Hollywood-Mythen: Die Geschichte von "Helter Skelter"

In Tarantinos Once Upon A Time in Hollywood geht es auch um den Mord der "Manson Family" an Sharon Tate vor 50 Jahren.

Filmgeschichten 08. August 2019

Der Song "Helter Skelter" vom "White Album" spielt eine besondere Rolle im Werk der Fab Four. Das sieht man allein schon daran, dass Ringo Starr und Paul McCartney ihn 2019 beim Reunion-Konzert als einen von zwei Songs auswählten, die die verbliebenen Beatles für ihre Fans im Dodger Stadium performten – neben "Sgt. Pepper`s Lonely Hearts Club Band". Ausgerechnet "Helter Skelter" und dann auch noch in Los Angeles, mag man denken. Schließlich ist das Stück schon recht bald nach seiner Veröffentlichung Ende 1968 zum festen Bestandteil der Legenden um ein schreckliches Verbrechen in der kalifornischen Metropole geworden. Auch darauf spielt der Titel des neuen Films von Quentin Tarantino an: Once Upon A Time in Hollywood (Kinostart: 15.8.2019).

Sharon Tates Blut an der Tür

Im Zentrum mehrerer Morde der "Manson Family" um den später als Initiator verurteilten "Guru" Charles Manson steht eine blutige Nacht. Am Morgen des 9. August 1969 wurden Sharon Tate und ihr ungeborener Sohn Paul Richard tot auf einem Anwesen am Cielo Drive in L.A. aufgefunden. Die nähere Untersuchung ergab, dass der schwangere Hollywood-Star Tate und ihr Baby wenige Stunden zuvor mit 16 Messerstichen getötet worden waren. Ihre Mörder*innen hatte beim Verlassen des Hauses noch dazu das Wort "PIG" an die Haustür gemalt. Mit Sharon Tates Blut. Ein Bild des Magazins Life ging um die Welt, auf dem der in jener Nacht nicht anwesende Mieter des Hauses und Kindsvater, Regisseur Roman Polanski, am nächsten Morgen fassungslos vor dieser blutverschmierten Tür zu sehen ist. Am selben Tatort wurden auch die Leichen mehrerer Bekannter von Tate und Polanski sowie die eines jungen Mannes gefunden.

Die Polizei stand angesichts des Massakers vor einem Rätsel. Nur einen Tag später ereignete sich in der Nähe ein Doppelmord. Opfer war in diesem Fall das Unternehmerehepaar Rosemarie und Leno LaBianca. Die beiden miteinander in Verbindung stehenden Verbrechen sind heute als Tate-LaBianca-Morde bekannt. Außer der bestialischen Art der Hinrichtung, gab es gleich eine weitere auffällige Gemeinsamkeit mit dem Szenario am Cielo Drive zu beobachten. Auch diesmal hatten die Täter*innen nämlich eine blutige Botschaft hinterlassen. Mit dem Blut Leno LaBiancas waren zwei Worte auf den Kühlschrank gekritzelt worden: „Healter Skelter“. Der Name des Beatles-Stücks, allerdings falsch geschrieben.

Charles Mansons irrer Blick auf dem Buchcover von Vincent Bugliosis True Crime-Bestseller

Durch Ermittlungen wegen anderer Delikte fand die Polizei eher zufällig die Verantwortlichen für diese und andere Akte der Gewalt. Auf der nahe gelegenen Spahn Ranch hauste eine Art degenerierte Hippie-Kommune, die sich um den Kleinkriminellen Outcast Charles Manson geschart hatte – vor allem junge Frauen waren fasziniert von dem vereinnahmenden Typen, der eigentlich Musiker hatte werden wollen. Für kurze Zeit war er sogar mit Dennis Wilson von den Beach Boys befreundet, der mit seiner weltbekannten Band den Manson-Song "Cease To Exist" unter dem Titel "Never Learn To Love" einspielte und dem Produzenten Terry Melcher ein Demo-Tape des talentierten Weirdos in die Hand drückte. Melcher lehnte es ab. Dass Melcher vor Polanski und Tate Mieter am Cielo Drive gewesen war, gehört zu den vielen Mythen, die sich um die Morde der "Manson Family" ranken.

Charles Mansons Beatles- und "White Album"-Obsession ist ebenfalls Gegenstand wildester Theorien, mit denen man sich jene Geschehnisse zu erklären versucht, die Los Angeles und die USA vor 50 Jahren erschütterten. In dem Song "Helter Skelter" wollte Manson angeblich die Ankündigung eines bevorstehenden Krieges zwischen Schwarzen und Weißen herausgehört haben – weshalb die Tatorte der "Manson Family" von den Killer*innen so markiert wurden, dass hinter den Morden afroamerikanische Täter*innen vermutet werden sollten, um den Showdown im "Race War" herauf zu beschwören. Bitter: Trotz des rassistischen Gedankenguts dieses düsteren "Propheten" übt Manson noch nach seinem Tod im November 2017 eine gewisse Faszination als provokative Figur der Gegenkultur aus. Der Instant-Fame war der eines Popstars: 1970 landete er auf dem Cover des Rolling Stone. Im Gefängnis ritzte sich Manson dann ein Hakenkreuz auf die Stirn.

Margot Robbie als Sharon Tate in Tarantinos "Once Upon A Time In Hollywood"

Quentin Tarantinos Once Upon A Time In Hollywood streift die Geschichte Mansons und das Schicksal von Sharon Tate wohl nur am Rande. Eigentlich geht es in seinem Film um einen abgehalfterten Hollywood-Schauspieler namens Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und den mit ihm befreundeten Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt). Margot Robbie spielt in diesem Szenario Sharon Tate. Aber natürlich darf man darüber hinaus eine mehr oder weniger subtile Beschäftigung mit der glorreichen Zeit der Traumfabrik und dem realen Amerika erwarten. Was hatte es damals noch mit dem amerikanischen Traum auf sich, der schon längst nicht nur an fernen Orten wie Vietnam sondern beispielsweise auch bei den Watts-Unruhen vor den eigenen blutverschmierten Haustüren L.A.s zum Albtraum geworden war? Wie man hört, soll Tarantinos Antwort eine blutige sein aber einen geradezu utopischen Moment beinhalten.

Sharon Tate wird durch Once Upon A Time in Hollywood nicht wieder lebendig – und trotzdem auf gewisse Weise zum Leben erweckt. Die verpfuschten Biografien ihrer Mörderin Susan Atkins sowie anderer "Manson Girls" wie Patricia Krenwinkel oder Leslie van Houten gehören ebenfalls zur dunklen Seite des Manson-Hypes. Am stärksten hat diesen wohl Staatsanwalt Vincent Bugliosi befeuert, der die Fakten in seinem Bestseller "Helter Skelter" zusammenfasste und mit abenteuerlichen Spekulationen anreicherte. Mit "Helter Skelter" bezeichnen Engländer übrigens ganz banal eine spiralförmige Rutsche. Alles wegen eines Kinderlieds? Schon 1988 coverten U2 den Beatles-Song, damit er nicht auf ewig mit Manson verbunden sein würde. Und McCartney selbst spielte ihn vor seinem Auftritt mit Ringo Starr bereits 2011 live in Los Angeles – bei den Grammy Awards. Nach dem Stück "Fine Line" und dessen vielsagenden Zeilen "There is a long way between chaos and creation." Zehn Jahre nach ihrem Tod widmete Roman Polanski Sharon Tate seinen Film Tess.

WF

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