Zum 100. Geburtstag: 100 Gründe für Éric Rohmer

Am 21. März wäre Jean-Marie Maurice Schérer, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Éric Rohmer, 100 Jahre alt geworden. Grund genug, sich nochmal in Erinnerung zu rufen, warum sein Werk noch immer existenziell wichtig, wunderschön und stilprägend ist.

Listen, Listen, Listen 20. März 2020

1. Er hat den Film-Zyklus salonfähig gemacht

Wir haben uns gerade erst in diesem Monat drei wunderschöne Boxen ins Regal gestellt: Moralische Erzählungen, Komödien und Sprichwörter und Erzählungen der vier Jahreszeiten. Lange bevor es also Harry Potter-, Avengers- oder HBO-Serienboxen gab, hatte Éric Rohmer die Ambition und die Geduld, ein großes Thema aus verschiedenen Blickwinkeln und in mehreren Filmen anzugehen. Damit wollte er zwar auch dem jeweiligen Oberthema gerecht werden, aber gleichzeitig mit Geduld und guten Filmen sein Publikum überzeugen. 1971 sagte er in einem Interview über den Zyklus Moralische Erzählungen: "Ich dachte mir, dass Zuschauer*innen und Produzent*innen meine Ideen eher akzeptieren, wenn sie in verschiedenen Formen kommen. Anstatt mich zu fragen, welche Themen das Publikum am ehesten interessiert, kam ich zu dem Schluss, dass es der beste Weg sei, das gleiche Thema sechsmal zu erzählen. In der Hoffnung, dass es spätestens beim sechsten Mal zu mir käme." Tja, hat geklappt. Und zugleich den Effekt, dass man selbst beginnt, sich komplexen Themen wie "Moral" von mehreren Blickwinkeln zu nähern.

Bild aus "Meine Nacht bei Maud"

2. Er lebt die Liebe zum gesprochenen Wort

Quentin Tarantino sagt einmal recht süffisant, man müsse einen Rohmer-Film schauen, um zu testen, ob man drauf steht. Denn wenn einem einer gefiele, dann alle. Das etwas zweischneidige Kompliment spielte vor allem auf die Dialogfülle der Rohmer-Filme an – was natürlich nicht einer gewissen Ironie entbehrt, immerhin ist Tarantino ja auch eher eine Quasselstrippe. Rohmers Dialoge über die Liebe, die Moral und die Sinnsuche sind dabei jedoch oft ganz nah am Leben und deshalb auch manchmal eher angenehm mäandernd als künstlich auf Pointen getrimmt. Seine Arbeitsweise erklärte Rohmer in diesem Interview mit dem Filmmagazin Revolver sehr schön: "Ich arbeite allein und habe keinen Drehbuchautor. In gewisser Hinsicht ersetzen mir meine Darsteller diese Rolle. Aber sie sind nicht wirklich meine Drehbuchautoren. Ich stelle ihnen Fragen, die ich anschließend normalerweise nicht verwende. Manchmal geht das allerdings so weit, dass sie mir tatsächlich Dialogsätze liefern. Zum Beispiel für Die Sammlerin habe ich Tonbandaufnahmen gemacht und den Aufnahmen Dialoge entnommen. Bei Moralische Erzählungen habe ich dieses Verfahren ausgiebig angewendet und fast bei allen Filmen der Komödien und Sprichwörter. Manchmal hat sich der Charakter einer Figur durch die Diskussionen mit den Schauspielern angereichert oder verfeinert. Es gibt Schauspieler, denen ihre Figuren sehr stark ähneln. Es gibt andere, die keinerlei Anteil an der Kreation ihrer Figur haben. Im Allgemeinen sind die weiblichen Darsteller näher an ihren Figuren als die männlichen."

3. Seine Filme erfüllten meistens schon den Bechdel-Test, als es den noch gar nicht gab

1985 konzipierte die Cartoon-Zeichnerin Alison Bechdel in ihrem Comic "Dykes To Watch Out For" einen Test, der Stereotypisierungen weiblicher Figuren in Spielfilmen offenlegen sollte. Er besteht aus drei Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Die Ergebnisse sind bis heute oft niederschmetternd, wie man hier sehen kann. Bei Rohmer spielten Frauen schon immer tragende Rollen, als Schauspielerinnen, mit denen er nach der oben beschriebenen Technik Dialoge entwickelte, ebenso wie als Mitglieder seiner technischen Teams. Ein gutes Beispiel ist Pascale Ogier, die bisweilen nicht nur vor der Kamera stand, sondern manchmal auch für das Szenenbild, die Frisuren und die Kostüme zuständig war. Durch Rohmers Arbeitsweise und die vielen Gespräche mit seinen Darstellerinnen gelingt es ihm mit den Jahren immer besser, sich in die weibliche Perspektive zu versetzen. Zur Zeit des Drehs von Das grüne Leuchten (1986) sagt er einmal: "Ich spüre das weibliche Herz in mir selbst."

Bild aus "Die Sammlerin"

4. Er appelliert an die gesellschaftliche Kraft des Dialogs

Éric Rohmer ist kein Regisseur, der uns seine Meinung aufdrückt und den moralischen Zeigefinger schwingt. Was eigentlich erstaunlich ist, für einen, der uns Moralische Erzählungen beschert hat. Aber Rohmer glaubt nicht an das politische Predigen, er setzt auf menschliche Versuchsanordnungen, in denen er verschiedene Weltsichten in den Dialog zwingt. Eine Technik, die in einer Zeit der wild aneinander vorbei schreienden Filterblasen sehr inspirierend wirkt. Im Revolver-Interview sagt Rohmer dazu: "Das ist auch in meinen politischen Filmen nicht anders, zum Beispiel in Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek. Die Figuren haben dort recht eindeutige Ansichten, aber man spürt, dass die Wahrheit nicht in dem liegt, was einzelne Figuren sagen, sondern was der Dialog ergibt. Jede Figur steuert dabei sowohl Wahres als auch Falsches zur Geschichte bei. Die Figur kann Recht haben, aber auch falsch liegen. Diese Zwiespältigkeit ist aber nicht in der einzelnen Figur angelegt, sondern im Figurenensemble."

5. bis 7. Er liefert Instagram-Style-Tipps, Tiefsinniges über die Liebe und ein dezent-schönes Kribbeln im Körper

Gut, das haben wir uns geklaut, aber weil es so schön ist:

8. Seine Arbeitsweise zeigt, dass Kino kein Effektgeballer und kein Millionenbudget braucht

Das Filmwerk von Éric Rohmer ist, nun ja, recht umfangreich und schafft es auf rund 30 Spielfilme. Dass er es in seinem Leben, das bekanntlich am 11. Januar 2010 in Paris ein Ende fand, auf diese stattliche Zahl brachte, lag nicht nur an seiner Kreativität sondern auch an seiner Arbeitsweise und seinem finanziellen Set-up. Mancher Kollege nannte Rohmer damals gar "knauserig", da er mit kleinen Teams arbeitete, in denen einige Leute, wie er selbst, gleich mehrere Rollen ausfüllen mussten. So mancher preisgekrönte Kinofilm in seinem Oeuvre entstand mit einem Produktions-Team von lediglich acht Personen. Das ist die Zahl, die heutzutage bei einem Hollywood-Blockbuster oft schon bei den Drehbuchautoren auftaucht. Mit seiner Produktionsfirma Les Films du Losange, die er mit Barbet Schroeder gründete, sorgte Rohmer außerdem dafür, dass er seine Kunst ohne Zwänge von außen inszenieren konnte.

9. Er war der Poet der Nouvelle Vague

Rohmer gründete 1950 mit Jacques Rivette und Jean-Luc Godard die nur kurz aufblühende Filmzeitschrift "La gazette du cinéma", aus der jedoch die zweite Welle der Nouvelle Vague erwachsen sollte. Auch wenn Rohmer anfangs nicht so bejubelt wurde wie Truffaut mit Sie küssten und sie schlugen sich und Godard mit Außer Atem, zeichnete sich spätestens nach Meine Nacht bei Maud ab, dass er in dieser prägenden Zeit eine Sonderrolle innehatte. Denn auch hier zeigte sich Rohmers Liebe zum Wort, die in Rohmers strengem stilistischen Purismus noch mehr erblühen konnte und die er über die Jahre zu seiner Handschrift machte. Die Zeitung "Die Welt" lag also goldrichtig, als sie Rohmers Nachruf den schönen Titel "Poet der Nouvelle Vague" gab.

10. Rohmer geht immer

11. Rohmer geht immer

12. Rohmer geht immer

13. Rohmer geht immer

14. Rohmer geht immer

15. Rohmer geht immer

16. Rohmer geht immer

17. Rohmer geht immer

18. Rohmer geht immer

19. Rohmer geht immer

20. Rohmer geht immer

21. Rohmer geht immer

22. Rohmer geht immer

23. Rohmer geht immer

24. Rohmer geht immer

25. Rohmer geht immer

26. Rohmer geht immer

27. Rohmer geht immer

28. Rohmer geht immer

29. Rohmer geht immer

30. Rohmer geht immer

31. Rohmer geht immer

32. Rohmer geht immer

33. Rohmer geht immer

34. Rohmer geht immer

35. Rohmer geht immer

36. Rohmer geht immer

37. Rohmer geht immer

38. Rohmer geht immer

39. Rohmer geht immer

40. Rohmer geht immer

41. Rohmer geht immer

42. Rohmer geht immer

43. Rohmer geht immer

44. Rohmer geht immer

45. Rohmer geht immer

46. Rohmer geht immer

47. Rohmer geht immer

48. Rohmer geht immer

49. Rohmer geht immer

50. Rohmer geht immer

51. Rohmer geht immer

52. Rohmer geht immer

53. Rohmer geht immer

54. Rohmer geht immer

55. Rohmer geht immer

56. Rohmer geht immer

57. Rohmer geht immer

58. Rohmer geht immer

59. Rohmer geht immer

60. Rohmer geht immer

61. Rohmer geht immer

62. Rohmer geht immer

63. Rohmer geht immer

64. Rohmer geht immer

65. Rohmer geht immer

66. Rohmer geht immer

67. Rohmer geht immer

68. Rohmer geht immer

69. Rohmer geht immer

70. Rohmer geht immer

71. Rohmer geht immer

72. Rohmer geht immer

73. Rohmer geht immer

74. Rohmer geht immer

75. Rohmer geht immer

76. Rohmer geht immer

77. Rohmer geht immer

78. Rohmer geht immer

79. Rohmer geht immer

80. Rohmer geht immer

81. Rohmer geht immer

82. Rohmer geht immer

83. Rohmer geht immer

84. Rohmer geht immer

85. Rohmer geht immer

86. Rohmer geht immer

87. Rohmer geht immer

88. Rohmer geht immer

89. Rohmer geht immer

90. Rohmer geht immer

91. Rohmer geht immer

92. Rohmer geht immer

93. Rohmer geht immer

94. Rohmer geht immer

95. Rohmer geht immer

96. Rohmer geht immer

97. Rohmer geht immer

98. Rohmer geht immer

99. Rohmer geht immer

100. Rohmer geht immer


(P.S. Man verzeihe uns diesen letzten Gag, aber dieser Satz "Rohmer geht immer" taucht irgendwie in jeder Redaktionskonferenz auf, wenn wir über neue Themen sprechen und hat sich deshalb zum geflügelten Wort in unserem Team entwickelt. Und wenn es eine Chance gibt, das mal hier so geballt zu droppen, dann doch wohl zum 100. Geburtstag.)

DK

Filme zu diesem Thema

Weitere Artikel zum Thema

    Zum Nachspielen: Le bingö du cinéma français

    Unser Tipp für den nächsten Godard- oder Rohmer-Abend: Das Bingo für den französischen Film. Die Stiftung Redaktionstest kam zum Urteil: sehr gut. Vor allem in Begleitung eines guten Weines.

    5 Tipps für die Weltflucht vor dem Fernseher

    Auch unsere Redaktion sitzt zuhause und sorgt sich, wie lange es dauert, bis ihr die Decke auf den Kopf fällt. Um dem vorzubeugen, haben wir schon mal ein paar Filme rausgesucht für den Fall, dass wir – zum Beispiel – das Konzertleben oder das Shoppen vermissen.

    Kennen Sie den schon? Die Nächte einer schönen Frau von Charlie Chaplin

    Wenn Sie denken, dass Sie schon alles gesehen haben: Unsere Reihe mit verhinderten Kinoklassikern und vergessenen Filmschätzen. Chaplins tiefgründiges Melodram fiel damals beim Publikum durch – und wird bis heute unterschätzt.

    Kategorien

    Arthaus Stores

    Social Media