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Paranoia zum Popcorn: Die drei Tage des Condor

Dank "New Hollywood" und den politischen Entwicklungen in den USA regierte die Paranoia in den Kinos der Siebziger Jahre. Sydney Pollacks mitreißender Thriller mit Robert Redford aus dem Jahr 1975 steht in der Tradition des Paranoia-Kinos, sollte laut Pollack aber einfach nur ein spannender, unterhaltsamer Film sein. Es wurde ein wenig mehr.

Filmgeschichten 16. November 2020

Das Timing hätte nicht besser sein können: Als Die drei Tage des Condor im September 1975 in den US-Kinos startete, lag der große "Family Jewels"-Skandal um die moralisch bedenklichen Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes CIA noch nicht einmal ein Jahr zurück. Der für die New York Times arbeitende Investigativ-Journalist Muckraker Seymour Hersh hatte damals eine ihm zugespielte CIA-Aktensammlung ausgewertet und zahlreiche grenzwertige, illegale und moralisch bedenkliche Aktivitäten des Geheimdienstes offengelegt. Nur wenige Jahre nach dem "Watergate"-Skandal und der Wiederwahl von Präsident Nixon, die viele liberale Kräfte in den Staaten entsetzt hatte, waren diese sensiblen Akten ein weiterer Sargnagel für das Vertrauten der Bürger*innen in ihren Staat.

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Trotzdem sagte Sydney Pollack in diversen Interviews, er habe einfach einen spannenden Film machen und "ein wenig Spaß" mit seinem guten Freund Robert Redford haben wollen. Die beiden kannten sich seit den Dreharbeiten zu Hinter feindlichen Linien, in dem Pollack wie auch Redford als Darsteller mitwirkten. Zu seinen Lebzeiten besetzte Pollack Redford in sieben seiner Filme, angefangen bei Dieses Mädchen ist für alle (1966). Die drei Tage des Condor war die vierte Zusammenarbeit. Pollack und Redford wurde – nicht zuletzt wegen des besagten Timings – oft unterstellt, mit diesem Film politische Propaganda betreiben zu wollen. Dem Film-Fachmagazin "Jump Cut" sagte Pollack damals jedoch: "Es ist nur ein Film. Ich hatte nie irgendwelche politischen Ambitionen dafür und es ärgert mich, dass sie mir immer wieder angehängt werden. Hätte ich die gehabt, dann hätte ich das CIA-Siegel benutzt, um den Film zu bewerben, mich an aktuelle Headlines gehängt und auf diese Schlagworte gesetzt: Central Intelligence Agency, United States of America, Robert Redford, Faye Dunaway. Das wurde natürlich in der Werbung für den Film immer wieder versucht, aber Redford und ich haben da immer wieder auf die Bremse getreten." Überhaupt seien die Dreharbeiten schon abgeschlossen gewesen, als die "Family Jewels" zuerst veröffentlicht wurden.

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Trotzdem kam die Unterstellung "politischer Propaganda" natürlich nicht von ungefähr. Nicht zuletzt, weil Robert Redford in dieser Zeit mit seinem politischen Aktivismus und mit der Auswahl seiner Rollen für viele Konservative als liberaler Bürgerschreck galt. Nur ein Jahr später spielte Redford in Die Unbestechlichen von Alan J. Pakula den durch die "Watergate"-Affäre bekannt gewordenen Journalisten Bob Woodward – und galt als treibende Kraft, den Stoff zu verfilmen. Auch die Tatsache, dass Kritiker*innen Die drei Tage des Condor dem in den Siebzigern so benannten Meta-Genre des Paranoia-Kinos zurechneten, spricht für seine politische Lesart – selbst, wenn die von Pollack nicht unbedingt forciert wurde. Der Film steht somit in direkter Nachbarschaft von Polit-Thrillern wie Zeuge einer Verschwörung von Alan J. Pakula (1974), Botschafter der Angst von John Frankenheimer (1962) und Die Unbestechlichen (1976). Obwohl die Paranoia als filmisches Leitmotiv oder Grundstimmung natürlich eine Tradition hat, die von Fritz Langs Dr. Mabuse, über JFK von Oliver Stone, die Matrix-Trilogie der Wachowskis, Finchers Fight Club und Nolans Memento bis in die Jetztzeit reicht.

Joseph Turner (rechts) trifft auf seinen Gegenspieler Joubert (Max von Sydow). © Studiocanal

Joseph Turner (rechts) trifft auf seinen Gegenspieler Joubert (Max von Sydow). © Studiocanal

Sydney Pollack zeigt in diesem Film drei schicksalhafte Tage des CIA-Schreibtischtäters Joseph Turner (Robert Redford), Codename Condor. Die Vorlage lieferte der Thriller-Roman "Die 6 Tage des Condor" von James Grady aus dem Jahr 1974. Turner arbeitet in einer als "American Literary Historical Society" getarnten kleinen Dienststelle als Experte, der internationale Literatur sichtet und auswertet, um Hinweise, Strategien, politische Fakten zu finden, die der CIA nutzen könnten. Turner wird als charmant und ein wenig verträumt eingeführt, ein smarter Bücherwurm, der sich mit dem Roller durch die Rush Hour kämpft und gerne das Essen für die Kolleginnen und Kollegen holt. Genau das rettet ihm das Leben: Als er mit den Bestellungen eines Tages wiederkommt ist die gesamte Dienststelle exekutiert wurden. Ab da beginnt eine Flucht durch New York, die viel Spannung und wenig konkrete Antworten bringt.

Hier spürt man, dass Sydney Pollack tatsächlich in erster Linie auf Spannung und Verunsicherung setzt. Warum sich Turner im Zweikampf so gut schlägt, was seine Theorie war, die er dem CIA-Hauptquartier übermittelt hat, wer genau ihn mit welchen Motiven jagt, wer wen wofür beauftragt hat und ob überhaupt irgendjemand in der CIA genau darüber noch einen Überblick hat – all das wird selten klar ausformuliert. Also tatsächlich, wie Pollack zu Lebzeiten betonte: Atmosphäre vor politischer Propaganda.

Die Mantelmode des Herbstes 1975 © Studiocanal

Die Mantelmode des Herbstes 1975 © Studiocanal

Gerade deshalb funktioniert dieser Film so gut. Er wirft sein Publikum in ein verstärktes Gefühl jener Verunsicherung, die viele US-Bürger*innen in dieser Zeit umtrieb: Ist der Staat vielleicht gar nicht dieses integre, von JFK verkörperte Gebilde, das unsere Interessen im Herzen trägt, sondern ein irrer Apparat, der seine eigenen Bürgerinnen und Bürger verrät? Mit heutigem Wissenstand über die Politik der USA zu jener Zeit mag das naiv wirken, aber tatsächlich war es damals etwas Neues, dass dieses Misstrauen unter anderem dank der Regisseure des New Hollywood auch seinen Weg in das Mainstream-Kino fand. Schon das Aufbrechen der klassischen Rollenverteilung, bei der sonst immer ehrbare Staatsdiener gegen ruchlose Kriminelle kämpfen, wurde als revolutionär empfunden. Bei Die drei Tage des Condor verschwimmt Gut und Böse völlig – wer nicht aufpasst, findet einen der poetischsten und emphatischsten Momente gar in einem Dialog zwischen Turner und dem Auftragskiller Joubert (Max von Sydow).

Die drei Tage des Condor erscheint dieser Tage in 4k restauriert und ist in der Tat sehr gut gealtert – was nicht nur an der zeitlos smarten Mantel-Mode des Joseph Turner liegt. Gerade der Verzicht auf politische Vorträge, der permanent hohe Spannungsgrad und Sydney Pollacks filmische Inszenierung der Architektur New Yorks unterhalten und verunsichern zugleich – und laden ein, Parallelen zur Paranoia des jüngeren Kinos zu ziehen. Joseph Turner, Neo, "Tyler Durden" und Leonard Shelby würden in einer Paranoia-Selbsthilfegruppe jedenfalls einige Gemeinsamkeiten finden.

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