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Die ersten 20 Minuten von Außer Atem (und was wir darin über Jean-Luc Godard lernen)

Der ARTHAUS-Liveticker schaut sich Meisterwerke ganz genau an. Diesmal Jean-Luc Godards Klassiker der Nouvelle Vague von 1960, der zum 60-jährigen Jubiläum ab heute (29.10.) 4K-restauriert auf ausgewählten Leinwänden zu sehen ist.

Filmgeschichten, Trivia 29. Oktober 2020

01.Minute

"Eigentlich bin ich ja ein Schwein. Aber was soll’s. Es muss sein." So führt sich Michel ein. Zwischen den dicken Belmondo-Lippen eine nimmermüde Gitanes. Verwegener Blick. Man stellt sich Godard am Set vor: "Den Hut tiefer ins Gesicht, Jean-Paul! Das Gesicht tiefer in den Hut. Oui, so ist es perfekt!"

02. Minute:

Erst mal ein schickes Auto klauen und dann die hübsche Komplizin mit Hinweis auf den vollen Terminkalender stehen lassen. Wirklich ein Schwein, dieser Michel, auch wenn man sieht, dass er sich selbst eher für eine coole Sau hält.

03. Minute

Godard kann erzählen. Geschickt verknüpft der Regisseur Michels Fahrt im geklauten Schlitten mit der knappen Aufzählung dessen, was uns erwartet. Geld holen, Patricia klarmachen, ab nach… Hauptsache, Italien. Na, wenn das mal gut geht.

Michel bei der Zeitungslektüre © Studiocanal

Michel bei der Zeitungslektüre © Studiocanal

04. Minute

Von Frauen – außer vielleicht Patricia – scheint Michel echt wenig zu halten. Die Anhalterinnen nimmt er nicht mit, weil sie zu hässlich sind, die im Wagen vor ihm kommt auch nicht gut weg. Erst mal ein bisschen aus dem Fenster ballern. Peng! Peng!

05. Minute

Eine Knarre im Auto? Könnte sich bald als Problem erweisen. Michel wird von "weißen Mäusen" verfolgt. Gemeint sind keine drogeninduzierten optischen Täuschungen, sondern Polizisten. Die 1960er Jahre wirken halt in jedem Detail psychedelisch. Godard, der Visionär (auch wenn die Synchro ihr Übriges dazu beigetragen haben dürfte).

06. Minute

Peng! Peng! Michel hat gerade den Polizisten erschossen. Jetzt rennt er ohne Jacke querfeldein. Warum so leichtsinnig? Hoffentlich ist da nicht sein Ausweis drin. Aber wenn er nicht drin wäre, warum würde er quasi im letzten Hemd fliehen? Das Ganze ergibt nur Sinn, wenn Michel laut Skript schon geliefert ist. Armes Schw…

Patricias Verwandlung in einen Ganoven © Studiocanal

Patricias Verwandlung in einen Ganoven © Studiocanal

07. Minute:

Weil es noch kein Internet gibt, kauft sich Michel in Paris nun alle paar Minuten eine neue Zeitung. Wie er die eine im Gehen liest und sich danach mit ihren Seiten die Schuhe poliert, bevor es zu einem seiner "Schätzchen" geht…Das hat schon richtig Bonvivant-Stil und man weiß: Der hat doch was vor. Ob vom Schuhputzer zum Millionär oder vom Leser zum Gegenstand der News, ist eigentlich einerlei.

08. Minute

Michel wird die alte Freundin beklauen, vermuten wir. Ja, Charme ist die Waffe, mit der er es bislang im Leben weit gebracht hat. Aber ein richtiger Kerl will eben eine richtige Pistole...Problem: Gewalt erzeugt nur Gegengewalt. Peng! Pe… genau.

09. Minute

Michel stiehlt einen Haufen Francs aus ihrer Brieftasche. Der Jazz-Score deutet an, dass wir es mit einem improvisierenden Solisten zu tun haben, der es bislang immer noch geschafft hat, sich ins Ensemble einzufügen. Überinterpretation? Man könnte auch einfach sagen: Der Score swingt wie Arsch auf Eimer.

Es ist und bleibt doch eine Liebesgeschichte © Studiocanal

Es ist und bleibt doch eine Liebesgeschichte © Studiocanal

10. Minute

Stichwort Ensemble: Da ist Patricia! Jean Seberg auf dem Champs-Elysées mit kurzem Haar von hinten. Mit ihr also will der Hallodri durchbrennen. Kein Wunder, bei ihrem Swag – und dann dreht sie sich auch noch um und wir kippen fast vom Stuhl.

11. Minute

Da ist er – jener flüchtige Moment, in dem die Zukunft beschworen wird, die es nur in jenem beschwörenden Augenblick wirklich gibt. Patricia und Michel schlendern. Flirten. Über ihn stehe nichts in der Zeitung, sagt Michel. In seinen Augen eine gute Nachricht. Aber Patricia scheint zu ahnen, dass sich das bald ändern wird. So oder so.

12. Minute

Sie flirten weiter. Er: "Warum trägst du eigentlich nie Büstenhalter?" – Sie: "Ich bitt’ dich, sag doch sowas nicht!" Ein Dialog, über den man heute ganze Uni-Seminare halten könnte. Fazit: Godard hat Humor.

Flirten auf dem Champs-Elysées © Studiocanal

Flirten auf dem Champs-Elysées © Studiocanal

13. Minute

Sie verabschieden sich mit einem Kuss. Also doch ein bisschen romantisch, die beiden. Godard etwa auch? Nee. Sekunden später wird Michel Zeuge eines tödlichen Verkehrsunfalls, und gleich darauf entdeckt er sich dann doch in der Zeitung. Als gesuchter Mörder. Mehr bittere Prophezeiung geht nicht.

14. Minute

Nun, erst mal holt sich Michel sein Geld ab. Dafür trifft er sich mit der zwielichtigen Type Tolmatchoff.

15. Minute

Tolmatchoff hat nur einen Verrechnungsscheck für ihn. Da werden einige von uns googlen müssen, was das bedeutet. Auf jeden Fall bekommt Michel kein Cash in die Täsch.

Die schicksten Autos sind doch die geklauten… © Studiocanal

Die schicksten Autos sind doch die geklauten… © Studiocanal

16. Minute

Die Polizei taucht auf. Inspektor mit stummem Sidekick. Aber keine Angst um unseren Helden. Einer wie Michel kann gegen diese laschen Poser nur verlieren, weil die Mächtigen es wollen, und selbst dann wird er noch der trotzige Sieger sein. Fin. Ende. The End. Halt, noch nicht wirklich…

17. Minute

Jetzt sagt der Sidekick des Inspektors doch was: "Ach, du liebe Zeit!" Michel ist noch mal entwischt…für einen ästhetisch wertvollen kulturellen Exkurs, wie sich flugs herausstellt.

18. Minute

Im Schaukasten eines Kinos entdeckt Michel das Plakat eines Films mit Humphrey Bogart. Er bläst Bogie den Rauch seiner Gitanes ins Gesicht. Ehrfurchtsvoll und respektlos zugleich. Aus dem Dieb Michel wird der Dieb Belmondo, der sich beim amerikanischen Kollegen einst die Mimik abgeschaut hatt und längst seine eigene draus gemacht hat. Hinter der Inszenierung steckt Schlaufuchs Godard, der dem US-Kino seinen ausgestreckten Langfinger zeigt.

Der Charme ist seine beste Waffe © Studiocanal

Der Charme ist seine beste Waffe © Studiocanal

19. Minute

Patricia hat den Hut auf, als sie auf Michel warten soll und sich äußerlich selbst in einen Ganoven verwandelt. Einfach so mitkommen, rumstehen, weglaufen…nicht ihr Ding. Aber Michel fehlt der Durchblick. Er weiß nur, dass er sie gerne hat, weil sie speziell ist. In den Momenten, in denen Außer Atem kein Gangster-Flic und keine RomCom ist, befinden wir uns in einem Melodram.

20. Minute

Umso melodramatischer erscheint die Geschichte, die Michel Patricia jetzt erzählt. Sein offener Wunsch nach einem gemeinsamen Abenteuer. Und obwohl wir schon den Glauben verloren haben, dass Godard an Happy Ends glauben könnte, sehen wir an dieser Stelle einem spektakulär kunstvoll inszenierten Katz-und-Maus-Spiel und einem denkwürdigen Showdown entgegen. Mit viel Vergnügen, auch zum x-ten Mal.

WF

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