Meine geliebte Unbekannte: Rettet die Romcom!

Nach Demain tout commence (Plötzlich Papa!) mit Omar Sy gelingt dem französischen Regisseur und Drehbuchschreiber Hugo Gélin erneut ein Film, der Charme, Witz und ja, auch eine geplante Dosis Kitsch auf unterhaltsame Weise vermischt.

Filmgeschichten 28. Januar 2020

Es gibt wohl wenige Worte, mit denen wir unsere Leserschaft mehr schocken könnten, als mit dem sperrigen 'Romcom'. Die Abkürzung für "Romantic Comedy" weckt zwar auch positive Gefühle und Erinnerungen – vielleicht an gefakte Orgasmen mit Harry und Sally, ein Frühstück bei Tiffany oder das gemeinsame Mitsingen bei "Cruel To Be Kind" (in der punkigen Version der Band Letters To Cleo) in 10 Dinge, die ich an dir hasse, oder hey, probieren Sie doch mal, ihren frankophilen Filmfreund mit der Behauptung zu konfrontieren, Sommer von Eric Rohmer sei die perfekte Romcom – aber meistens muss man doch eher unangenehm husten bei diesem Wort, weil einem gleich ein imaginäres Zweiohrküken im Rachen steckt oder eine e-m@il für Dich (ja, der deutsche Verleih hat das wirklich so aufs Plakat geschrieben).

Man verzeihe den kleinen Exkurs. Aber Meine geliebte Unbekannte lässt uns für zwei schöne Stunden wieder an das Gute in der Romcom glauben. Deshalb wollten wir im Vorfeld um ein wenig Verständnis werben. Mit seiner leichten Erzählweise, die Regisseur Hugo Gélin durch einige recht ausgefallene Ideen und Bilder bricht, verwickelt Sie diese romantische Komödie in Gedanken über gemeinsame Träume, die Liebe fürs Leben, schmerzhafte Kompromisse – und Paralleldimensionen.

Aber der Reihe nach: Mon inconnue – so der Originaltitel – dreht sich um Raphaël (François Civil, der vor einigen Wochen noch so charmant suchend durch Einsam Zweisam von Cédric Klapisch schlurfte) und Olivia (wundervoll gespielt von Joséphine Japy). Die beiden lernen sich im Studium kennen. Raphaël ist ein Träumer, der an einem Science-Fiction-Roman schreibt, Olivia eine angehende Pianistin, die nach Unterrichtsschluss heimlich in einem Lagerraum am Klavier spielt.

Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen den beiden. Olivia inspiriert Raphaël dazu, seinem toughen Romanhelden mehr Gefühl zu geben – und ebenfalls eine große Liebe, die in Raphaëls Fantasie sofort mit Olivia verschmilzt. In einer schnellen Bildfolge, aus der so mancher Regisseur einen ganzen Film gemacht hätte, sieht man, wie die beiden zusammenkommen, wie Raphaël mit Olivias Hilfe ein erfolgreicher Autor wird, wie die beiden erst das perfekte Team sind, dann langsam auseinandergleiten, als Raphaël immer mehr zu einem arroganten Arsch wird und Olivia ihre Karriere als Pianistin vergeigt, weil sie ins Zweifeln gerät. Nach einem besonders schmerzhaften Streit, gerade weil er eher leise und unterschwellig brutal ist, schlafen die beiden zusammen und doch Welten getrennt in ihrem schicken Appartement ein.

Schlurfte im Winter noch so schön durch Einsam zweisam: François Civil © Studiocanal

Am nächsten Morgen ist nichts mehr wie es war: Raphaël erwacht in einer Paralleldimension, haust in einer ranzigen Bude, ist ein unmotivierter Lehrer, der ständig Frauen aufreißt – und sein Roman über den Retter der Menschheit Zoltan liegt handgeschrieben in der Kommode. Zumindest die ersten zwanzig Seiten. Für mehr hat es nicht gereicht. Olivia hingegen ist eine auf der ganzen Welt umfeierte Pianistin, ein Popstar der Klassik – und genau die wundervolle Frau, die er in seinem anderen Leben im Rausch seiner Arroganz zu schätzen und lieben verlernt hat.

Meine geliebte Unbekannte heißt im wahren Leben und außerhalb jeglicher Paralleldimensionen Joséphine Japy © Studiocanal

Raphaël kapiert schnell, dass er sie erneut erobern muss – und merkt gleichzeitig, dass Olivia in dieser Realität viel glücklicher ist. Selbstbewusster. Freier. Was vor allem daran liegt, dass sie Raphaël eben nicht an der Universität getroffen oder gar geliebt hat. Die erneute Annäherung der beiden, das wachsende Unbehagen Raphaëls im Angesicht der Tatsache, dass er das Leben der talentierten Pianistin vergeigt hat – all das ist locker und charmant erzählt, mit wundervollen Kamerabildern und Dialogen, die nur so gut funktionieren, weil die Chemie zwischen François Civil und Joséphine Japy stimmt und man diesen beiden so schönen Menschen einfach wahnsinnig gern zuschaut. Fast wünscht man sich, die beiden würden einfach noch eine gemeinsame Radtour ans Meer machen. Und bitte noch ein Abendessen mit Dialogtischfeuerwerk!

Ähem. Contenance. Wir sind ja Profis hier. Und Cineasten. Und deshalb: Vergessen Sie unser Loblied auf die Romcom, das war nur, um Sie in diesen Text zu locken. Aber schauen Sie bitte diesen wundervollen, leichten, lustigen Film.

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