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Bill Murray: Gute Miene zu jedem Spiel

Am 21. September feiert der aus Wilmette, Illinois stammende Schauspieler seinen 70. Geburtstag. Wir gratulieren.

Filmgeschichten, Persönliches 21. September 2020

Jeder Mensch, der ohne Worte jener Absurdität Ausdruck verleihen möchte, die wir das alltägliche Leben nennen, würde das wohl am liebsten mit dem Gesicht Bill Murrays tun. Die Sache ist: nur Bill Murray kann das. Ins Bild kommen und Traurigkeit und Resignation und Wissen und Nachsicht ausstrahlen. Ganz so als würden wir die Figur, die er spielt, schon seit Jahren kennen, und als würde er uns ebenfalls kennen und wenig überrascht sein, dass er das Drama der kommenden 90 plus X Minuten stellvertretend für uns durchmachen muss. Mittlerweile ist es ja auch so, dass wir ein paar gefühlte Ewigkeiten lang schon vertraut sind mit unverwechselbaren Charakteren wie Dr. Peter Venkman aus Ghostbusters oder dem Wetteransager Phil Connors aus Und täglich grüßt das Murmeltier. Weil viele von uns die Filme, in denen sie die tragenden Rollen sind, auch wenn Murray sie mit hängenden Schultern spielt, schon so oft angeschaut haben, dass wir jede Zeile auswendig mitsprechen können.

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Aber Bill Murray, so ist zu vermuten, erreicht denselben Effekt auch bei Zuschauer*innen, die ihn oder besagte Klassiker noch nie zuvor gesehen haben. Seine gebrochene Männlichkeit, die man schätzungsweise am besten einsam an den Bars irgendwelcher Hotellobbys einstudiert, hat auf den ersten Blick etwas Liebenswertes – aus ihr spricht eine Zerrissenheit und Verletzlichkeit, die auf seltsame Weise über den Dingen steht. Bill Murray war sicher schon immer eine alte Seele voller Grübchen, denkt man, denen die Falten im Gesicht mit der Zeit nachempfunden sind. Ein Zweifler, der selbst den Sinn des Zweifelns bezweifelt aber niemals verzweifelt oder auf eine nicht groteske Weise wütend wird.

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Bill Murray begann seine Karriere in den 1970er Jahren als Comedian in der Show Saturday Night Live, wo er bald für einige Jahre zum Stamm der Darsteller*innen und Autor*innen gehörte. In den 1980ern arbeitete er mehrfach mit Regisseur Ivan Reitman zusammen, unter der Regie seines Schauspielerkollegen Harold Ramis brillierte er 1993 in Und täglich grüßt das Murmeltier. Phil Connors. Womöglich seine Paraderolle. Ist doch diese von der Routine abgestumpfte und zynisch gewordene Wetterfee aufs Absurdeste mit einer Zuspitzung des bereits angenommenen Ist-Zustands konfrontiert – der Vermutung, dass Tag für Tag im Leben alles gleich abläuft. Nun wird Connors auch noch jeden Morgen vom Song »I Got You Babe« geweckt, der zum Soundtrack seiner genialen aber mühsamen Annäherungsversuche an die von Andie MacDowell gespielte Rita wird. Hier entfaltet Murray sein großes tragikomisches Talent, aus dem Ernst des Lebens einen guten Witz und noch aus einem schlechten Joke den tieferen Sinn der menschlichen Existenz ableiten zu können. Zehn Jahre später, mittlerweile hatte auch ein aufstrebender Filmemacher namens Wes Anderson ihn für sein Ensemble entdeckt, legte Bill Murray in Sofia Coppolas Lost In Translation ein weiteres Reifezeugnis ab. Seitdem sieht man ihn mehr als je zuvor wie den Hüter eines wichtigen Geheimnisses an. Was flüstert Bob Harris Charlotte am Ende des Films ins Ohr? Nur Scarlett Johansson und Bill Murray können es wissen.

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Ein weiser Kerl, der Kalendersprüche scheut und die Weisheit lieber im Stillen weitergibt. So könnte man Murrays Charisma schließlich auch beschreiben. Was ihn zum perfekten Jim Jarmusch-Darsteller macht, wie etwa durch Coffee And Cigarettes, Broken Flowers oder The Limits Of Control zu beweisen war. Allgemein bekannt ist, dass er am 21. September 2020 süße 70 Jahre alt wird. Und während man sich noch vorstellt, dass Bill Murray den Geburtstag irgendwo an einem Bahnhof mit Koffer in der Hand oder auf eine andere lakonische Art begeht, wünscht man sich, dass er sein unnachahmliches Gesicht gerade in ein gutes Drehbuch vertieft, das demnächst verfilmt wird.

WF

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