Es sind oft eher die in naher Zukunft angesiedelten Science-Fiction-Filme, die einen besonders nervös machen. Children of Men ist ein gutes Beispiel für diese These, 28 Days Later und die Nachfolgefilme ebenso. Auch Cédric Jimenez' Zone 3 nach dem Roman "Chien 51" von Laurent Gaudé zieht seine beunruhigende Qualität daraus, dass einem die vermeintlich futuristischen Auto- und Drohnenmodelle oder die freundliche Stimme der KI Alma längst vertraut vorkommen.
Auch das Paris des Jahres 2045 sieht an einigen Stellen nur etwas polierter und an anderen etwas runtergerockter aus, als man es vom letzten Paris-Wochenende in Erinnerung hat. Cédric Jimenez sagte dem "Hollywood Reporter" dazu: "Ihr werdet die Gesellschaft im Film wiedererkennen, aber es ist alles noch ein bisschen extremer. Das war die künstlerische Vorgabe für alle: ‚Nehmt unsere Gesellschaft, wie sie letzte Woche war, und treibt sie noch um 25 % weiter.‘"
Die schillernden und schäbigen Orte sind im Paris von Zone 3 allerdings auch räumlich getrennt. Alle Bewohner:innen tragen ein ID-Armband und werden permanent KI-überwacht. Die Szenen, die diese Überwachung zeigen, erinnern dabei stark an die Bilder und Interfaces, die man aus dem KI-gesteuerten "Social Credit System" Chinas kennt. Während Zone 3 vom Pöbel bewohnt wird, ist Zone 2 für die Wohlhabenderen und Beamt*innen und Zone 1 für die Elite. In der Welt des Films Zone 3 darf man natrülich nur mit einer entsprechenden Erlaubnis in die jeweils höhere Zone.
Das sind allerdings Grenzen, die es schon heute in allen Metropolen der Welt gibt – nur ohne reale Checkpoints dazwischen. Das findet auch Regisseur Jiminez: "Solche Grenzen gibt es bereits – in Paris und in jeder Stadt der Welt –, wo sich die reichen Menschen, die in einem bestimmten Viertel leben, nicht mit den Menschen aus ärmeren Vierteln vermischen. Jetzt haben wir eine unsichtbare Mauer. Im Film ist es eine echte Mauer."
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Cédric Jimenez hat schon mit Filmen wie Bac Nord – Bollwerk gegen das Verbrechen bewiesen, dass er temporeich, hart, atmosphärisch und intelligent zugleich erzählen kann. Das gelingt ihm auch in Zone 3. Die Story entspinnt sich um den Mord an den Alma-Erfinder. Die Aktivist:innen von "Breakwalls", die sich gegen die Drei-Klassen-Gesellschaft wehren, werden zum Sündenbock der Tat.
Im Mittelpunkt des Films stehen die in Zone 2 wohnende Kommissarin Salia (Adèle Exarchopoulos) und der aus Griechenland eingewanderte Hilfspolizist Zem (Gilles Lellouche), der in Zone 3 wohnt und arbeitet. Die beiden kommen nach und nach einem Komplott auf die Spur, das nicht nur ihre Karriere, sondern auch ihr Leben bedroht.
Man ahnt es natürlich schon: Die KI mischt eifrig mit in diesem Komplott – und ist natürlich genauso durchtrieben, wie die Menschen, die sie erdacht haben.
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Wer das Buch kennt und liebt, mag da jetzt naturgemäß skeptisch sein – denn: Sie spielt im Roman keine Rolle. Cedric Jimenez erklärt im "Hollywood Reporter": "KI war ursprünglich nicht Teil des Drehbuchs, wir haben sie der Geschichte hinzugefügt. Wir haben mit führenden Experten in Frankreich darüber gesprochen, wie KI funktioniert, wie sie in Institutionen Einzug hält und zu welchem Zweck sie eingesetzt wird. Zone 3 ist ein Mainstream-Film, aber ich liebe es, Unterhaltung mit tiefergehenden Gedanken über die Gesellschaft, in der wir leben, zu verbinden."
Genau das ist ihm mit Zone 3 gelungen.
DK