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David Lynch zum 75.: Seine Alpträume sind die besten

Am 20. Januar 2021 feiert der Regisseur von Eraserhead, Der Elefantenmensch, Dune, Lost Highway, The Straight Story und vielen weiteren Meisterwerken Geburtstag. Wir gratulieren – ehrfürchtig.

19. Januar 2021

Der amerikanische Traum ist wohl jedem ein Begriff – als prinzipiell allen zugänglicher Karriereweg im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Erst Tellerwäscher*in, dann Millionär*in. Dieser Traum wird endlos am Leben erhalten trotz der recht geringen sozialen Mobilität in den USA. Sprich: amerikanische Biografien sind in den meisten Fällen anhand des Herkunftsmilieus vorhersehbar. Arm bleibt arm, reich bleibt reich oder wird noch reicher. Am heftigsten befeuern die Träumerei solche US-Präsidenten wie jüngst Donald Trump, der mit dem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen ist. So einem liegt der Satz »Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied« eben von Geburt an auf der Zunge. Aber ein derartiger Mythos wirft zwangsläufig lange Schatten.

Eraserhead © Studiocanal

Eraserhead © Studiocanal

David Lynchs Filme spielen in diesem Schattenreich des kollektiven Traums, der sich unerfüllt zum schrecklichen Trauma auswächst. Das Gesamtwerk von David Lynch ist vermutlich die Inkarnation des amerikanischen Alptraums. Lost Highway (1997) steht jedenfalls exemplarisch für die Abgründe des Lebens hinter Mauern, die sich scheinbar wie von selbst um gesicherte und ungesicherte Existenzen herum aufbauen – reale Mauern, imaginäre Mauern.

Während Trump nicht müde wurde, seinen Wähler*innen eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu versprechen und stets Abgrenzung predigte, zeigen Lynchs Filme eine Welt, in der jegliche Mauern durchlässig werden. Angst! Ob sie im tiefsten Hinterland spielen, wie die Handlung der Epoche machenden TV-Serie Twin Peaks beziehungsweise von Twin Peaks – Der Film (1991) – oder in Hollywood. Geschlossene Systeme gibt es dort wie hier. Das Unheimliche, das sich in der Beziehung von Fred und Reneé aus Lost Highway aufgebaut hat, sieht sich noch dazu mit einem Furcht erregenden Zugriff von außen konfrontiert. Vor der Haustür des Paars in L.A. liegt zunächst eine Videokassette mit Aufnahmen der Fassade ihres Hauses. Dann eine Kassette mit Bildern aus der Wohnung, aufgenommen während sie schlafend im Bett liegen. Es gibt keine Einbruchsspuren. Die Mauern können sie trotzdem nicht mehr schützen.

Lost Highway © Studiocanal / Suzanne Tenner

Lost Highway © Studiocanal / Suzanne Tenner

Wie realistisch der Blick hinter die Fassade und die schleichende Invasion der Privatsphäre sind? Das beantwortet Fred schon zu Beginn des Films. Die Polizei möchte wissen, ob Reneé und er eine Videokamera besitzen, mit der die Szenen gefilmt worden sein könnten. Nein, gibt Fred zu Protokoll, weil er sich lieber selbst an Dinge erinnere. So wie er sie im Kopf behalte. Nicht so, wie sie wirklich passiert seien. Sehr passend. Wir wissen ja: Was das Unbewusste nachts im Kopfkino auf die Leinwand projiziert, ist eine subjektive Umwandlung des tatsächlich Geschehenen, das wir so im Traum verarbeiten. In den Filmen David Lynchs erkennen wir es wieder – und damit auch das wahre Leben. Sein Kino ist Traumkino. Und die Träume, die es zeigt, sind Alpträume. Aber wenn man schon bis in den Tag hinein von einem Alp verfolgt werden muss, sollte es einer von David Lynch sein. Seine Alpträume sind die besten. Man muss kein Amerikaner sein, um sie zu verstehen, aber man versteht die USA besser, wenn man sie durchlebt.

Der Elefantenmensch © Studiocanal

Der Elefantenmensch © Studiocanal

David Lynch wurde am 20, April 1946 in einem Kaff in Montana geboren, später zog die Familie erst nach Idaho, dann nach Virginia. Lynchs Vater arbeitete für das Landwirtschaftsministerium. Nach wohlbehüteten Kindheitstagen und Jugendjahren in idyllischen Vorzeigenachbarschaften der Provinz – sowie in der sie umgebenden Natur, die er mit seinem Dad erkundete –, begannen die abenteuerlichen Reisen eines jungen Mannes, der längst im Begriff war, die Welt zu verändern und bloß nach dem richtigen Hebel suchte. Lynch studierte in Boston auf der Kunsthochschule, besuchte in Salzburg Oskar Kokoschkas Sommerakademie, ließ sich nach Paris und Athen treiben. Aber die europäischen Alpträume waren nicht seine Alpträume. Es zog ihn zurück in die USA. Auf der Pennsylvania Academy of Fine Arts in Philadelphia widmete Lynch sich der Malerei. Doch selbst beim Action Painting mit Farbklecksen fehlte ihm die Action.

Dreams are Lynchs reality

Träume sind immer in Bewegung, selbst als Loop – konsequent führten seine Vorstellungen den ruhelosen David Lynch bis in die allseits bekannte Traumfabrik. Lynchs Debütfilm genießt heute Kultstatus, aber in der Zeit vor der Realisierung lernte er die Schattenseiten des amerikanischen Aufstiegsmythos zum ersten Mal aus eigener Erfahrung kennen. Damals lebte er in eher ärmlichen Verhältnissen, schien auf jene schiefe Bahn geraten, die künstlerischen Idealisten mit romantischen Vorstellungen vorbehalten bleibt und ihnen einen Balanceakt zwischen den Möglichkeitswelten abverlangt. Zwischen Realität und Illusion. Eraserhead (1977) war insofern richtungsweisend. Bald schwärmten Top-Leute wie John Waters und Stanley Kubrick vom jungen Regie-Kollegen, der darüberhinaus als Produzent, Drehbuchautor und für die Musik verantwortlich zeichnete. Wer den Alpträumen nicht hilflos ausgeliefert sein möchte, muss die volle Kontrolle über sie erlangen – das scheint David Lynch früh klar geworden zu sein. Und so erklärt sich aus diesem gefestigten DIY-Punk-Verständnis auch die künstlerische Autorität, die er heute genießt. Das geflügelte Wort kafkaesk ist von lynchesk vielleicht sogar noch überflügelt worden. Und Kafka wäre sicherlich David-Lynch-Fan.

Twin Peaks © Studiocanal

Twin Peaks © Studiocanal

Apropos Fans. Besonders bemerkenswert an Lynchs Surrealismus, der sich in verschachtelten Plots und Genregrenzen sprengenden Bildern äußert – was sind schon Horror, Fantasy oder Roadmovie gegen einen echten Lynch? –, ist dessen Pop-Appeal. Das missgebildete Kind und die Frisur des Helden von Eraserhead, der rote Salon und die Wasserleiche in Twin Peaks, der Mystery Man und der Mittelstreifen aus Lost Highway, die Schlangenlederjacke und der abgetrennte Kopf mit Strumpfmaske in Wild at Heart (1990), das Ohr im Gras und das Lachgas aus Blue Velvet (1986), das liebenswerte und zugleich die Gesellschaft abstoßende Gesicht Joseph Merricks in Der Elefantenmensch (1980), Stings Performance und die irren Kulissen in Dune – Der Wüstenplanet (1984), der Club Silencio und die blond-schwarzen Hitchcock-Analogien in Mulholland Drive (2001), die hypnotischen Scores von Angelo Badalamenti. Einen guten Überblick bietet die David Lynch Complete Film Collection von ARTHAUS.

The Straight Story © Studiocanal

The Straight Story © Studiocanal

Last not least ist David Lynch selbst zur überlebensgroßen Ikone gewachsen. Durch die zahllosen Interpretationen seines verrätselten Werks – und durch seine verdammt schrullige Art. Man wagt ja kaum, ihm ganz ordinär zum 75. Geburtstag zu gratulieren. Denken wir nur an Lynchs Faible für Transzendentale Meditation oder die täglichen Wetterberichte im Corona-Lockdown. Ein Analytiker, der mit dem Charme eines FBI-Agenten auf die Couch bittet und diesen Sinn für Humor verströmt, der leichtes Ziehen im Bauch verursacht. Aber Lynch wäre nicht Lynch, hätte er nicht auch die helle Kehrseite des amerikanischen Alptraums verfilmt, so als wollte er uns mit seiner künstlerischen Vision versöhnen. Eine wahre Geschichte – The Straight Story (1999). Das rührende Real-Life-Märchen vom Rentner Alvin Straight, der hunderte Kilometer auf dem Rasenmäher zurücklegt, um seinen kranken Bruder zu besuchen – und den universellen Menschheitstraum Wirklichkeit werden lässt. Du kannst alles schaffen, wenn du nur verrückt genug bist, daran zu glauben.

WF

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