Max von Sydow: Jeder Figur Rückgrat verliehen

Am 8. März 2020 starb Max von Sydow im Alter von 90 Jahren. Unser Nachruf auf den Schauspieler, der durch die Zusammenarbeit mit Ingmar Bergman weltberühmt wurde – und bis zu seinem Tod in zahlreichen internationalen Produktionen glänzte.

Filmgeschichten 11. März 2020

1980 spielt Max von Sydow in der Comic-Verfilmung Flash Gordon den Imperator Ming. Gut vorstellbar, dass sich ein Luc Besson von Mike Hodges’ Ausstattungswunderwerk zu seinem spektakulär durchdesignten Das fünfte Element inspirieren ließ. Die Flash Gordon-Zukunftsvision eines futuristischen Barock- und Zuckerbäckerstils, gepaart mit damals real in den Kinderschuhen steckenden und hier analoge Realität gewordenen 8-Bit-Computeranimationen ist feinste Eighties-Science-Fiction. Viel Humor und eine Prise dunkler Vorahnung auf den technischen Fortschritt, und das alles schon so phantasievoll kostümiert wie 1997 die drohende Apokalypse von Jean Paul Gaultier. Max von Sydow allerdings gibt in dem glamourösen Entwurf eines diktatorischen Staats als Herrscher den für ihn so typischen, unerschütterlichen Charakter – eine Art bösen König von Siam, dem auch das absurde Styling kaum etwas von seiner aristokratischen Erscheinung zu nehmen vermag. In dieser Pose reibt der fiese Ming sich am menschlichen Charakter Flashs und seiner Freund*innen. So scheint selbst diese abwegige Figur repräsentativ für von Sydows schauspielerisches Wirken. Der alberne Dr. Hans Zarkov etwa wird von Mings Schergen bestraft, indem man ihm seine Erinnerungen zu rauben versucht. Wie angeblich bei einem echten Todgeweihten laufen sämtliche Bilder seines Lebens vor ihm ab und sollen gelöscht werden. Doch letztlich findet der Mensch, so auch Zarkov, stets unvermutetes Potenzial in sich. Es ist wohl die Sterblichkeit, die uns anstachelt, das muss der unverwüstliche Ming erkennen.

Als glamouröser Imperator

Max von Sydow wurde am 10. April 1929 in Lund, Schweden geboren und ist am 8. März 2020 in Frankreich verstorben. Aber in seinem Beruf hat er sich, wie man landläufig sagt, längst unsterblich gemacht. Es war vermutlich auch eher eine Berufung, die ihn zur Leinwandikone werden ließ. Und sollten vor seinem Ableben entscheidende Stationen der eigenen Biografie vor dem innerem Auge aufgetaucht sein, dürfte das Jahr 1957 darin etwas mehr Raum eingenommen haben als andere wichtige Episoden. Denn damals gelangte Max von Sydow durch seine Darstellung des Kreuzritters Antonius Block in Ingmar Bergmans Das siebente Siegel zu größerer Berühmtheit. Der mit dem Spezialpreis der Jury von Cannes ausgezeichnete Historienfilm legte den Grundstein zur folgenden Zusammenarbeit mit Bergman, der als Regisseur fortan von Sydows Karriere prägte. Wilde Erdbeeren, Das Gesicht, Die Jungfrauenquelle, Wie in einem Spiegel, Licht im Winter… Aber die Rolle des mit dem Tod persönlich um die strategische Hoheit über das Leben ringenden Glaubenskriegers blieb sein Paradestück. Dabei musste von Sydow nicht viel tun, um im selben Moment an Gott zu zweifeln wie unverrückbar an jenes Schicksal zu glauben, das die göttliche Existenz voraussetzt. Er musste vor der Kamera nur präsent sein. Hätte Bergman einen Bildhauer mit einer Skulptur beauftragt, die durch seine Regie als Antonius Block lebendig geworden wäre, sie hätte wahrscheinlich genau so ausgesehen wie Max von Sydow.

Als undurchsichtiger Auftragskiller

Sein undurchdringliches Antlitz, ein wie in Stein gemeißeltes Gesicht, in dem Ausdruckskraft und Innerlichkeit nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt scheinen, machte ihn zum geeigneten Darsteller geheimnisvoller Typen in Agenten- und Spionagefilmen. So spielte er 1976 in Sidney Pollacks Die drei Tage des Condor den Gegner Robert Redfords. Einen Freelance-Killer, der auch in jenen Teilen des Politthrillers für Spannung sorgt, in denen er nur durch seine Abwesenheit Gefahr ausstrahlt. Schlussendlich entpuppt sich dieser Joubert wenn nicht als Mann ohne Eigenschaften dann zumindest als Mensch ohne Moral. Ganz anders als Block, der Sinnsuchende aus Das siebente Siegel, wechselt er die Seite nach Auftragslage und mag dem Leben nicht mehr abgewinnen als die Logik von Angebot und Nachfrage. Während es in Bergmans Mittelalter noch kaum einen Markt für Helden oder die schönen Künste gibt, hat der Markt sich in Pollacks Blick hinter die Kulissen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon bis in die ideologischen Kampfzonen ausgeweitet. Max von Sydow spielt die ihm anvertrauten Rollen in beiden Fällen als Fels in der Brandung, der vom Lauf der Zeit geformt wurde. Und irgendwann verkörperte Max von Sydow selbst perfekt, was man schon früh in ihm zu erkennen meinte: den reifen Jahrgang, dessen Weisheit sich aus einer tiefen Beschäftigung mit der menschlichen Seele speist. In Wim Wenders’ epochalem Bis ans Ende der Welt ist Max von Sydow der Forscher Dr. Henry Farber, der eine Spezialkamera erfindet, die mit ihren Bildern unserer Erinnerung auf die Sprünge helfen soll.

Als liebender Ehemann

In der Laufbahn von Sydows zeichnen sich also inhaltliche Kreise ab, die an bestimmten Punkten wie von Geisterhand geschlossen werden. Nur den verdienten Oscar hat er leider nie erhalten, dabei verlieh er sowohl Protagonisten als auch Nebenfiguren in zahllosen wichtigen Filmen eine unvergleichliche Aura. 1988 und 2012 war er für sein Mitwirken in Pelle der Eroberer und Extrem laut & unglaublich nah immerhin nominiert. Neben einigen anderen Auszeichnungen erhielt er dann 2016 den Emmy für seinen Gastauftritt bei Game Of Thrones – passenderweise gerade als Teil dieser Mischung aus Fantasy- und Historienschinken, in der realitätsnahe seelische Abgründe die Grenzen der Welt ziehen, um deren Königreiche sich alles dreht. Dort war Max von Sydow bestens aufgehoben. Ein anderes erinnerungswürdiges Jahr in seinem Leben dürfte 1965 gewesen sein. Da machte er sich in Hollywood einen Namen – ausgerechnet als Jesus Christus in Die größte Geschichte aller Zeiten. Von wegen Kreise, die sich schließen… Max von Sydow wurde biblische 90 Jahre alt und war an fast einhundert Filmproduktionen beteiligt. Doch allein wer je so markerschütternd einen Teufelsaustreiber verkörperte wie er 1973 in William Friedkins Der Exorzist, darf sich seines Platzes im Himmel der Filmgeschichte sicher sein. Und so stoisch er allen seinen Figuren Rückgrat verlieh, so wandlungsfähig zeigt sich der Schauspieler bei genauer Betrachtung. Nehmen Sie sich ruhig die Zeit, und lassen Sie die vielen Bilder von Max von Sydow noch mal vor sich ablaufen.

WF

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