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Shame: Sex and the City

Vor zehn Jahren kam Steve McQueens grandioser zweiter Spielfilm Shame in die Kinos. Michael Fassbender spielt darin einen sexsüchtigen Sinnsuchenden in New York. Dessen Einsamkeit erscheint heute nachvollziehbarer denn je.

30. März 2021

Vor zehn Jahren kam der zweite Spielfilm des Regisseurs Steve McQueen in die Kinos. Wie bei seinem Debüt Hunger vertraute er die Hauptfigur Michael Fassbender an. Der fügt sich in die Rolle des labilen Werbers Brandon wie dieser in sein Filmschicksal. Dabei helfen Fassbender sowohl ein fein austariertes Skript und eine behutsam gelenkte Inszenierung als auch die ebenfalls intensive Darstellung der Schwester Brandons durch Carey Mulligan. Schon damals erregte der Film viel Aufsehen. Nach dem Motto: "Was Sie noch nie über Sex wissen wollten und bis dahin auch niemand auf der Leinwand zu zeigen wagte." Alles an Shame wirkt latent skandalös und zeigt Wirkung. Aus jetziger Sicht ist dieses vordergründige Drama um einen Mann, der Körperlichkeit nicht mit Zuneigung in Verbringung bringen kann noch sehr viel mehr als ein Blick in die Abgründe eines zwischen den Wolkenkratzern New Yorks verlorenen Soziopathen. Es weist über das Porträt eines Sexsüchtigen mit Hang zur Pornografie hinaus und erscheint als zeitdiagnostisches Meisterstück.

Kubrick-Referenz und Macher-Mentalität

Natürlich ist Brandon so ein Typ Patrick Bateman. Der berufliche Erfolg – zumindest finanziell scheint alles paletti, ein schickes Apartment mit phänomenalem Ausblick lässt daran kaum Zweifel – kann ihn ähnlich wie Bret Easton Ellis’ "American Psycho" über zwei Dinge nicht hinwegtrösten: Einerseits fehlt ihm etwas, das auf der anderen Seite im Übermaß vorhanden ist. Emotionen. Sie werden von ihm nur als Aggressionen ausagiert. Positive Vibes perlen an seinem Panzer ab. Also an jenem muskulösen Körper samt kantiger Visage, die von Regisseur McQueen mal wie Maschinen, dann wie die Merkmale eines Höhlenmenschen in Szene gesetzt werden.

Sexualität ist immer ein Grund, sich zu schämen

Die Neandertaler-Anspielung und die Verbindung von billiger Porn-Ästhetik mit klassischer Musik, die an Kubricks 1960er-Jahre-Walzer-Infusion fürs Popcorn-Unterhaltungsgenre Science-Fiction erinnert, können kein Zufall sein. Der Baseball-Schläger als Waffe und Phallus-Symbol tut ein Übriges. Brandons Sexualität ist entweder rein triebhaft, eine mechanische Demonstration von Macht oder eine grobe Form der Selbstbestrafung – aber sie ist immer ein Grund sich zu schämen. So führt er ein Geheimleben, dem selbst die Fingerzeige auf der Festplatte seines Arbeitsrechners nichts anhaben können. Denn als Brandon im Job auffliegt, stellt dies kein Potenzial für eine Befreiung aus sämtlichen Fesseln dar. Strukturelle Probleme werden in einem solchen Umfeld wie der geschniegelten Agentur, in der toxische Maskulinität sich im Büroalltag mit teurem Aftershave und Businesstalk mischt, lässig zu moralischen Vorstellungen des Mainstream verflüchtigt. Sexvideos auf der Festplatte sind nicht normal, jedenfalls sobald andere Wind davon bekommen. Aber da Brandon mit jeder Faser seines Körpers, seiner Kleidung und seines Mindsets den Richtlinien des zivilisierten Milieus entspricht, war es eben "der Praktikant", der den Schweinkram hochgeladen hat. So bereinigt der Chef die Sache, ohne davon überzeugt zu sein. Er ist ja außerdem Kumpel und hat was mit Brandons Schwester.

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Brandon kommt dieser schnelle Verdrängungsprozess nicht wirklich entgegen. Er hilft ihm zwar vorerst, die Fassade aufrecht zu erhalten. Aber die Frage, was dahinter steckt, und ob da überhaupt etwas zu finden wäre, falls Brandon sich in Therapie begäbe, bleibt erst mal unbeantwortet. Dabei fungiert Brandons Schwester Sissy als heiße Spur zur Exit-Strategie, indem sie ihn in seiner Isolation stört. Ihn nervt. Reizt.

Brandon ruft "Champagner!" Und man bekommt echt Mitleid…

Zwar scheint sie unter dem Borderline-Syndrom zu leiden, sublimiert jedoch einen Teil ihrer Probleme künstlerisch. Ja, mit einer Version von "New York, New York" bringt Sissy als Sängerin nicht nur Brandon zum Heulen (was der selbstverständlich nicht zugeben will, wenig später wird er auf die trübsinnigste Art der Filmgeschichte "Champagner!" rufen. Man bekommt echt Mitleid!). Sie verleibt sich damit jene Metropole geradezu ein, die für Brandon nichts als Kulisse ist – während er Mitmenschen bloß als Statisten wahrnimmt. Außer Sissy eben, mit der er neben den Genen unausgesprochene Erinnerungen teilt. Die abwesende Familie hängt über den Geschwistern wie Smog über New York. Verpasste Gelegenheiten, Liebeskummer, Flirts im Subway Train. Allerlei menschliche Kapital lässt Steve McQueen in die Geschichte einfließen, ohne es darin zu vermehren. Jede emotionale Investition versickert in Hierarchien. Entfremdung und Traumata bestimmen die Gegenwart, die Zukunft verspricht nichts als ein paar lohnenswerte Augenblicke. Momentaufnahmen, die sich schon erschöpfen, bevor sie vergangen sind. Zehn Jahre später kann man sagen: Soziale Medien und der Kult der Selbstoptimierung haben das Versprechen real eingelöst. Aber im Scheitern von Brandon und Sissy steckt auch ein Hoffnungsschimmer – denn zumindest das erleben sie gemeinsam und nicht allein.

WF

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