Ganz ehrlich: Bei der Idee eines Remakes sind wir immer ein wenig skeptisch. Wie oft ist das denn überhaupt gutgegangen? Und warum braucht es das überhaupt? Das sind die Fragen, die sich meistens stellen. Im Falle von How To Make A Killing – Todsicheres Erbe, der den Filmklassiker Adel verpflichtet in die Gegenwart holt, gab es aber viele Faktoren, die uns optimistisch stimmten. Da wäre zum einen die Tatsache, dass der Originalfilm in den 40ern in Schwarz-Weiß gedreht wurde, was den Reiz eines zeitgemäßen Updates erkennen lässt. Hinzu kam, dass John Patton Ford das Drehbuch schrieb und die Regie übernahm. In Sachen Kino hat dieser Mann zwar noch nicht das größte Oeuvre vorzuweisen, aber sein Spielfilmdebüt Emily The Criminal mit Aubrey Plaza in der Hauptrolle war für uns eine der Überraschungen des Kinojahres 2022.
Adel verpflichtet (den man übrigens im Programm von ARTHAUS+ findet) kam 1949 unter dem Titel Kind Hearts and Coronets in die Kinos und war eine britische Produktion unter der Regie von Robert Hamer. Er hatte den bis dato nicht wirklich bekannten satirischen Roman "Israel Rank: The Autobiography of a Criminal" von Roy Horniman aus dem Jahr 1907 grob als Grundlage genommen, die Morde des Buches aber in den Kontext eines adeligen Familienstammbaums überführt. Die Rahmenhandlung sieht kurz zusammengefasst so aus: Wir lauschen einem jungen, sympathischen Mann namens Louis Mazzini D’Ascoyne, der auf die Todesstrafe wartet und in den letzten Stunden von einer Mordreihe berichtet, die er begangen hat, um ein – nach seiner Meinung – ihm zustehendes Erbe zu bekommen. In Adel verpflichtet schreibt er diese Erinnerungen auf, im Remake erzählt er sie einem Priester.
Louis Mazzini D’Ascoyne (gespielt von Denis Price) ist adeliger Abstammung, aber seine Mutter wurde aus der Familie verstoßen, als sie jung schwanger wurde und einen Mann heiratete, der zwar ein fabelhafter Opernsänger, aber für eine Adelige trotzdem keine gute Partie war. Aus der Erbfolge wurden die beiden allerdings nicht gekickt, was den jungen Louis auf die Idee bringt, ein bisschen nachzuhelfen. Der Ton des Films und des Romans ist dabei ebenso böse wie charmant. Mal rootet man für Louis, mal fragt man sich, mit welchem Recht er eigentlich über Leben und Tod entscheidet. Sein Blick auf die Reichen und Adeligen ist dabei von seiner eigenen Geschichte und von einer sardonischen Verachtung geprägt, die vor allem in den Off-Kommentaren zum Ausdruck kommen. Einmal beschreibt Louis den reichen Teil seiner Familie als "wahre Ungeheuer an Dünkel und Grausamkeit, deren einziger Daseinszwecke darin bestand, mich meiner Geburtsrechte zu berauben."
Robert Hamer spielt in seinem Film mit dieser moralischen Grauzone, dem Neidgefühl, der Reichenverachtung und dem Changieren zwischen Bösartigkeit und netter Fassade.
Ein weiterer Clou von Adel verpflichtet, ist aber die Besetzung von Alec Guinness, der folgende Rollen spielt: Herzog D’Ascoyne, Bankier D’Ascoyne, Reverend D’Ascoyne, General D’Ascoyne, Admiral D’Ascoyne, Ascoyne D’Ascoyne (Sohn des Bankiers), Henry D’Ascoyne und sogar Lady Agatha D’Ascoyne. Das sind alle acht Familienmitglieder, die der junge Louis Mazzini D’Ascoyne töten muss, um Alleinerbe zu werden.
Wie es nun zu dieser Neuauflage von Adel verpflichtet kam, erklärten die Produzenten Pete Czernin und Ron Halpern in einem Interview zum Presseheft des Films so: "Ich liebe das Original", meint Czernin. "Es hat so einen einzigartigen Ton und Witz. Im Laufe der Jahre sind bei Studiocanal immer wieder große Filmstars vorbeigekommen und haben gesagt: ‚Wäre es nicht toll, Kind Hearts and Coronets neu zu verfilmen? Und wie wäre es, wenn ich alle Rollen spiele?‘"
Lange Zeit habe jedoch keiner der vorgeschlagenen Ansätze gepasst, ergänzt Produzent Ron Halpern von Studiocanal: "Es ist immer schwer zu erklären, warum es sich lohnt, eine neue Version von etwas anzugehen. Aber John Patton Ford hat es geschafft, dass sich das Ganze unglaublich zeitgemäß anfühlt. Es hat einfach funktioniert, sobald man es gelesen hat. Er hat das Original reif für eine Neubewertung gemacht. Er hat das Grundgerüst genommen, es auf Amerika übertragen und ordentlich aufgemischt."
Der Regisseur und Drehbuchautor selbst beschreibt seinen Film so: "How To Make A Killing – Todsicheres Erbe ist eine sehr, sehr freie Neuinterpretation der klassischen, trockenen Komödie Adel verpflichtet der Ealing Studios aus den 40er Jahren. Mein Film ist eine bombastischere, amerikanische Version davon."
Fords Einschätzung würden wir sofort unterschreiben: Er hat große Freude daran, die Schönen und Reichen ins Lächerliche zu ziehen, labt sich aber zugleich an den Schauwerten dieser Welt, weil er weiß, dass diese im Kino ziehen. Auch legt Ford den Fokus nicht mehr auf die adelige Abstammung, sondern macht aus dem Adelsgeschlecht den Redfellow-Banker-Clan, der von Whitelaw Redfellow (Ed Harris) patriarchalisch und mit harter Hand geführt wird. Hollywood-Star Glen Powell wird in diesem Setting zu Becket Redfellow, dessen alleinerziehende Mutter Mary einst erstoßen wurde. Margaret Qualley spielt die schnöselig-diabolische Julia Steinway, während Jessica Henwick als Ruth die einzige wirklich herzensgute Person der Geschichte verkörpern darf.
Zum Glück übernimmt John Patton Ford auch nicht die Idee, alle Redfellows mit dem gleichen Schauspieler zu besetzen. So kann jedes der Opfer eigenen Nuancen setzen, was vor allem Zach Woods sehr gut gelingt: Er spielt den unsäglichen Nepo-Baby-Künstler Noah und zieht damit den Film kurz in eine herrlich bissige Satire auf die Kunstwelt.
© Studiocanal
Glen Powell als Becket ist natürlich eine diabolisch-gute Besetzung: Er gilt für viele als das nette, schöne Gesicht Hollywoods – und diese Wirkung nutzt der Film sehr gekonnt und ein bisschen hinterhältig. Wie auch im Original wartet Becket auf die Todesstrafe und erzählt nett und höflich, wie er in diese dumme Sache mit dem Morden reingeraten ist. Erst killt er eher zufällig und fast tollpatschig. Das Lächeln Powells und sein Sonnyboy-Charme sorgen lange dafür, dass man ihm das als Zuschauender auch irgendwie durchgehen lässt. Aber dann gibt es immer mehr moralische Störmomente, in denen man denkt: "Hey, Moment mal! Was für ein Arschloch bist du denn gerade?"
Genau das reizte auch Powell, der natürlich um sein Image weiß. Er sagte in einem Interview für das Presseheft, dass ihn vor allem der Regisseur überzeugt habe, dass diese Rolle die richtige von ihm sei: "Ich war ein großer Fan von Emily the Criminal, aber als ich mich dann mit John zusammensetzte, wurde ich auch ein Fan von ihm als Mensch. Und dann wurde ich ein Fan von dem, was er mit diesem Film vorhatte, und davon, wie er sich anfühlen würde. Der Film, über dem John sprach, war, was den Ton und den Geschmack angeht, die Art von Film, die ich so noch nie auf dem Markt gesehen hatte."
© Studiocanal
Powell meint: "Wir haben alle American Psycho gesehen. Wir haben Ableger davon gesehen. Wir haben Taxi Driver gesehen. Wir haben auch davon Ableger gesehen. Aber so, wie John diesen Film konzipierte, seine Vision dahinter, da dachte ich: ‚So einen Film habe ich noch nie gesehen – das klingt wie Ocean's Eleven bloss mit Morden. Die Idee ist Rock ’n’
Roll. Sie hat Swagger.‘ John erinnerte mich an einen jungen [Steven] Soderbergh.“
Tatsächlich ist How To Make A Killing – Todsicheres Erbe ein Story-Cocktail, wie man ihn in dieser Geschmacksrichtung selten serviert bekommt. Und nachdem wir an einem Abend beide Filme hintereinander geschaut haben, können wir die Frage, die wir im Titel gestellt haben, nur so beantworten: Beide Filme muss man sehen!
Ob die Neuauflage allerdings die Liebe zum Original überstrahlen wird, dass muss uns die Zeit erst lehren. Fragen Sie also gerne in 85 Jahren oder so nochmal nach, wenn das Remake so alt ist wie das Original heute …
Daniel Koch