Der Schweizer Regisseur Stefan Haupt hat im vergangenen Jahr mit seiner Stiller-Verfilmung gezeigt, wie zugänglich auch hohe Literatur erzählt werden kann. Haupt, der den Autor Max Frisch noch zu Lebzeiten persönlich treffen konnte, verbindet seine klare Erzählung mit viel Lieben zum Detail – und zu Zürich. Und er kann sich auf seinen tollen Cast verlassen: Albrecht Schuch spielt den Mann, der Stiller (oder nicht Stiller und vielleicht sogar James Larkin White) ist, geheimnisvoll und charming zugleich, während Paula Beer der Julika mehr Leben und Energie einhauchen kann, als der originale Roman ihr das gewährt hätte.
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Natürlich muss der erste gesprochene Satz in diesem Film dieser sein: "Ich bin nicht Stiller!" Albrecht Schuch spricht diese Worte direkt in die Kamera. Mit einem Blick, aus dem fast ein wenig zu deutlich die Wahrheit sprechen soll, die vielleicht gar keine ist. Schon diese Sekunden machen die Fallhöhe der Verfilmung deutlich: Der Satz ist ikonisch – einer der bekanntesten in der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Der Plot ist vielen bekannt – es gilt also, das Verwirrspiel so unterhaltsam zu adaptieren, dass die meisten die schon bekannte Pointe unterwegs vergessen. Und, last but not least: Das Geschlechter-Rollenbild der 50er-Jahre, das ein wesentliches Element des Romans ist, wirkt heutzutage nicht nur angestaubt, sondern genauso patriarchalisch und sexistisch, wie es damals im Grunde war.
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In Stefan Haupts Romanverfilmung Stiller sieht man mit Albrecht Schuch und Paula Beer nicht nur zwei sehr schöne Menschen – man sieht diese Menschen auch immer wieder durch eine sehr schöne Stadt laufen.
Dabei handelt es sich natürlich um Zürich, das sich im Film von seinen besten Seiten zeigt. Denn, wie Max Frisch seinen "Stiller" im Roman recht süffisant sagen lässt: "Zürich könnte ein reizendes Städtchen sein. Es liegt am unteren Ende eines lieblichen Sees, dessen hügelige Ufer nicht von Fabriken, jedoch von Villen verschandelt sind."
Im Film gibt es eine Reihe von Dialog-lastigen Spaziergängen, die trotz aller inhaltlicher Deepness einen ruhigen Fluss haben. Auch dafür wusste Max Frisch schon damals den Grund: "Bei aller Geschäftigkeit hat Zürich, Treffpunt der Kaufleute, etwas Kurorthaftes." Ist das ein Loblied? Oder ein Diss? Wer Max Frischs Werk und seine Tagebücher kennt, ahnt: vermutlich beides.
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Wir wissen nun: Wer auf den Spuren Max Frischs wandeln will, ist in Zürich gut aufgehoben. Frisch wurde 1911 dort geboren, wuchs im Quartier Hottingen auf, studierte erst Germanistik an der Universität Zürich und anschließend Architektur an der ETH. Aber Max Frischs Beziehung zur Stadt war auch und vor allem von Reibung geprägt. Immer wieder zog es ihn an andere Orte – in den Tessin, nach Rom, nach Berlin, nach New York. In seinen Tagebüchern finden sich viele Sätze über Zürich, im Roman "Stiller" aber steht die vielleicht treffendste Beschreibung: "Zürich könnte ein reizendes Städtchen sein. Mit seiner Lage am unteren Ende eines lieblichen Sees, der auf beiden Seiten von gelassenen Hügeln umarmt wird – dessen hügelige Ufer aber nicht von Fabriken, sondern von Villen verschandelt sind."
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DK