The Dead Don’t Die: Zombies For Future

Der Mensch tickt nach dem kindlichen Prinzip "Haben, haben, haben!" Und, ja, Jim Jarmuschs Zombiefilm hat wirklich alles, was das Genre braucht – dazu besticht er mit eigenem Witz und neuen Ideen. Ein amüsanter Trip ins dunkle Herz der Konsumgesellschaft.

Filmgeschichten 13. Juni 2019

Niemals geht man so ganz? Irgendwas von dir bleibt hier? Kommt einem bekannt vor. Die verschiedenen Aggregatzustände des Lebens sind ja nicht bloß eine alte Schlagerweisheit. Im Kino wurde ein ganzes Genre zum Kassenschlager, in dem Untote die Hauptrolle spielen: der Zombiefilm. Schon der Filmtitel The Dead Don`t Die löst bei Genre-Fans also ein gewisses Prickeln aus – und die Erwartungen werden sicher nicht geringer, wenn der Regisseur Jim Jarmusch heißt, da von ihm stets etwas Besonderes zu erhoffen ist.

Die ewige Nacht der lebenden Toten

Der Begriff Zombie stammt aus dem afrikanischen Sprachraum und beschreibt einen Totengeist. Aber Zombies sind längst Mischwesen, die sich aus dem Aberglauben an Gespenster und aus realen Personen sowie deren Filminkarnationen zusammensetzen, um die alte Geschichte immer wieder neu zu erzählen. Zusammengefasst: Das Leben endet nicht auf dem Friedhof.
George A. Romeros Night Of The Living Dead setzte 1968 Maßstäbe. Seine Zombies wurden zur Metapher der Kritik an den Verhältnissen. Heute meint der Volksmund mit Untoten auch echte Menschen, die irgendwie von fremden Mächten ferngesteuert werden. Millionen Handy-Junkies in Dauertrance sind das beste Beispiel. Im Kino gibt es mittlerweile unzählige Variationen des Themas der wandelnden Leichen – zwischen dem urkomischen Shaun Of The Dead und dem todernsten The Girl With All The Gifts scheint alles möglich. Im Serienfernsehen nimmt das Leichenwandeln kein Ende. Jetzt kommt als Krönung auch noch ein Zombiesplatterspektakel jenes Filmemachers hinzu, die sich durch zahlreiche Meisterwerke des Independent-Kinos – zuletzt überraschte Jarmusch mit dem Vampirfilm Only Lovers Left Alive – bereits selbst unsterblich gemacht hat. Aber ist ihm diesmal ein Highlight gelungen?

Tom Waits als Hermit Bob hat den Durchblick, während der Rest von den Zombies rasiert wird

Es beginnt alles so harmlos und friedlich, wie es sich für das Genre gehört. In der beschaulichen US-Kleinstadt Centerville sind Sheriff Cliff Robertson sowie die Officer Ronnie Peterson und Mindy Morrison mit einer Nachbarschaftsstreiterei beschäftigt. Im Diner des Kaffs sitzt Farmer Frank Miller mitsamt seiner "Make America White Again"-Mütze noch einträchtig neben dem Afroamerikaner Hank. Alltägliche Provinzharmonie.
Dem angeblichen Hühnerdieb Hermit Bob hat der fiese Farmer da allerdings schon die Cops auf den Hals gehetzt. Diese gehen ihre Aufgabe recht betulich an. Der erfahrene Sheriff Robertson gerät nicht mal aus der Ruhe, als Hermit Bob auf ihn schießt, um sein Revier zu verteidigen. Dieses "Duell" der beiden Klassiker des Jarmusch-Ensembles – Tom Waits als zotteliger Nonkonformist gegen Bill Murray in Polizeiuniform – dürfte manch einem schon das Eintrittsgeld wert sein.
Die Szene hat jedoch nicht nur Unterhaltungswert, sie formuliert sozusagen die Prämisse von The Dead Don`t Die. Der bärtige Eremit zieht mit seinem Gewehr zu Beginn der Handlung eine Grenze zwischen sich und den gesellschaftlichen Institutionen. Ob es Absicht ist, dass er ein wenig an den so genannten UNA-Bomber Ted Kaczynski erinnert, der im echten Leben Zivilisationskritik mit Briefbomben übte? Das kann man nicht wirklich sagen, anderes ist dafür umso offensichtlicher.

RZA, Sevigny, Swinton, Murray, Waits, Driver, Buscemi, Gomez

Hermit Bobs Isolation bedeutet gleichzeitig die Rettung des alten Zausels, während der Rest Centervilles allmählich von einer Zombie-Epidemie dahingerafft wird. Derweil verbreiten die Nachrichten Meldungen über eine Verschiebung der Erdachse. Als Officer Peterson nach den ersten mysteriösen Todesfällen schnell auf Zombies als Schuldige tippt und dann zugibt, den Ausgang der Ereignisse zu kennen, weil er das Drehbuch bis zum Schluss gelesen habe, ist alles klar. Politischer Subtext, selbstreferenzielle Metabene und allgemeiner Spaßfaktor von The Dead Don`t Die sind damit bereits so lebhaft zutage getreten, wie es die Friedhofsbewohner Centervilles nun einer nach dem anderen tun. Um sie erneut ruhig zu stellen, muss man ihnen den Kopf abschlagen. Im Kampf gegen den Horror wird ein veritables Star-Ensemble reanimiert beziehungsweise massakriert. Klar, wer würde nicht mal gerne in einem Zombiefilm mitmachen, der selbstironisches Augenzwinkern mit Statements gegen Trump, Klimawandel und Konsumgeilheit verbindet, während der Punk-Spirit Jim Jarmuschs allgegenwärtig ist? Adam Driver, Chloë Sevigny, Iggy Pop, Steve Buscemi, Danny Glover, RZA, Selena Gomez, Tilda Swinton und viele andere konnten jedenfalls nicht widerstehen. Die Figuren finden nachvollziehbarerweise weniger Gefallen an dem blutigen Treiben als ihre gut aufgelegten Darsteller*innen.

Adam Driver sitzt als Officer Peterson diesmal nicht auf dem Fahrersitz

Die zentrale Idee des Films ist letztlich so einfach wie bestechend: Jarmuschs Zombies sind nicht nur scharf auf das Fleisch der Lebenden, wie man es aus vielen Zombiefilmen kennt. Sie werden außerdem von denselben Gelüsten getrieben, die sie schon vor ihrem Ableben und ihrer Wiederauferstehung heimgesucht hatten. Eine Flasche Rotwein, ein Auto, ein Tennisschläger...lauter schnöde Dinge. Zusammengefasst: Das Leben endet nicht auf dem Friedhof. Die meisten Leute des 21. Jahrhunderts sind eigentlich schon vorher tot. Böse Spitzen gegen das ländliche Amerika erscheinen mehr als deutlich, platt wird es allerdings an keiner Stelle. Schließlich verlieren auch die arroganten Hipster aus der Großstadt im allgemeinen Tumult schnell ihren Kopf.
Jim Jarmusch drückt sich nicht um Genre-Standards. Zu denen gehört der örtliche Nerd und sein Devotionalien-Shop, Einstellungen mit losen Eingeweiden und die finale Schlacht. Am besten an The Dead Don`t Die sind a) der Titelsong, der im Radio ein untotes Eigenleben als Evergreen führt und b) die coolste Quadratur des Kreises seit es Leinwände und Projektoren gibt. Die Frage liegt schließlich auf der Hand, so lange sie dem Kritiker nicht abgefallen ist: Wo würde ein Jim Jarmusch-Zombie in seinem eigenen Film wohl hinlaufen? Die Antwort auch: Na klar, ins Kino. Es bleibt nun mal der sicherste Ort in einer vom Untergang bedrohten Welt, weil seine Geschichten Licht ins Dunkel bringen und nie vergehen.

Kinostart: 13. Juni 2019 im Verleih von Universal Pictures

WF

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