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Alan Parker: Ritter der vielseitigen Gestalt

Am 31. Juli 2020 ist der britische Regisseur von Angel Heart gestorben. Unser Nachruf auf einen eigenwilligen Grenzgänger mit sozialem Anliegen, dessen Werk im Rückblick ein Faible für Genrefilme und sämtliche darstellenden Künste offenbart.

Filmgeschichten 10. August 2020

Für Alan Parker war die Beziehung von Musik, Choreografie und Bildern wesentlich. Und auch eine gewisse kindliche Verspieltheit kann man ihm attestieren. Auf ein bestimmtes Genre hat sich der 1944 in London geborene und am 31. Juli 2020 ebendort verstorbene Regisseur nie festlegen mögen. Er blieb sprunghaft. Immer neugierig, etwas anderes auszuprobieren. Dabei hatte Parker ein Faible für Genrefilme. 1976 machte er zum ersten Mal auf sich aufmerksam, inszenierte den Mafiafilm Bugsy Malone mit Kindern, die Erwachsene darstellen. Wobei in diesem parodistischen Szenario die Automobile zur Zeit der Prohibition mit Pedalantrieb fahren und aus den Maschinengewehren, also Frostkanonen, der Gangster tödliche Sahnetörtchen fliegen. Jodie Foster war damals mit 13 schon der Star des Ensembles, im selben Jahr spielte sie die minderjährige Prostituierte in Scorseses Taxi Driver. Für Parker ging es weiter mit der Verfilmung einer wahren Begebenheit. Giorgio Moroder erhielt einen Oscar für die Filmmusik von 12 Uhr nachts – Midnight Express und Oliver Stone wurde als Autor des besten adaptierten Drehbuchs ausgezeichnet. In der Vorlage erzählt Billy Hayes die Geschichte, wie er beim Haschischschmuggel aus der Türkei am Istanbuler Flughafen verhaftet und zu 30 Jahren Haft verurteilt wird. Die Schilderung der Gewalt, der er als Häftling im türkischen Knast ausgesetzt ist, brachte dem Film, der auch eine recht bizarre »erotische« Gefängnisbesuchsszene enthält, durchaus Kritik ein. Aber Parker hatte als Künstler nun mal ein Anliegen.

Scharf: Mickey Rourke als Harry Angel © Studiocanal

Scharf: Mickey Rourke als Harry Angel © Studiocanal

Alan Parker selbst hat nie einen Oscar als bester Regisseur erhalten. Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses, ebenfalls nach Tatsachen gedreht, zudem auch mit brutaler Wirklichkeit nicht sparend, gewann 1989 den Kamerapreis. Nicht immer ging er persönlich leer aus. Mitte der 1980er räumte Parker mit dem Antikriegsfilm Birdy (Musik: Peter Gabriel) den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen von Cannes ab. Die eingangs erwähnten Vorlieben für Tanz und Musik kamen 1980 in Fame – Wege zum Ruhm zusammen. Der Titelsong von Michael Gores gewann, na?, einen Oscar. Aus den Geschichten rund um die Absolvent*inne einer New Yorker Schule für darstellende Kunst entstand ab 1982 eine TV-Serie, später ein Musical. Ganz nebenbei hat Alan Parker noch deutlichere Spuren hinterlassen als Preise oder erfolgreiche Spin-Offs. Er ist der Regisseur des lange wohl bekanntesten Musikfilms überhaupt. Wenn man auch rückblickend sagen muss, dass bei Pink Floyd – The Wall Parkers Ursprünge als Werbefilmer den stärksten Einfluss auf seinen Output als Filmregisseur hatten.

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1987 drehte Alan Parker mit Angel Heart einen der Höhepunkte seiner Regie-Laufbahn. Mickey Rourke gerät als Schnüffler Harry Angel von einem Schlamassel in den nächsten – in diesem stilvollen Film noir, der mit freundlichen Zitaten an Polanskis Chinatown genauso wenig geizt wie mit sprechenden Namen. Und der wiederum Polanski zu seinem Mystery-Thriller Die neun Pforten inspiriert haben könnte, zum Teufel… Bei aller Eigenheit war Parker halt jemand, der nicht nur gab sondern auch nahm – aber Referenzen gehören nun mal zum Geschäft. Und auf dieses verstand sich der Brite bestens, hatte immer wieder neue erfolgreiche Ideen im Ärmel, wie Anfang der 1990er die Geschichte der Dubliner Working Class Soul-Band Die Commitments. Später verfilmte er noch Andrew Lloyd Webbers Evita – mit Madonna – und drehte als letzten Spielfilm 2003 Das Leben des David Gale. Da war er gerade von der Queen zum Ritter geschlagen geworden. Womit sie uns einige Jahre zuvorgekommen ist. Rest in peace, Sir Alan Parker.

WF

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