entstammte übrigens auch einer Kindheitserinnerung von Patrick Ness. "Ich merkte erst später, das dieses abgründige Bild eines Baumes erstaunlicherweise aus einer unterbewussten Kindheitserinnerung stammte. Als ich zehn Jahre alt war, sah ich den Film Poltergeist ziemlich oft. Darin gibt es einen sehr wütenden Baum, der sich durch ganze Wände schlägt. Es ist schon erstaunlich, wie sich Dinge in deinem Kopf festsetzen, wachsen, sich verändern und immer mehr Raum einnehmen, bis sie zu einem Monster mutieren." Genau das passiert im Buch und in Bayonas Film, der mit Lewis MacDougall als Conor, Sigourney Weaver als Conors Großmutter und Felicity Jones als Conors Mutter ein perfekte Besetzung gefunden hat. Aber auch die Effekte und die Bildsprache sitzen, gerade weil sie für einen Jugendfilm erstaunlich düster und furchteinflößend sind. Ness und Bayona schonen ihr Publikum an dieser Stelle nicht – und machen es damit genau richtig.

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Ich muss natürlich schon zugeben, dass Horrorfilme eigentlich nichts für zu junge Menschen sein sollten. Aber mir haben abgründige Geschichten in dieser seltsamen Zeit des Heranwachsens stets geholfen. Als ich mich in einer Mobbing-Phase meines Lebens einsam fühlte, vergrub ich mich in die Geschichten von Stephen King und hing mit seinem heldenhaften "Club der Verlierer" in Derry rum, wo ich es mit dem grausamen Clown Pennywise aufnahm. Als sich meine Freunde stritten, floh ich in für mich verbotene Horrorfilme wie Tanz der Teufel und nutzte die groteske Gewalt als Ventil. Als ich zum ersten Mal im Familienkreise mit dem Tod konfrontiert war, suchte ich Zuflucht in den dunklen, philosophischen Geschichten von Philip Pullman, die Lyra Belaqua auch in das Jenseits führen. Träumte ich danach schlecht? Definitiv. Half es mir trotzdem? Unbedingt – denn auch die eigene Fantasie kann eine ganze Armada an Monstern aufbringen. Bücher und Filme wie Sieben Minuten nach Mitternacht helfen dabei, sich diesen zu stellen. Oder ihnen vielleicht gar die Hand zu reichen, weil wir sie erst zu dem gemacht haben, was sie sind – und unser Friedensangebot sie befreien kann.

Sieben Minuten nach Mitternacht läuft am Samstag, den 13. August 2022 um 20:15 Uhr und am Sonntag, den 14. August um 15:40 Uhr auf SAT 1 und ist Digital und im Home Entertainment erhältlich.

Daniel Koch

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