Cinéma du Look: Zum Wohle der Bestohlenen

Jean-Jacques Beineix’ Debütfilm Diva aus dem Jahr 1981 wird heute zu den herausragenden Werken des Cinéma du Look gezählt. Was verbirgt sich hinter der Bewegung, die nicht so sehr am realistischen und dafür umso mehr am wahrhaftigen Erzählen interessiert war?

19. Mai 2020

Es gibt eine Landschaft, die man auf den ersten Blick weder als Großstadt noch als Natur beschreiben würde – sondern einfach als 1980er Jahre. In diesem Ambiente spielt das Debüt des Regisseurs Jean-Jacques Beineix. Diva von 1981 sei weiterhin ein moderner Film, erklärt Beineix in einem so kurzen wie erhellenden Interview, das in den Extras enthalten ist. Aber wie kann er so was behaupten und keine Retro-Ästhetik meinen, wo der abenteuerliche Genremix doch in jedem Detail die Eighties beschwört?

Er trug Helm lange vor Daft Punk: Postbote Jules

Es klingt paradox: Beineix hat Recht. Und das obwohl Diva heute einer künstlerischen Richtung zugerechnet wird, die längst der Vergangenheit angehört – dem Cinéma du Look. Sein Film erscheint weder altbacken noch in der Zeit seiner Entstehung verhaftet. Im Gegenteil entwickelt sich etwas vor den Augen und im Herzen wenn man Diva jetzt anschaut. Es ist die ungewöhnlich erzählte Geschichte einer schrägen Liebe. Das ist universell. Eine Love Story, in der die Parodie auf gängige Erzählweisen und sogar auf deren Dekonstruktionen – etwa durch die Nouvelle Vague – mit viel Hingabe zelebriert wird. Diese Liebe und ihre Geschichte und deren Parodie haben etwas Magisches an sich. Das lässt die Figuren in den absurdesten und "unrealistischsten" Momenten wahrhaftig erscheinen. Diva ist also ein Werk, das über den Dingen steht. Über allen diesen wundervollen Klamotten und Autos und Lagerhallen und sonstigen Kulissen und Requisiten, die es heute nicht mehr gibt. Auch zum Thema Entwicklung hat Beineix selbst übrigens etwas zu sagen: Es habe damals nach einem Jahr einen enormen Sprung in der Zuschauergunst gegeben. Kurz: Diva war von Anfang an ein Grower.

Hüten Sie sich vor Bösewichten mit solchen Brillen

Diva ist komplex und nicht 08/15 aber auch kein surreales Bilderpatchwork. Ebenso wenig wie die anderen herausragenden Filme, die dem New Hollywood-inspirierten Cinéma du Look zugeschrieben werden. Beineix’ Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen, Leos Carax’ Die Liebenden von Pont-Neuf oder Luc Bessons Nikita. Bei aller latenten Freude an der Ironisierung und Überzeichnung kann man der Diva-Story sehr gut folgen. Postbote Jules (Frédédric Andréi) ist eine unwahrscheinliche Hauptfigur, die es einem gerade deshalb angetan hat. Man weiß ja, dass sich solch außergewöhnliche Typen wie er in der gleichförmigen Masse einer jeden Gesellschaft verstecken. Der sensible junge Mann steht auf Opernmusik – und vor allem auf den Gesang der Cynthia Hawkins (Wilhelmenia Fernandez). Um ihr nah sein zu können, beginnt er die launische Diva zu bestehlen. Einmal entwendet er während einer Autogrammstunde ein Kleidungsstück. Doch das schwerwiegendere Vergehen ist ein Bootleg. Eine unautorisierte Live-Aufnahme. Für Cynthia bedeutet eine solche Raubkopie Diebstahl – und als das Tonband in die Hände von skrupellosen Verbrechern gerät, hat Jules ein Problem.

Spieglein, Spieglein… – wer sind die schönsten Freaks im Land?

Beineix’ Pariser Schauplätze sind eine Augenweide. Die Verfolgungsjagd durch die Métro möchte man mehrfach hintereinander gucken. Heute scheint es, als hätten die Filmemacher des Cinéma du Look dem Publikum, den autobiografischen Auteurs und den sozialkritischen Realisten von einst etwas vorhalten wollen: "Ihr seht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Erst wenn die reale Inszenierung des Alltags so inszeniert wird, dass man auch ihren glanzvollen Seiten Beachtung schenkt, ergibt sich ein komplettes Bild der Welt." Dass darin Träumer*innen wie Jules und Cynthia zusammenfinden, während mysteriöse Gangster mit albernen Sonnenbrillen für Ärger sorgen, bleibt wiederum ein Privileg des Kinos. Letztlich klaut es Geschichten aus der Wirklichkeit und gibt sie ihr verändert zurück. So macht es auch Jules – und gewinnt damit Cynthias Herz. Diebstahl zum Wohle der Bestohlenen. Daran ist nichts oberflächlich. Selbst wenn sich dieses Verbrechen aus Leidenschaft in den 1980ern ereignet hat.

WF

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