Cary Grant: Erinnerungen eines Gentlemans

Wir kennen ihn aus Filmen wie Unternehmen Petticoat (1960), Indiskret (1958) und Charade (1963), die kürzlich bei ARTHAUS wieder veröffentlicht wurden. Doch hinter dem strahlenden Lächeln und dem geschliffenen Spiel des Cary Grant kämpfte sich ein ganz normaler Mensch durch helle und dunkle Zeiten. Während er Charade in Paris drehte, schrieb er sich diese von der Seele.

Filmgeschichten 12. Juni 2019

Man muss sich ja fast schon entschuldigen, das G-Wort gleich in der Überschrift zu bringen, aber Cary Grant verkörpert eben noch immer ein Mannsbild, das viele sofort an einen echten Gentleman denken lässt. Vielleicht weil es Rollen wie jene, die er in zahlreichen, dezenten Variationen immer wieder spielte, heute nicht mehr gibt – sie so auch nicht mehr gewünscht wären. Und natürlich liegt es auch an seinem verflucht guten Aussehen, das er bis ins reifere Alter halten konnte. Man denke nur an jene Szene aus Hitchcocks Über den Dächern von Nizza aus dem Jahr 1955, als er sich in Badehose neben Grace Kelly setzt und man erst, wenn man das Rechnen beginnt, merkt, dass Grant in diesem Moment ungefähr doppelt so alt ist wie sie. Auch die typischen Grant-Dialoge, diese charmanten Schnellfeuerduelle, die er sich am liebsten mit hinreißenden Schauspielerinnen lieferte, thematisieren seine Wirkung immer wieder. So sagt Grant zum Beispiel in Hitchcocks Der unsichtbare Dritte zu seiner Filmpartnerin Eva Marie Saint: "Es muss etwas mit meinem Gesicht zu tun haben." Und sie entgegnet: "Es ist ein schönes Gesicht." In Grants Antwort offenbart sich ein weiterer Teil seines Reizes. Er fragt: "Finden sie?". Auch das war "classic Cary Grant": Understatement und/oder Selbstironie in Gegenwart des Offensichtlichen. Denn natürlich war sich Grant seiner Schönheit bewusst, aber er wusste sie mit diesem Verhalten auszuleveln oder gar runterzuspielen – was ihn trotz seines Status als Hollywood-Star zu "einem von uns" machte und dafür sorgte, dass auch Männer in ihm nicht nur Konkurrenz und Schönheit oder gar Schnöseligkeit sahen.

© DR/Lobster

Es erscheint auf den ersten Blick journalistisch fahrlässig, Cary Grants Persönlichkeit eins zu eins an seinen Rollen festmachen zu wollen. Andererseits sind diese immer noch der beste Anhaltspunkt, um ihn zu greifen. Frühe Weggefährten sagten einst über Grant: "Wenn man sich mit ihm unterhielt, schaffte man es nie, an der Figur Cary Grant vorbeizuschauen." Denn jeder wusste oder ahnte: Schon Cary Grant, der einst als Archie Leach in Bristol geboren wurde, war eine Rolle, oder vielleicht eher eine modifizierte Persönlichkeit seiner inneren Wünsche. "Jeder möchte sein wie Cary Grant", sagt ihm einst ein Interviewer und Grant parierte: "Ich auch." Es vielleicht das berühmteste Bonmot über Grant, das auch in zahlreichen Nachrufen über ihn im Winter 1986 auftauchte.

Cary Grant erklärt Archie Leach und umgekehrt

Im Jahr 1963, im Alter von 58 Jahren und nur wenige Filme vom Ende seiner Darstellerkarriere entfernt, gewährte Cary Grant schließlich intime Einblicke in seine Biografie und seine Gefühlswelt. Künstlerisch war es ein gutes Jahr: Charade mit Audrey Hepburn, unter Regie von Stanley Donen, wurde von der Kritik und dem Publikum geliebt und gar einmal als "bester Hitchcock-Film, der nicht von Hitchcock ist" bezeichnet. In dem Verwirrspiel zwischen Krimi, Agentenfilm, Screwball-Komödie und Romanze wechselt Grant gleich mehrmals die Identitäten.

Während der Dreharbeiten in Paris, die bereits 1962 begonnen, schreibt er an etwas, das man durchaus als Autobiografie bezeichnen könnte. Grant steht bei dem Kolumnisten und in Hollywood als Biograf bekannten Joe Hyams im Wort, seine Lebensgeschichte im "Ladies‘ Home Journal" zu veröffentlichen. Hyams hatte zunächst eine Reihe von Textn formuliert, basierend auf Interviews, die er mit Grant geführt hatte. Dieser entschied nun jedoch, sie um- oder vielmehr neuzuschreiben. Das Ergebnis: Rund 26.000 Wörter auf vierzig Seiten, die in 14. Kapiteln aus dem Leben des Archie Leach erzählen, der im britischen Bristol geboren wurde und als Hollywoodstar Cary Grant in die Filmgeschichte eingehen sollte. Die Texte wurden in vier Teilen von Januar bis April veröffentlicht. Die Überschrift, so simpel wie passend: "Archie Leach by Cary Grant".

Auch Charade und dessen Regisseur kommen darin zur Sprache. Grant schreibt über Donen: "der junge Regisseur, mit dem ich die Grandon Company gründete und ‚Indiskret‘ und ‚Vor Hausfreunden wird gewarnt‘ produzierte. Kürzlich machte er mir das unwiderstehliche Angebot, die weibliche Hauptrolle für Charade mit Audrey Hepburn zu besetzen und versprach, dass Drehbuchautor Peter Stone die Charaktere so umschreiben würde, dass man den Altersunterschied zwischen mir und Audrey überbrücken kann. Diese Brücke will ich sehen! Während ich diese Worte schreibe, drehen wir den Film in Paris, wo ich – dank Stanleys Überzeugungskraft – den kalten Winter verbringen werde, während ich die Wärme von Palm Springs und meine Pferde dort vermissen werde."

Die Fassade eines Mannes

Sein Text, der diesen offenen aber auch ironischen Ton auch in dunklen Kapiteln hält, beginnt sogleich mit einem Geständnis, das niemanden mehr überraschte, der Cary Grant kannte oder erlebt hatte. "Mein Familienname ist Leach. Bei meiner Taufe bekam ich noch die Namen Archibald Alexander hinzu, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte. Mehr als die Hälfte meiner 58 Lebensjahre habe ich vorsichtig hinter der Fassade eines Mannes namens Cary Grant hervorgeschaut. Der Schutz, den mir diese Fassade bot, stellte sich als Vorteil und Nachteil zugleich heraus. Wenn ich nicht klar herausschauen konnte? Wie sollte jemand hineinschauen können?" Wenig später heißt es: "Erst in jüngster Vergangenheit habe ich damit begonnen, beide Personen in mir zu vereinen. Den Mann und den Jungen in mir, den Hass und die Liebe und all die Nuancen von mir – und die Kraft Gottes."

Es mag nach Westentaschenpsychologie klingen, Grants Inszenierung, seinen Erfolg, seine Rolle als ewiger Gentleman, seine zahlreichen Lebenspartnerinnen, aber auch seine emotionalen Schmerzen, die bisweilen ins Depressive kippten, auf seine Kindheit zurückzuführen, aber tatsächlich lassen seine Ausführungen genau das vermuten: "Ich hatte keine Schwestern, wurde mit neun Jahren von meiner Mutter getrennt, war schmerzhaft schüchtern in der Gegenwart von Mädchen und habe doch dreimal geheiratet und auf der Leinwand – in der Öffentlichkeit, vor Millionen von Menschen –so faszinierende Frauen geliebt wie Ingrid Bergman, Doris Day, Mae West, Irene Dunne, Deborah Kerr, Eva Marie Saint, Sophia Loren, Marlene Dietrich und Grace Kelly." Vor allem seine Mutter spielt eine tragische Rolle in Grants Biografie. Sie wurde, als er neun Jahre alt war, wegen psychischer Probleme in eine geschlossene Heilanstalt überwiesen – die Hintergründe erfuhr Grant erst Jahre später. Er lebte in dem Glauben, sie hätte ihn verlassen.

Die Schnellfeuerdialoge zwischen Grant und Hepburn machen den Reiz von Charade aus © � DR/Lobster

Eine Reihe von Widersprüchen

Cary Grant stammte aus einfachen Verhältnissen, was ihm den Antrieb gab, es zu einem gewissen Wohlstand zu bringen. Das vermutete er zumindest selbst: "Mein Vater kam gerade so über die Runden", schrieb er. "Trotzdem gelte ich heute als wohlhabend unter den Wohlhabenden. Mir wurde nur eine lückenhafte Schulbildung zuteil, gemessen an den meisten Bildungsstandards. Mir fehlte Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, das Leben zu genießen und trotzdem habe ich es geschafft, auf der Leinwand das Leben eines gebildeten, fähigen, glücklichen Mannes zu leben. Eine Reihe von Widersprüchen, die zu offensichtlich sind, um Zufall zu sein. Vielleicht haben die anfänglichen Umstände, alle späteren erschaffen oder provoziert."

Ähnlich widersprüchlich beschreibt Cary Grant den Blick auf sich selbst und seine oft betonte Schönheit: "Ich habe mich ebenso widerwillig daran gewöhnt, mein riesiges Gesicht in den Nahaufnahmen zu ertragen – all die vergrößerten Unzulänglichkeiten, bis hin zu den Ringen unter meinen Augen. Wer das nicht kennt, wird denken, das ginge so einfach, aber würden Sie diesen nahen Blick aushalten? Sich selbst so zu sehen, wie einen alle anderen sehen ist nicht nur schrecklich entlarvend, es ist auch geradezu masochistisch."

Grant und Hepburn in Charade © DR/Lobster

Die Sache mit dem LSD

Als Cary Grant in Paris diesen Prozess der biografischen Aufarbeitung vollzog, befand er sich auch psychisch in guter Verfassung. In den Jahren zuvor, ungefähr zu der Zeit als auch Unternehmen Petticoat und Indiskret entstanden, hatte er sich einer Psychotherapie unterzogen, die noch heute für Schlagzeilen sorgt. Erst kürzlich beschrieb die Süddeutsche Zeitung anhand jener Erfahrung den aktuellen Forschungsstand in Sachen LSD und Psychotherapie. Auch die 2017 veröffentlichte Doku Becoming Cary Grant von Mark Kidel stürzt sich etwas reißerisch darauf und verwendet als Filmgerüst eingesprochene Auszüge aus "Arthur Leach by Cary Grant".

Jeden Samstag um neun Uhr traf Grant über einen Zeitraum von mehreren Jahren den Arzt Dr. Mortimer Hartman, ein Therapeut am Psychiatrischen Institut von Beverly Hills, der Grant im weiteren Verlauf über 100 Dosen LSD 25 verabreichte – eine Dosis, die von der heutigen, seriösen Forschung als „Wahnsinn“ bezeichnet wurde. Dennoch spricht Grant gut von dieser Erfahrung, was er erst Jahre später relativierte. Grant beschrieb sie als eine Reihe von symbolischen Träumen und Visionen, deren ungefilterte Emotionen mit Hilfe einer konstanten Therapie entschlüsselt werden können. "Man wird zum Schlachtfeld alter und neuer Einsichten und Albträumen, die man kaum beschreiben kann. Ich erlebte Wechselbäder aus schrecklichen und glücklichen Bildern, Liebe und Hass, ein Mosaik aus vergessenen Erinnerungen, das sich immer wieder zu neuen Bildern zusammenfügte." Am Ende dieser Sessions erkannte Grant: "Ich lernte auf diese Weise, die Verantwortung für mein eigenes Handeln zu übernehmen. Ich lernte, dass nur ich dafür verantwortlich bin, wenn ich mich unglücklich fühle und dass ich mir das weit besser vorhalten kann als jeder andere."

Wenn man sich diesen so unbeschwerten und zugleich spannenden Film Charade heute noch einmal anschaut, erscheint es fast unwirklich, dass Cary Grant zu exakt dieser Zeit dermaßen ehrlich in seinem Inneren wühlte und diese faszinierenden Zeilen (die man hier übrigens im Englischen vollständig lesen kann , zustande brachte. Andererseits ist auch das wohl nur ein weiterer Beleg für Archie Leachs schauspielerischen Fähigkeiten, die er eben nicht nur vor der Kamera zeigte, sondern auch im richtigen Leben, in seiner überzeugendsten Rolle: als Cary Grant.

DK

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