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Sin Nombre: Das Filmdebüt von Cary Joji Fukunaga

Auf den neuen Film von Cary Joji Fukunaga wartet die ganze Welt: Der Regisseur der ersten (und besten) Staffel von True Detective inszenierte nämlich den neuen James Bond – Keine Zeit zu sterben. Eine gute Gelegenheit, um sich an sein furioses Kinodebüt Sin Nombre zu erinnern.

Filmgeschichten/Drehmomente 02. April 2021

Schon die große Miss Shirley Bassey wusste es: "… it's all just a little bit of History repeating." Auch Cary Joji Fukunaga könnte ein Lied davon singen. Der amerikanische Regisseur erzählte im letzten Sommer dem britischen Filmmagazin "Empire": "Mein erster Film, Sin Nombre, kam während des Ausbruchs der Schweinegrippe in die Kinos in Mexiko, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als der mexikanische Präsident sagte: 'Geht nicht in die Kinos'. Ich hatte also ein Trauma durch dieses Erlebnis, und als ich die Nachricht davon verfolgte, fragte ich die Bond-Produzenten fast jeden Tag: 'Was ist der Plan, Leute? Denn das hört nicht auf'." Tja. Es hat immer noch nicht aufgehört – und einen verlässlichen Starttermin für James Bond – Keine Zeit zu sterben haben wir immer noch nicht.

Allerdings ging die Sache für Fukunagas ersten Spielfilm damals dann doch sehr gut aus. Sin Nombre – was ins Deutsche übersetzt "Ohne Namen" heißt – ist ein packendes, hart gefilmtes Drama, mit dem Cary Joji Fukunaga im Erscheinungsjahr 2009 auf dem Sundance Film Festival punktete und sofort in der Königsklasse "Beste Regie" ausgezeichnet wurde. Besser kann man eine Regie-Karriere wohl nicht starten.

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Sin Nombre spielt vor allem in Mexiko und erzählt eine im Kern fast klassische Geschichte von Gewalt, Freundschaft, Liebe und Verrat. Im Mittelpunkt steht die junge Frau Sayra (Paulina Gaitán), die mit ihrer Familie in Honduras aufgebrochen ist, um illegal in die USA zu gelangen, wo ein weiterer Teil ihrer Familie bereits lebt. Eine damals wie heute oft genutzte Möglichkeit, die langen Strecken zurückzulegen, ist das "La Bestia" genannte Netz an Güterzugrouten. Der furchteinflößende Name kommt nicht von ungefähr: Das Reisen auf dem Zugdach ist eh lebensgefährlich – außerdem sind die Geflüchteten den Schikanen brutaler Schlepperbanden und der örtlichen Jugendgangs ausgesetzt. Hier kommen die weiteren Hauptcharaktere Casper (Edgar Flores) und Smiley (Kristyan Ferrer) ins Spiel. Beide gehören zur Gang "MS 13". Während der junge Smiley gerade um eine Aufnahme in die Gang buhlt, will sein Mentor Casper längst raus und abhauen. In den Augen der "Mara Salvatrucha"-Gangs wie der "MS 13" ist das eine Sünde, die mit dem Tod bestraft wird. Casper besteigt ebenfalls "La Bestia" und rettet Sayra vor einer Vergewaltigung. Eine gute Tat, für die sie sich auf dem Weg zum (für einen der beiden) dramatischen Ende revanchieren wird.

In seinem starken Debüt zeigt Cary Joji Fukunaga zum ersten Mal in seiner Karriere, dass er Welten, die ihm eigentlich eher fremd sind, beeindruckend hart abbilden und mit Dramatik füllen kann. Eine Stärke, auf die er später bei Beasts Of No Nation wieder setzte – ein Film, der nach einem Roman von Uzodinma Iweala von afrikanischen Kindersoldaten erzählt. Cary Joji Fukunaga gibt unumwunden zu, dass er zunächst wenig über Geflüchtete, "La Bestia" und mexikanische Gangs wusste. Während seines Filmstudiums an der New York University (NYU) las er einen Artikel in der "New York Times" über 90 Geflüchtete, die in einem Gefriertruck ins Land geschmuggelt wurden. Die Reise endete schließlich in Texas – 19 Menschen erstickten, die Überlebenden ließen den Anhänger und den überforderten Fahrer hinter sich und verschwanden. Diese Geschichte ließ Fukunaga nicht los und weckte sein Interesse an der Logistik und den Schicksalen der zahllosen Geflüchteten, die Jahr für Jahr versuchen, einen Weg in die USA zu finden. Fukunaga musste für sein Studium noch einen Kurzfilm produzieren und wählte diese Geschichte als Rahmen. So schrieb und drehte er schließlich Victoria para Chino.

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Dem Magazin "Indie Wire" erzählte Fukunaga damals während des Sundance Festivals im Interview: "Ich wusste nicht, ob gerade ich diese Geschichte erzählen kann. Also recherchierte ich mich tief hinein in die Welt der illegalen Migration, vor allem aus Zentralamerika." Als sein Kurzfilm überaus positiv aufgenommen wurde und auf zahlreichen Festivals Preise sammelte, häuften sich die Nachfragen, ob er Material für einen Langfilm hätte. "Produzenten, Manager, Agenten – alle fragte mich, ob ich ein Drehbuch für etwas Längeres zum Thema hatte. Ich war darauf absolut nicht vorbereit. Ich wollte doch nur eine Geschichte erzählen, die mich tief beschäftigt hat und keine filmische Visitenkarte hinterlegen." Fukunaga meinte: "Die Welt der Geflüchteten ist nicht meine Welt und deshalb war das auch nicht meine Geschichte. Ich hatte eine Kurzfilm gemacht über ein bestimmtes Ereignis. Eine Beobachtung, kein Feature, etwas, für das ich nicht zwingend die Lebenserfahrung und den kulturellen Background haben musste."

Cary Joji Fukunaga konnte sich trotzdem nicht der Idee entziehen, hier seine Geschichte zu finden. Vor allem "La Bestia" und die Gangs, die die Züge heimsuchten, interessierten und entsetzten ihn. Also wählte er einen eher journalistischen Zugang, wie er im "Indie Wire" zu Protokoll gab: "Ich beschloss mit zwei Freunden nach Chiapas zu reisen und intensiv zu recherchieren. Über zwei Monate lang reisten wir durch die Gefängnisse und führten Interviews mit inhaftierten Gang-Mitgliedern. Wir besuchten Hilfseinrichtungen, in denen jene behandelt wurden, die sich auf der Reise verletzt hatten, sprachen mit Menschenrechtsaktivist*innen und interviewten hunderte Geflüchtete an den Güterbahnhöfen. "

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Er habe sich in dieser Zeit oft mies gefühlt, sagte Fukunaga. "Der Gedanke, vom realen Leid dieser Menschen künstlerisch zu profitieren, ekelte mich an. Es gibt bestimmte Regisseure, die sich in ihren Filmen immer besonders altruistisch geben, in Wirklichkeit aber sehr nah an der Grenze zur Ausbeutung ihrer Protagonist*innen operieren. Ich hatte das Gefühl, viele von denen erzählen diese Geschichten aus ihrer sicheren Regieposition – und lassen das Thema dann schnell links liegen, obwohl sie immens von seiner Tragik profitiert haben. Als Autor und Regisseur einer solchen Geschichte, dachte ich mir: Es gibt nur einen Weg, diese Diskrepanz abzumildern: Ich musste das Risiko dieser Menschen teilen. Ich wollte von ihrer Reise erzählen – also musste ich sie auch machen. Unter dem Protest meiner Freunde, die nicht mitkamen, stieg ich also auf den Zug."

Fukunaga überlebte bekanntlich die Reise und verarbeitete diese Eindrücke zu Sin Nombre, der gerade bei den Szenen auf den Dächern von "La Bestia" besonders intensiv ist. Fukunaga sagte seinen Mitreisenden damals auch, dass er einen Spielfilm machen wollte. "Als ich ihnen erzählte, dass ich an einem Film schrieb und nicht an einer Reportage, waren sie eher amüsiert. Sie stimmten mir zu, dass es eine interessante Idee sei und jemand ihre Geschichte erzählen müsse. Einige versicherten mir sogar, dass es ok sei, den Film zu machen, obwohl ich ein Gringo sei. Hauptsache, ich zeige ungeschönt, wie es wirklich zugehe. Nur einer bat mich, seine Rolle mit Leonardo DiCaprio zu besetzen."

Sin Nombre war das erste, großes Ausrufezeichen eines Filmemachers, der schon damals andeutete, dass man von ihm Meisterstücke wie die erste Staffel von True Detective, die ebenso schräge wie geniale Neftlix-Serie Maniac und viellleicht sogar einen guten James Bond erwarten darf. Fukunagas Debütfilm hat derweil nichts von seiner Wucht verloren. Womit wir wieder bei Shirley Bassey "History Repeating" sind. Denn die Reiserouten in Richtung USA und die Dächer von "La Bestia" sind immer noch voll, die Zustände weiterhin unhaltbar, die Methoden der Gangs und Schlepper brutal. Auch als Europäer kann und sollte man sich dem Thema nicht verschließen – hier sind es eben überfüllte Boote und von der EU bezahlte Frontex-Sicherheitskräfte statt Güterzüge und Jugendgangs. Auch nicht viel besser ...

DK

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