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Zimmer mit Aussicht: Helena Bonham Carter in bester Gesellschaft

Stilles Jubiläum: James Ivorys Zimmer mit Aussicht und Stephen Frears’ Mein wunderbarer Waschsalon läuteten vor 35 Jahren eine britische New Wave ein.

17. Dezember 2020

Vor 35 Jahren kam James Ivorys Zimmer mit Aussicht in die Kinos, die Verfilmung des Romans von E.M. Forster. Die Handlung spielt zu Beginn des 20.Jahrhunderts und nimmt dennoch so starken wie subtilen Bezug auf das Großbritannien der 1980er Jahre. Rückblickend darf man feststellen, dass der große Erfolg des Films sanfte Wellen schlug und gemeinsam mit Stephen Frears’ The Hit – Der Profikiller und dem ebenfalls zum Hit geratenen Mein wunderbarer Waschsalon im Kino eine kleine britische New Wave auslöste.
Zimmer mit Aussicht bedeutete außerdem den Durchbruch für Helena Bonham Carter, die im Alter von 19 Jahren die aus gutem Hause stammende Lucy Honeychurch verkörperte. Lucy verliebt sich während eines Urlaubs in Florenz in den hemdsärmeligen Freigeist George Emerson, zurück in England geht sie aber eine Verlobung mit dem schnöseligen Ästheten Cecil Vyse ein. Was sie nicht weiß: Ihre italienische Romanze ist längst Literatur geworden. Lucys Anstandsdame Charlotte, Zeugin eines leidenschaftlichen Kusses des verhinderten Liebespaars, hatte im Vertrauen der Schriftstellerin Eleanor Lavish davon erzählt. Deren "Schund" wiederum trägt Cecil auf seinem Anwesen Windy Corner zur Belustigung der anderen nichtsahnend laut vor. Der "Verrat" des Geheimnisses durch Charlotte fliegt somit auf, Lucy erlebt ihre Gefühle, von der Bestseller-Autorin Lavish auf adäquate Weise beschrieben, gar noch mal neu – und George zieht mit seinem Vater zu allem Überfluss in die Nachbarschaft. Goodness!

Hemmungsloses Geplansche ganz ohne Kostüme… © Studiocanal

Hemmungsloses Geplansche ganz ohne Kostüme… © Studiocanal

In Zimmer mit Aussicht erzählt der US-Amerikaner Ivory auf die feine englische Art – und nimmt sie gleichsam auf die Schippe. Den Baedeker-Kolonialismus, die Prüderie, das Klassensystem. Damit traf er 1985 einen Nerv in jenem von streikenden Minenarbeitern durchgerüttelten Vereinigten Königreich, das allgemein für seinen Humor bekannt ist – in dem Premierministerin Margaret Thatcher unter dem Diktum "There is no such thing as society" jedoch seit 1979 humorlos mit der alten Gesellschaft aufräumte, um sie in eine Ansammlung von Einzelnen zu verwandeln. Stichwort Neoliberalismus. "But there were films about this society", möchte man ihr jetzt noch nachrufen.

Regisseur James Ivory spielt mit den Konventionen des Kostümfilms

Der vielfach ausgezeichnete Zimmer mit Aussicht gehört dazu. Und er ist nicht nur diesbezüglich ein Geniestreich. Neben besagter Vorleseszene stechen hervor: eine Messerstecherei und eine Wasserschlacht. Sprich: nackte männliche Gewalt und die Ur-Gewalt einer Szene mit ausschließlich unbekleideten Männern. Da hat der spätere Call Me By Your Name-Autor Ivory schon heftig mit den Konventionen des Kostümfilms gespielt, und das wirkt immer noch so mutig wie die Entscheidung seiner Held*innen für die wahre Liebe.
Herausragend bleibt auch das Ensemble mit Maggie Smith, Judi Dench, Julian Sands, Daniel Day-Lewis und eben einer unbefangenen Helena Bonham Carter, die momentan ja in der Serie The Crown dem englischen Klassismus wieder ein Gesicht gibt. Die Desillusionierung jener Prinzessin Margaret, deren Rolle sie in der zuletzt eifrig diskutierten Produktion übernimmt, steht im krassen Gegensatz zur glücklichen Zukunft, die sich Lucy und George am Ende von Ivorys Zimmer mit Aussicht bietet. Wer den Gang der Geschichte nur ein wenig zum Besseren beeinflusst, scheint der Regisseur uns sagen zu wollen, hat sich solche sonnigen bürgerlichen Perspektiven redlich verdient.

WF

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