Jojo Rabbit und Der große Diktator: Zwei Filme, ein Gedenken

Taika Waititis Komödie Jojo Rabbit erzählt wie schon Roberto Benigni mit Das Leben ist schön aktuell eine sehr ungewöhnliche Geschichte aus der NS-Zeit. Der Neuseeländer zitiert mit seiner Hitler-Darstellung Charlie Chaplin, setzt auf schrille Inszenierung und subtile Untertöne.

Filmgeschichten 30. Januar 2020

"Die Sache läuft, sie haben den Saal erobert, bloß was mache ich jetzt mit Hitler…?" So erklärte Quentin Tarantino TV-Moderator Jimmy Kimmel den kreativen Gedankengang während er eine entscheidende Lücke im Skript zu Inglourious Basterds schloss. Bekanntlich entschied er sich für die Ermordung des Massenmörders, also für einen unerfüllten Wunsch des realen Widerstands und der echten Opfer seines Regimes. Ein kathartischer Moment. Die Frage, was mit Hitler und den Nazis auf der Leinwand zu tun ist, stellt sich jedoch weiterhin.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Am 27. Januar 2020 jährte sich der Tag der Befreiung der KZ-Insassen von Auschwitz-Birkenau zum 75. Mal. Für viele Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, wegen ihrer Religion verfolgte und politische Gefangene kam sie zu spät. Man weiß heute sicher alleine von sechs Millionen europäischen Juden, die der systematischen Vernichtung durch die Deutschen während des Dritten Reichs zum Opfer fielen, in Auschwitz starben über eine Million Menschen. Die Herrschaft der Nationalsozialisten und die Person Adolf Hitlers sind seit dem Ende des Grauens längst nicht einfach Geschichte – wie könnte es angesichts ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit anders sein? Das Vergegenwärtigen der mörderischen Brutalität, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland zum Kult erhoben worden war, ist bis heute eine so notwendige wie zwiespältige Angelegenheit, möchte man der Zeit wirklich gerecht werden – das heißt auch der Jetztzeit, in der wieder offener mit rechtsradikalen Positionen hausiert wird. Die beißende Satire Er ist wieder da greift diesen Umstand sehr anschaulich auf.

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Chaplin und seine Erben

Das Verhältnis der Kunst zum Leben, in dem sich erstere aus dem letzteren speist, um es nachhaltig zu beeinflussen, hat sich Charlie Chaplin früh zunutze gemacht, als er Hitler und das Gehabe der Nazis sowie den verbreiteten Aberglauben des Antisemitismus in Der große Diktator in aller Absurdität auf die Spitze trieb. Seitdem gab es viele Hitler-Interpretationen. Selbst im bundesdeutschen Fernsehen spielte Heinz Schubert bereits in den 1970er-Jahren als Ekel Alfred aus der Serie Ein Herz und eine Seele eine Art Pantoffel-Adolf. Der polemisierte gegen die Sozis und drangsalierte seine Familie, blieb dabei aber stets irgendwie liebenswert. Ein Lehrstück der "Normalisierung" mitten im dichten politischen Nebel des Kalten Kriegs. Viele Jahre später: In Der Untergang reizte Bruno Ganz die Rolle des GröFaZ durch sein Method-Acting bis zum letzten Schweißtropfen aus und spielte Hitler teils wie einen cholerischen Chef, der sein "Volk" als reines Kanonenfutter betrachtet und sich depressiv geworden die Kugel gibt. Bernd Eichingers Drama – ein Meisterstück der Historisierung. Dass die Rolle des Vernichters und Kriegstreibers umso problematischer wird, je unklarer die Rahmenbedingungen ihrer Inszenierung, zeigt das Beispiel Helge Schneiders, der sich 2007 nach den Dreharbeiten von Dani Levys Mein Führer mit ihm als Hauptdarsteller distanzierte.

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Wenn es im Fernsehen oder Kino um die Nazi-Zeit geht, werden in der Regel Helden- und Katastrophenszenarios ausgerollt. Roberto Benigni wählte 1997 für Das Leben ist schön eine andere Form. Benigni betonte die kindliche Fantasie, mit der man sich die schreckliche Wirklichkeit eines Konzentrationslagers zwar nicht schönfärben konnte, die aber hier den Kontrast zum tatsächlichen Elend bei aller scheinbaren Naivität vielleicht noch deutlicher herauszustellen vermag als so manche "drastischere" Filmszene. Die Idee, dass ein Vater seinem Kind im Todescamp weismacht, die menschenverachtenden Bedingungen seien nur ein Spiel und ihre tragikomische Umsetzung – sie wurden 1999 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.

Ungewöhnlich ist auch Taika Waitits Jojo Rabbit, der in diesem Jahr bei den Academy Awards in der Kategorie "Bester Film" nominiert ist. Der neuseeländische Regisseur und künstlerische Tausendsassa setzt in der Adaption eines Romans von Christine Leunen auf grelle Farben. Damit meidet er die üblichen Parameter eines Kostümfilms über die Nazi-Zeit, holt den Schrecken im übertragenen Sinne aus der Perspektive einer verblassenden Erinnerung heraus. Ein Glanzstück der Aktualisierung sozusagen, da es vor allem um die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Antisemitismus geht. Die Besonderheit der Handlung, abgesehen davon, dass sie sich um eine außerordentliche Lovestory dreht: über allem steht der Rassenwahn der Nazis. Jojo Rabbit darf man den Versuch einer unterhaltsamen Erklärung nennen. Wie wurde diese Ideologie schon von den Kleinsten aufgesogen? Der komische "Held" ist der fest vom Nationalsozialismus überzeugte Bubi Johannes "Jojo" Betzler. Erst als er sich in ein älteres jüdisches Mädchen verliebt, das Johannes' Mutter, die im Untergrund aktiv ist, zuhause versteckt hält, beginnt sich sein Weltbild allmählich aufzulösen.

Wie dem Spuk ein Ende bereiten?

Taika Waititi selbst spielt in Jojo Rabbit die fleischgewordene Hitler-Vorstellung des Jungen. Dabei zitiert er Charlie Chaplins meisterliche Verkörperung des Anton Hynkel, mit der Chaplin 1940 des wahre Wesen jenes komplexbeladenen Mannes freilegte, die soviel Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht verdient hätte. Ja, wären die Geschichtsbücher nicht voll mit Hitlers Selbstinszenierung und noch die Gegenwart durchdrungen von der vergifteten Sprache, die seine Partei und er einst in Umlauf brachten. Chaplins/Hynkels Gebärden sind bis heute sowohl Verspottung als auch scharfe Analyse der NS-Körpersprache, sein Schnitzel-Saukraut–Deutsch macht das Gift der Nazi-Propaganda fürs Publikum spürbar. Chaplins Darstellung ist wirkmächtig, nicht nur der Ausruf "Schtonk!" hat gar selbst schon Geschichte geschrieben. Waititi zieht seinen Hitler in eben dieser Tradition ins Lächerliche ohne ihm von der Grobheit, Dummheit und Gewaltbereitschaft nehmen zu wollen, die den "Führer" in Wahrheit auszeichneten. Dergestalt wirkt er so nervtötend auf den kleinen Johannes ein, dass man sich Tarantino und seine Inglourious Basterds herbei sehnt, um dem Spuk ein Ende zu setzen. Doch der Schluss von Jojo Rabbit sorgt auf eigene Weise für Gänsehaut. Nicht die Liebe macht blind, sondern Rassismus und Faschismus – und der übergroße weiße Hase aus Johannes' Unterbewusstsein hält endlich den Mund.

WF

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