Top 5: Im Dschungel spielt die Musik

Herz der Finsternis oder Quell ursprünglichen Lebens? Der "Urwald" gilt als Ort der Grenzerfahrung. Sowohl für Filmfiguren als auch für Filmteams. Im Kino ist er viel mehr als bloße Kulisse, wenn es um Kolonialismus, Abenteurertum, Krieg und Ausbeutung geht. Ob bei Herzog, Coppola oder mit Musik von Ennio Morricone…

Filmgeschichten, Listen, Listen, Listen 10. Juli 2020

1. Aguirre, der Zorn Gottes

Die Mythen, die sich um die Entstehung von Werner Herzogs heute legendärer cineastischer Wahnsinnstat drehen, füllen sicher ganze unverfilmte Drehbücher. Ganz bestimmt kommen sie in Metafilmen wie Mein liebster Feind zur Sprache. Das Aguirre-Originalskript gilt derweil als verschollen. Herzog hatte es nach eigener Aussage inmitten eines Pulks betrunkener Fußballfans geschrieben, einer habe sich sogar auf die Seiten erbrochen. Die gab er dann Klaus Kinski zu lesen. Der Rest ist Geschichte. Regisseur William Friedkin (Der Exozist) erklärte Herzogs hochstilisierte Quasi-Doku – spartanisch und größenwahnsinnig zugleich, fast so, als habe es ein Dogma 72 gegeben, nach dessen Regeln er entstanden ist – zum Nonplusultra. Und die Produktion zur Erfahrung, den man selbst gemacht haben müsse, um mitreden zu können. Friedkin zog es dann auch 1977 für Atemlos vor Angst in den Urwald.

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2. Apocalypse Now

Nicht weniger sagenumwoben als Herzogs fiktive Geschichte der frühen spanischen Konquistadoren im 16. Jahrhundert, die durch die peruanischen Anden und auf der Suche nach dem geheimnisvollen Eldorado irre werden, ist Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsepos Apocalypse Now von 1979. Die Dreharbeiten waren ausufernd und wurden detailliert dokumentiert, etwa anhand von Eleanor Coppolas Material in Hearts Of Darkness – Reise ins Herz der Finsternis. Daher kann man sich heute ein eindrucksvolles Bild von den schwierigen Produktionsbedingungen und dem bedingungslosen Einsatz Coppolas sowie aller übrigen Beteiligten machen. Gedreht wurde nicht in Vietnam, sondern im Dschungel der Philippinen und der Dominikanischen Republik.

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3. Fitzcarraldo

Herzog und Coppola eint, dass sie für die Verwirklichung ihrer künstlerischen Vision keine Rücksicht auf Verluste nahmen – und selbst das eigene Leben riskierten. Herzog kehrte zurück ins Amazonasgebiet, obwohl er beim ersten Mal in Peru schon einige persönliche Grenzerfahrungen durchgemacht hatte, woran sein Aguirre-Hauptdarsteller Klaus Kinski nicht ganz unschuldig war. Und ausgerechnet den nahm er 1982 wieder mit ins Boot – buchstäblich. Dabei scheint Kinski sich mit Herzog zu messen: Wer kann inniger mit der Rolle des exzentrischen Opernliebhabers Brian Sweeney Fitzgerad verschmilzen? Tobt der Irrsinn bloß vor oder wütetet er hinter der Kamera noch eine Spur hemmungsloser? Berühmt ist der Ausfall Kinskis dem Produzenten Walter Saxer gegenüber und das Angebot der Indigenen an Herzog, den cholerischen Star für ihn umzubringen. Vieles mehr erfährt man in der Hintergrund-Doku Die Last der Träume. Aber erst wer 158 Minuten Fitzcarraldo erlebt hat, war wirklich im Dschungel.

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4. The Mission

Scores und Soundtracks spielen in den genannten Filmen eine entscheidende Rolle. Jüngst bewies Spike Lee, wie stark etwa Apocalypse Now mit der Musik verknüpft ist, indem er die Rückkehr der Vietnamveteranen seines letzten Films Da 5 Bloods in den Dschungel mit Wagner unterlegte – und damit an die berühmte Hubschrauber-Szene aus Coppolas Meisterwerk erinnerte. Auch "The End" von den Doors wird man ewig damit verbinden… Der Sound zu beiden Herzog-Urwald-Abenteuern stammt von der Krautrock-Band Popol Vuh. Und für Roland Joffés Film The Mission – 1986 mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet – legte niemand Geringeres als der kürzlich verstorbene Ennio Morricone das Ohr an den südamerikanischen Dschungel, um seinem andauernden Geheimnis und der blutigen Kolonialgeschichte sowie der Hoffnung auf bessere Zeiten Klang zu verleihen. Unvergessen "Gabriel’s Oboe". Das Drama mit Jeremy Irons und Robert de Niro kann solche Zwischentöne gut gebrauchen, erzählt es doch von menschlichen Katastrophen, die durch die frühen Konquistadoren heraufbeschworen wurden.

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5. Die versunkene Stadt Z

Aus dem Jahr 2016 stammt James Grays Verfilmung des Lebens des Entdeckers Percy Fawcett. Eine Geschichte nach wahren Begebenheiten. Zu Beginn des 20. Jahrhundert wurde Fawcett zu Vermessungstätigkeiten gen Bolivien geschickt, lernte dort die Lebensweise der Indigenen zu schätzen, die daheim in England selbstredend nur als Wilde betrachtete wurden, und nahm die Spur einer untergegangenen Zivilisation auf. Die Suche nach dieser Stadt "Z" wurde für ihn zur Obsession – und im Film entwickelt sich daraus ein Abenteuer zwischen Fitzcarraldo, Apocalypse Now und der Indiana Jones–Reihe, das bis in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs führt. Einmal mehr überragend neben Hauptdarsteller Charlie Hunnam: Robert Pattinson als dessen Sidekick Henry Costin. Zu denken geben muss einem nur die bescheidene Rolle der Frau, gespielt von Sienna Miller. Sie entspricht wohl zwar den historischen Tatsachen. Doch der Dschungel an sich könnte ein paar mehr weibliche Helden vertragen.

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WF

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