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Bild zu Chicago 10 wirft uns mitten in die Anti-Kriegs-Proteste im Jahr 1968

Chicago 10 wirft uns mitten in die Anti-Kriegs-Proteste im Jahr 1968

Bevor Regisseur Brett Morgen die außergewöhnliche Dokumentationen Kurt Cobain: Montage of Heck und Moonage Daydream über David Bowie produzierte, nahm er sich in Chicago 10 ein ebenso tragisches wie inspirierendes Kapitel der amerikanischen Protestgeschichte vor. Ein Film, der nach den aktuellen Anti-ICE-Protesten in den USA erstaunlich zeitgemäß wirkt.

24. April 2026

Wir schreiben das Jahr 1968. Amerika brodelt. Der Vietnam-Krieg eskaliert, die US-Regierung zieht immer mehr junge Männer ein und die Fronten auf beiden Seiten verhärten sich zusehends. Während das konservative Amerika auf Patriotismus und Pflichtbewusstsein setzt, formt sich überall im Land ein sehr junger Protest gegen den Krieg und gegen die Politik des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson, der erst wenige Monate später von Richard Nixon abgelöst werden wird.

Der Protest manifestiert sich Ende August 1968 in Chicago: Dort wollen die Demokraten ihren Parteitag abhalten. Protestgruppen wie das National Mobilization Committee to End the War in Vietnam, kurz MOBE, und die "Yippies" genannten Mitglieder der Youth International Party rufen dazu auf, in der Stadt zu protestieren.

Ab dem 23. August sammeln sich zehntausende Protestierende in der Stadt – und werden fast täglich von der städtischen Polizei schikaniert. Eigentlich rechtmäßige Demonstrationen bekommen keine Genehmigungen, immer wieder stehen sich Politzisten und Demonstrierende gegenüber.

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Dabei kommt es zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen. Was die Polizei aber vor allem immer aggressiver auftreten lässt, ist die clevere Taktik der Yippies und der MOBE-Leute: Einerseits kenne sie sehr genau ihre Rechte, andererseits nutzen sie den Protest oft wie eine Theaterinszenierung.

Hier zeigt sich die große Stärke dieser Bewegung: Die Organisierenden wissen um die Macht der Bilder – und sie inszenieren ihren sehr ernsten Protest oft mit einem gewissen Entertainment-Faktor. Da alle großen TV-Sender vor Ort sind, können sie auch sicher sein, dass diese Szenen ihren Weg in die amerikanischen Wohnzimmer finden.

Aber: Die Protestierenden arbeiten auch mit dem Mittel der Drohung. Die Yippies verkünden in den flammenden Reden, die sie in den Universitäten des Landes halten, dass sie Nägel von Brücken werfen wollen, um den Verkehr lahmzulegen oder LSD ins Trinkwasser mischen wollen.

Der große Clash kommt schließlich am Abend des 28. August. In der Michigan Avenue vor dem Kongresszentrum der Demokraten, und vor dem Conrad Hilton Hotel prügelt die Polizei den Protest brutal nieder – während die Kameras laufen. Immer wieder rufen die Protestierenden dabei: "The whole world is watching!" Der Abend wird zu einem Schockmoment der jüngeren US-Geschichte.

Die "Yippies" reisten durch das Land und machten mit ihren Reden Stimmung an den Universitäten. Mit den Honoraren finanzierten sie den Prozess mit. © Studicocanal / Arthaus

Die "Yippies" reisten durch das Land und machten mit ihren Reden Stimmung an den Universitäten. Mit den Honoraren finanzierten sie den Prozess mit. © Studicocanal / Arthaus

Warum Chicago 10 und nicht Chicago 7?

Mindestens so bekannt wie die Proteste ist auch das juristische Nachspiel. Um ein Exempel zu statuieren, beschließt das Justizministerium führende Köpfe der Protestbewegung vor Gericht zu bringen. Namentlich sind das: Rennie Davis, David Dellinger, John Froines, Tom Hayden, Abbie Hoffman, Jerry Rubin und Lee Weiner. Sie werden "The Chicago 7" genannt. Ihnen werden Verschwörung, Aufhetzung, Demonstrationen und anderer Delikte vorgeworfen. Erst 2020 erzählte Regisseur und Drehbuchautor Aaron Sorkin ihre Geschichte im Star-bepackten Spielfilm The Trial of the Chicago 7.

Der bessere Film über dieses unrühmliche Kapitel der US-Geschichte ist aber Chicago 10. Und nein, Regisseur Brett Morgen (der später mit Kurt Cobain: Montage of Heck und Moonage Daydream bekannt wurde), hat sich nicht verzählt. Eher im Gegenteil: Er hat richtig gezählt. Neben den genannten sieben muss man nämlich auch Black Panther-Mitbegründer Bobby Seale nennen und die beiden Anwälte der Angeklagten William Kunstler und Leonard Weinglass, die am Ende ebenfalls Haftstrafen bekommen.

Brett Morgen bezieht sich damit auf ein Zitat von Aktivist Jerry Rubin. Er sagte damals in einem Interview: "Jeder, der uns die Chicago Seven nennt, ist ein Rassist. Denn damit diskreditiert man Bobby Seale. Man kann uns die Chicago Eight nennen, aber eigentlich sind wir die Chicago Ten, denn unsere beiden Anwälte sind mit uns untergegangen." Ein anderes Rubin-Zitat lieferte Regisseur Morgen auch das außergewöhnliche Stilmittel, das seinen Film prägt. Rubin sagte, der Prozess sei ihm "wie eine Cartoon-Show" vorgekommen.

Die Chicago 10 im Gerichtssaal. © Arthaus / Studiocanal

Die Chicago 10 im Gerichtssaal. © Arthaus / Studiocanal

Dokumentation trifft Graphic Novel

Das nahm Morgen wörtlich: Chicago 10 ist eine Mischung aus realen Archivaufnahmen der Proteste und animierten Szenen aus dem Gerichtssaal. Während sich die von namhaften US-Schauspielern wie Nick Nolte, Roy Scheider und Mark Ruffalo gesprochenen Dialoge im Gerichtssaal streng an die offiziellen Gerichtsprotokolle und Audioaufnahmen halten, inszeniert Morgen die Szenen dazu wie ein Graphic Novel.

Dramaturgisch schneidet Morgen diese Szenen gegen die Dokumentation der Chicago-Proteste: Während der Prozess im Film voranschreitet, springen wir immer wieder in Szenen der Proteste und steuern hier auf die Eskalation am 28. August zu. Während die Filmkritiken vor allem auf die animierten Gerichtszenen eingehen, sollte man an dieser Stelle auch noch mal erwähnen, dass Morgen spektakuläre Bilder der Proteste zusammengetragen hat.

So sieht man am Ende zum Beispiel exakt den Moment, in dem die Gegenüberstellung vor dem Hilton Hotel eskaliert. Zwar ist nicht auszumachen, wo der Knall herkommt, der die ersten Polizisten dazu brachte, sich auf die Demonstrierenden zu stürzen, aber man sieht, wie von einer Sekunde zur nächsten alle Dämme brechen. Brett Morgen schneidet dabei immer wieder Nahaufnahmen von Polizistengesichtern zwischen, die mal selbst schockiert gucken und mal damit kämpfen, ein Grinsen zu unterdrücken.

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Brett Morgen richten den Blick auch immer wieder auf Protestierende mit dem bereits erwähnten Entertainmentfaktor – selbst, wenn dieses Wort die Gefahr, in der sie sich befinden, vielleicht ein wenig zu sehr abschwächt. Da gibt es in der Mitte und am Ende des Films zum Beispiel eine galant gekleidete Dame um die 60. Sie fährt erst mit einem dieser riesigen 60er-Jahre-Autos direkt vor eine Polizeisperre, lässt eine Gruppe junger Männer mit Protestschildern aussteigen und erklärt dem aggressiven Polizisten, sie habe doch nur selbst ihre Jungs zur Demo bringen wollen, damit sie auf dem Weg dahin keinen Ärger machen. Später sieht man sie, wie sie vor dem Hilton Hotel brutal in einen Gefangentransport geschubst, geschleift und geschlagen wird. Bis zuletzt krallt sie sich an die Tür des gepanzerten Wagens und ruft dabei "We shall overcome!" und immer wieder: "Peace!"

© Arthaus / Studiocanal

© Arthaus / Studiocanal

Ein Black Panther in Ketten

Die animierten und nachgesprochenen Szenen im Gerichtssaal sind aber nicht minder schockierend – und unterhaltsam. Die Chicago 8 nutzten auch diese Bühne für Protestaktionen – so erscheinen zwei von ihnen zum Beispiel mal in einer Richterrobe. Als sie aufgefordert werden, diese auszuziehen, tun sie das – und zeigen, die falschen Polizei-Uniformen, die sie darunter tragen.

Richter Julius Hoffman sieht bei all dem nicht gut aus: Er zeigt schon recht früh, wo seine Sympathien liegen (garantiert nicht bei den Angeklagten), reagiert verbohrt und wütend und merkt nicht, wie sei Betonen amerikanischer Regeln und Werte von seinem eigenen Handeln konterkariert wird.

Das zeigt vor allem sein Umgang mit Bobby Seale von den Black Panthers. Als dessen Anwalt krank wird, besteht Seale darauf, sich selbst verteidigen zu dürfen, was im Grunde sein gutes Recht ist. Hoffman untersagt ihm das immer wieder. Als Seale völlig richtig anmerkt, dass er wenig Respekt vor einem Gericht habe, bei dem der Richter vor den Portraits zweier Sklavenbesitzer – nämlich Benjamin Franklin und George Washington – sitzt, lässt Hoffman ihn erst aus dem Gericht werfen, dann knebeln und später gar mit Ketten an seinen Stuhl fesseln. Da merkt selbst der konservative Staatsanwalt, dass das weder eine gute Idee ist noch die amerikanischen Werte verkörpert und bittet darum, ihm dem Knebel wieder abzunehmen.


Original-Audioaufnahmen aus dem Gerichtssaal als Regieanweisung

In einem Interview mit dem Magazin IndieWire erzählt Brett Morgen 2008: "Eine der großartigen Entdeckungen, die wir im Laufe unserer Recherchen machten, waren die Original-Tonaufnahmen aus dem Gerichtssaal. Niemand hatte dieses Material seit dem Prozess mehr gehört. Wir fanden es in einem Archiv, das so weit von Chicago entfernt war, wie man nur kommen konnte." Da sei der Film schon recht weit vorgeschritten gewesen und Morgen habe gerade damit begonnen, die Stimmen aufzunehmen. "Die Bänder waren dabei enorm hilfreich und inspirierend. Wenn man das Protokoll liest, gibt es keine Regieanweisungen, und man versucht sich vorzustellen, wie diese Menschen geklungen haben, insbesondere Richter Hoffman, der in den Medien kaum präsent ist. Manche finden einige der Darstellungen übertrieben, aber wer das sagt, hat keine Ahnung, wie diese Menschen im Gerichtssaal geklungen haben."

Brücken in die Jetztzeit

Brett Morgen sieht in Chicago 10 und den Geschehnissen, die sein Film zeigt, aber vor allem ein Stück allgemeingültiger Geschichte, aus der man noch heute seine Lehren ziehen kann. Dem Magazin IONCINEMA sagte er 2008: "Wir haben Ereignisse, die sich vor vierzig Jahren zugetragen haben, aufgegriffen und letztendlich einen Film über die Gegenwart geschrieben." Morgen sei sehr vom Protest gegen den Irakkrieg der George W. Bush-Regierung und dem Widerstand gegen die rassistische Politik nach 9/11 geprägt worden.

Mit Blick auf den Chicago-Prozess sagt er: "Deshalb spricht Allen Ginsberg, als er in den Zeugenstand tritt und sagt: ‚Politik ist Theater und Magie, ist die Manipulation von Bildern durch die Medien, die das Land hypnotisiert, sodass es an einen Krieg glaubt, der nicht existierte‘, für mich nicht über den Vietnamkrieg, sondern bezieht sich auf Colin Powells Aussage vor den Vereinten Nationen. Das war meine Interpretation davon."

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Die Brücke in die Jetztzeit verstärkt Brett Morgen mit der Entscheidung, auf einen modernen Soundtrack zu setzen. Die ersten Protestszenen im Film sieht man zu den dröhnenden Klängen eines Rage Against The Machine-Riffs, später gibt es eine Montage zu Eminems "Mosh" – ein starker, wütender, explizit gegen Bush gerichteter Track mit Zeilen wie diesen: "They ain't gon' stop us, they can't, we're stronger now more than ever / They tell us no, we say yeah, they tell us stop, we say go / Rebel with a rebel yell, raise hell, we gon' let 'em know / Stomp, push, shove, mush, fuck Bush / Until they bring our troops home, come on, just come along / follow me as I lead through the darkness."

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Morgen wurde für diese Entscheidung durchaus von einigen kritisiert, aber er hat schon recht, wenn er sagt, die Protestmusik sei heute zu "einem Klischee, einem Anachronismus" geworden. Im gleichen Interview sagt er auch: "Ich betrachte diesen Film überhaupt nicht als einen Film über das Jahr 1968. Ich denke, es ist ein Film über die Jahre 2007 und 2008." Man muss ihm da recht geben. Und vielleicht noch die Jahre 2020 (Black Lives Matter-Proteste nach dem Tod von George Floyd) und 2026 (die Anti-ICE-Proteste in Minnesota und anderswo) hinzufügen.

Was Chicago 10 aber vor allem dieser Tage sehenswert macht: Der Film trägt trotz der Gewalt, der Schikane und der Ungerechtigkeit, die er dokumentiert, eine gewisse Hoffnung in sich. Wir sehen tausende, sehr junge Menschen, die gegen einen unrechten Krieg trommeln, wir sehen eine bunte Gemeinschaft, die mit überwiegend friedlichen Mitteln starke Zeichen setzt – und wir sehen am Ende, nach vergebenen und erlassenen oder verkürzten Haftstrafen für die Chicago 10, ein Amerika, das irgendwann auch eingesehen hat, das hier in Chicago etwas massiv falsch gelaufen ist – und dass ein Land, in dem so etwas passiert, nicht wirklich ein gesundes, freies Land sein kann.

Gut, diese Erkenntnise haben sich nicht lange gehalten, aber das wäre noch mal ein anderer Text. Oder gleich ein ganzes Buch …

Daniel Koch

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