Die beste Weise die Freude zu beschreiben, die Richard Linklaters Film Nouvelle Vague auslöst, ist es, gemeinsam diesen Song zu hören:
Tja, genauso fühlt sich das an: So lässig, so cool, so groovy, so seltsam schön popkulturell aufgeladen und verdreht wie diese ins Französiche übertragene Coverversion eines von dem US-Songwriter-Duo Jerry Leiber und Mike Stoller geschriebenen 50s Classic, der vor allem durch die britischen Beatles bekannt wurde und hier zu einer uramerikanischen Instrumentierung von einem in Ägypten geborenen französischen Sänger mit dem sehr amerikanischen Namen Richard Anthony gesungen wird. "Nouvelle Vague", im Original "Three Cool Cats", läuft dann auch passenderweise im Abspann der Hommage von Richard Linklater an den jungen Jean-Luc Godard, Außer Atem und die Nouvelle Vague.
Aber wir sollten vielleicht ein wenig klarer werden: Richard Linklater hat für seinen neuen Film die Entstehung von Außer Atem nachgebaut und es kommt nicht von ungefähr, dass einige Filmkritiken zu Nouvelle Vague das Wort "Mimikri" benutzen. So bezeichnet man in der Biologie eine Form der Nachahmung visueller, auditiver oder olfaktorischer Signale, um andere zu täuschen. Das Olfaktorische können wir natürlich von hier nicht beurteilen, aber wir vermuten mal, dass die durch die Bank relativ unbekannten Schauspieler:innen so faszinierend riechen, wie sie aussehen.
Die Besetzung von Nouvelle Vague ist schonmal der erste Scoop von Richard Linklater: Zoey Deutch (Jean Seberg), Guillaume Marbeck (Jean-Luc Godard) und Aubry Dullin (Jean-Paul Belmondo) mögen den Originalen nicht aufs Haar gleichen, aber kommen der Sache schon unheimlich nah. Und sie spielen so vergnügt und unbeschwert, dass man die kleinen Ungereimtheiten schnell übersieht. Außerdem werden ja alle wichtigen Nouvelle-Vague-Menschen in diesem Film mit Namenstafeln vorgestellt, seien es Coutard, Truffaut, Gréco, Chabrol, Cocteau, Varda oder Rohmer – ein simpler Trick, der extrem gut funktioniert.
Richard Linklater hat mit den in weiten Teilen improvisierten Filmen der Before-Triloge und dem Langzeit-Filmprojekt Boyhood ja eigentlich schon sehr Nouvelle-Vague-ig gearbeitet – deshalb ist es fast schon ironisch, dass er bei diesem Film ein bisschen streberhaft vorgeht. Linklater, der übrigens im Premierenjahr von Außer Atem geboren wurde, sagt selbst, er kenne den Originalfilm in-und-auswendig – was man manchmal etwas zu sehr merkt.
In einem Interview zum Kinostart in den USA mit dem Magazin "Hammer To Nail" gestand Linklater: "Ich weiß alles über diesen Film. Ich weiß, welches Objektiv sie in jeder Szene verwendet haben und wieviel Takes notwendig waren." Linklater weiß auch um die psychologischen Tricks, die Godard angewendet hat und die technischen Tricks, die Godards Kameramann Raoul Coutard eingefallen sind.
Viele Szenen baut Linklater fast 1:1 nach – und baut das minimale Set gleich mit drum rum. Godard ist bei ihm nicht die Nervensäge, die er sicher auch war, sondern ein genialer Schelm, den man am Ende nur lieben kann. Man darf also davon ausgehen, dass Godard sich vermutlich hier als ein wenig zu charmant empfunden hätte. Und als Zuschauender fragt man sich bei aller Godard-Verehrung dann auch irgendwann, ob der Mann wirklich so ein wandelndes Bon-Mot-Dauerfeuer war.
Linklater hat seinen Film dabei mit den Kameramodellen aus Godards Zeiten gedreht – und zwar komplett auf Französisch. Er selbst sagt: "Ich habe wie ein Musiker gearbeitet, der sich in ein historisches Studio einmietet und da nur die alten Mikrofone und Röhrenverstärker benutzt, um einen möglichst alten Sound hinzukriegen."
Auch wenn man den originalen Rhythmus von Außer Atem auf diese Weise natürlich nicht nachbauen kann, macht Nouvelle Vague von Anfang bis Ende Spaß – egal, ob man allen Easter Eggs hinterherjagt, der pointiert geschriebenen und oft sehr lustigen Heldenverehrung erliegt, oder sich wirklich der Illusion hingibt, hier dem polierten Making-of eines cineastischen Meisterwerk beizuwohnen. Und eines ist am Ende sowieso sicher: Nach diesem Film will man gleich im Anschluss noch einmal Außer Atem auf großer Leinwand sehen. Wir hoffen also auf zahlrieche Double-Features: bevorzugt in der Reihenfolge Nouvelle Vague und dann Außer Atem.
DK