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Der Mann im weißen Anzug: Subversiv und Spaß dabei

Die in den 50ern produzierten Filme aus den Londoner Ealing Studios haben ein eigenes Kapitel in der britischen Kinogeschichte geschrieben. Der Mann im weißen Anzug zeigt exemplarisch, was diese bissigen Komödien auszeichnete.

03. Juni 2026

Die schon 1902 erschlossenen Ealing Studios im Londoner Stadtteil Ealing Green stehen weiterhin hoch im Kurs. Erst kürzlich kam mit How To Make A Killing – Todsicheres Erbe ein durchaus gelungenes Remake von Adel verpflichtet in die Kinos, und die Filme der "klassischen Phase" der späten 40er- und der 50er-Jahre wie Ladykillers, Das Glück kam über Nacht, Blockade in London, Adel verpflichtet oder auch Der Mann im weißen Anzug gelten bis heute als in weiten Teilen gut gealterte Klassiker.

Seit dem Jahr 2000 fungieren die Studios auch wieder als eigenständige Produktionsgesellschaft und brachten Filme wie Ernst sein ist alles und Die Girls von St. Trinian in die Kinos. Außerdem wurden in den Hallen der Ealing Studios Szenen für Downtown Abby, Notting Hill, Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns und Shaun of the Dead gedreht.

Cineasten und Filmfreundinnen mit einem Sinn für Kinogeschichte denken bei den Ealing Studios aber zuerst und vor allem an die bereits erwähnte "klassische Phase" nach dem zweiten Weltkrieg, als man dort zwischen 1947 und 1958 Komödien produzierte, die den schwarzen Humor der Briten massentauglich machten. Aber das war nicht die einzige Qualität dieser Filme: Viele von ihnen schafften es, zugleich locker-lustig und subversiv zu sein.

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Ein besonders gelungenes Beispiel für diese Mischung ist Der Mann im weißen Anzug von Alexander Mackendrick. Alec Guinness spielt darin den jungen Chemiker Sidney Stratton, der in einer Textilfabrik erst heimlich und dann mit dem Segen seines Chefs Mr. Birnley (Cecil Parker) an einer reißfesten, Schmutz abweisenden Kunstfaser arbeitet. Dabei freundet er sich mit Birnleys Tochter Daphne (Joan Greenwood) an, die Sidney auch dann noch zur Seite steht, als er alle anderen gegen sich aufgebracht hat.

Denn das ist der tückische Clou der Geschichte: Sidney gelingt es nach etlichen Rückschlägen, diese Kunstfaser herzustellen. Er sieht den Fortschritt für die Menschheit und all das Geld, das arme Menschen sparen könnten, wenn sie nur einmal Kleidung kaufen und diese niemals waschen müssten. Alle anderen sehen aber: ein wirtschaftliches Desaster. Und zwar nicht nur die schnell im Hause von Mr. Birnley zusammengetrommelten Textilbonzen, sondern auch die Arbeiter:innen der Textilfirmen. Sogar Sidneys sonst so gutherzige Vermieterin ist sauer und enttäuscht, weil sie ihr Geld auch mit einer Reinigung verdient.

© Arthaus / Studiocanal

© Arthaus / Studiocanal

Die Kernfrage des Films ist bis heute aktuell: Was macht man mit einer Erfindung, die zweifelsohne die Menschheit voranbringen könnte, dabei aber ganze Wirtschaftszweige killen und die bisherigen Marktregeln über den Haufen werfen würde?

Tja, würde Levis die unkaputtbare Jeans feiern? Apple das iPhone, das erst nach 80 Jahren erste Akku-Schwächen zeigen würde? Oder wie steht es mit dem Kulturjournalismus? Umarmt man als Autor*in den KI-Sparringspartner und bringt ihm alle Tricks bei, bis er einen ersetzen kann?

Was das Zeug zu einem dystopischen Szenario hätte, wird bei Der Mann im weißen Anzug zu einer leichten, aufgekratzten, amüsanten Komödie. Der Film schlägt sich nämlich nicht eindeutig auf eine Seite: Sidney ist sympathisch, aber manchmal geradezu nervtötend stur und rücksichtslos. Die Textil-Chefs werden zwar etwas klamaukig dargestellt, aber eben auch nicht nur als geldgierige Raffkes. Die Arbeiterklasse ist sympathisch-direkt, schreckt aber auch nicht vor Gewalteinsatz zurück. Daphne ist eine meinungsstarke, charismatische, eigenständige Frau, die den Reichtum ihres Vaters aber auch gerne auskostet.

© Arthaus / Studiocanal

© Arthaus / Studiocanal

Durch diese Ausgewogenheit versteht man irgendwie jede Seite und ihre Interessen ein wenig – was nichts daran ändert, dass man trotzdem noch lange nach dem Abspann über die großen Fragen sinniert und die verschiedenen Interessenlagen durchdenkt.

Subversiver und unterhaltsamer war Nachhilfe in Sachen Wirtschaft, Gesellschaft und Technik selten. Und man fragt sich gerade schon ein bisschen, wie ein zeitgemäßes Remake von Der Mann im weißen Anzug heute aussehen würde.

Der Mann im weißen Anzug ist ab sofort in 4K für das Heimkino erhältlich.

DK

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