Die ersten 20 Minuten von Jackie Brown (und was wir darin über Quentin Tarantino lernen)

Der ARTHAUS-Liveticker schaut sich Meisterwerke ganz genau an. Diesmal: Tarantinos Blaxploitation-Movie-Hommage aus dem Jahr 1997.

Listen, Listen, Listen 14. Mai 2020

01. Minute

Die Kachelwand einer alltäglichen Durchgangsstation. Schriftzug des Vorspanns, der das Mitwirken von Robert Forster, Samuel L. Jackson und Bridget Fonda ankündigt. Und Pam Grier. Die 1970er-Jahre-Blaxploitation-Ikone? Da schwebt sie auch schon von rechts ins Bild. Dazu läuft Bobby Womacks "Across 110th Street". Tarantino weiß wie er seine Stars inszenieren muss, damit sie ihn am Ende gut aussehen lassen. So ein Cleverle.

02. Minute

Man merkt sofort: Der Tarantino würde einen im persönlichen Gespräch zuballern mit Filmreferenzen – so wie das Publikum in diesen ersten zwei Minütchen von insgesamt zweieinhalb Stunden Jackie Brown. Pam Griers Auftritt erinnert an Dustin Hoffman in Die Reifeprüfung, oder nicht? Die durchleuchteten Taschen sind dagegen auch ohne Videothekenarchiv im Kopf zu verstehen. Wir befinden uns am Flughafen.

03. Minute

Tarantino nimmt die Zuschauer*innen beim Erklären seiner verwickelten Plots an die Hand wie Eltern ihre Kinder im Zoo. Sofort ergibt Pam Griers Uniform Sinn. Die ist gar nicht von C&A. Das CA-Logo steht vermutlich für eine Fluglinie. Liebe Heidi Klum, wenn immer es in Ihrer TV-Trash-Show mit den Top Models ums "Walken" geht – also das Beschreiten eines Laufstegs –, dann zeigen Sie ihren "Mädchen" doch mal diese Sequenz hier. Pam Grier, die anmutig in eine aufregende Zukunft stolziert. Was für eine Frau!

04. Minute

Jetzt rennt sie eher. Ach, die kommt einfach zu spät zur Arbeit. Hat Dienst am Schalter von Cabo Air. "Willkommen an Bord!" Zeit sich anzuschnallen und das Rauchen…na, wie Sie meinen.

05. Minute

Erst mal schickt uns Tarantino an einen neuen Ort und zeigt uns einen anderen Film. "Chicks Who Love Guns"? Hm. Junge Frauen, die in Bikinis Schnellfeuerwaffen anpreisen. Echt jetzt? Nee, Fake. Also selbst ausgedacht. Dient sicher irgendwie als verschachtelter Subtext-Kommentar zu den Zusammenhängen zwischen US-amerikanischem Waffenrecht, Massenkultur, realem Verbrechen und Filmgeballer. Und sieht cool aus. So wie Robert de Niro und Samuel L. Jackson nebeneinander auf dem Sofa.

Trio mit zwei Füßen

06. Minute

Füße auf dem Tisch! Wenn Tarantino mal keine Filme guckt, schaut er den Damen auf die Zehen. Muss so ein. Am Ende von Jackie Brown wird man denken, dass Bridget Fonda ihr Vorsprechen im Handstand erledigt hat. Späßchen. Ihrem großartigen Spiel wird das nicht gerecht. Aber man muss sagen: Der Regisseur kennt auch ihre Schuhgröße.

07. Minute

Es geht um Knarren und das N-Wort. Bridget Fonda hat auch ein Gesicht. Und Ringe an den Zehen. Im TV fällt der Satz: "Nichts auf der Welt kann mich und meine AK trennen." Bis dass der Tod euch scheidet? Ist letztlich auch so eine Art Insider-Witz zwischen Tarantino und den Zuschauern. Von diesem Trio hier werden nicht alle das Filmende erleben. Klar.

08. Minute

Bridget flirtet mit Robert. Sie bleibt locker. Er wirkt etwas steif. Ist ja auch erst seit vier Tagen aus dem Knast zurück. Aber zusammen was rauchen – das geht für ihn klar. Vor dem Fenster die kalifornische Küste. Was können diese Leute schon für Probleme haben? Nun ja, Samuel L. Jackson erfährt gerade am Telefon, dass es mindestens eins gibt. Der Film heißt ja auch nicht Das langweilige Leben eines Waffenhändlers und seiner 24 Stunden am Tag Drogen konsumierenden Kumpel. Zum Glück.

09. Minute

Sorry. Das Telefonat eben war geschäftlich. Klingelt aber schon wieder. Jetzt wird es wirklich ernst…Bemerkenswert: Die gelben Schuhsohlen von Samuel L. Jacksons Klapperlatschen passen perfekt zum Screwdriver-Longdrink – einer Mische aus Wodka und Orangensaft.

10. Minute

Das Problem heißt Beaumont. Der Typ ist besoffen mit einer Knarre Auto gefahren. Das ist so ein einschneidender Punkt in vielen Tarantino-Filmen. Die Figuren haben sich alle einigermaßen präsentiert und warm gequasselt. Jetzt kommen die Schießereien. Wenn Sie noch nicht angeschnallt sind, holen sie doch eben noch mehr Popcorn. Los geht’s.

11. Minute

Moment. Max Cherry hat noch gefehlt. Samuel L. Jacksons Figur heißt übrigens Ordell Robbie, Bridget Fondas Melanie Ralston und Robert de Niro wird immer mehr zu Louis Gara.

Muss was Wichtiges sein

12. Minute

So begann 1997 noch eine schicksalhafte Begegnung. Ordell will für den bereits erwähnten Beaumont Livingston eine Kaution hinterlegen und wendet sich an den Kautionsagenten Max Cherry. Der lässt ihn wegen eines Telefonats erst mal auf der anderen Seite des Schreibtischs warten und fragt dann: "Was kann ich für Sie tun?" – Antwort: "Wo kann ich meine Asche lassen?" – "Sie können von mir aus die Tasse nehmen."

13. Minute

An der Wand hängt ein Bild von Max Cherry mit seinem Angestellten Winston. Einem zwei Köpfe größeren und dreimal so bulligen Afroamerikaner. Fällt dem streetsmarten Ordell gleich ins Auge. Was er nicht ahnt: Winstons Superkraft ist das Aufspüren von Untergetauchten. Wird später noch wichtig. Und passt zu diesen typischen, mit speziellen Skills ausgestatteten Tarantino-Charakteren wie dem Problemlöser aus Pulp Fiction. Hieß der nicht auch Winston? Gut aufgepasst!

14. Minute

Louis Gara macht sich im Hintergrund Kaffee. Ordell und Cherry haben wegen Beaumont einiges zu besprechen.

15. Minute

Ordell und Cherry haben noch mehr wegen Beaumont zu besprechen. Louis Gara wartet draußen im Auto.

16. Minute

Es dauert genau eine Zigarettenlänge, bis uns dämmert, dass dieser Beaumont bald ein toter Mann ist.

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17. Minute

Für mich gehört zu einem guten Leben, dass ich mit einer jungen Frau zusammen bin. Sie sollte möglichst jung und attraktiv sein." Sagt Tony Curtis im Fernsehen in Beaumonts Bude. Man fragt sich noch, ob Tarantino das auch inszeniert hat, so wie die "Chicks Who Love Guns", da steht Ordell schon vor Beaumonts Tür – und dem schlägt das letzte Stündchen. Logo. Die Frage ist eigentlich nur: Wie wird es ablaufen?

18. Minute

Ordell zu Beaumont: "Du musst mir einen Gefallen tun!" Aha.

19. Minute

Die beiden machen sich auf den Weg zu Geschäftsverhandlungen mit koreanischen Gangstern. Beaumont soll Ordell den Rücken freihalten. Wir denken: Er sollte ihm besser nicht den Rücken zukehren. Aber Ordells blumige Ausführungen können einen echt ganz dizzy machen. Manchmal hat man das Gefühl, Tarantino hat viele seiner Filme nur gedreht, um Samuel L. Jackson beim Labern zuzuhören. Warum auch nicht.

20. Minute

Jetzt überredet er, also Ordell, den verdutzten Beaumont, in den Kofferraum seinen Wagens zu klettern. Wie es mit ihm weitergeht und was Jackie Brown damit zu tun hat? Dafür müssen sie nur die restlichen gut zwei Stunden anschauen. Sie vergehen wie im Flug. Versprochen.

WF

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