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Banjos, Sirenengesänge und Folklieder: die Gebrüder Coen und T Bone Burnett

Bei ARTHAUS+ kann man gerade zwei der musikalischsten Filme von Joel und Ethan Coen sehen: O Brother, Where Art Thou? und Inside Llewyn Davis. Bei beiden holten Joel und Ethan Coen den Sänger, Gitarristen, Songwriter und Produzenten Joseph Henry "T Bone" Burnett an Bord. Wir werfen einen essayistischen Blick auf diese fruchtbare Zusammenarbeit.

26. November 2025

Bei den Coen-Brüdern passte die Sache mit der Musik im Film schon immer. Man denke nur an die tolle Sequenz in Blood Simple, wenn die Kamera über die Theke einer Bar kriecht, kurz einen betrunkenen Schläfer passiert und sich dann einer Konversation nähert, während Patsy Cline geisterhaft schön "Sweet Dreams" singt. Oder aber man denke an die Musical-ähnlichen Szenen in The Big Lebowski, wenn der Dude zum Beispiel zu "Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In)" in der Version von Kenny Rogers zu seinem Bowling-Trip abhebt, die silbernen Schuhe anzieht, die ihm Saddam Hussein über die Theke reicht und dann vom imaginierten Bowling-Triumph zur Kastrations-Attacke schwebt. Um diesen Film soll es in diesem Text zwar nicht gehen, aber hey, weil es so schön ist:

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The Big Lebowski schlägt dann aber doch eine Brücke zu unserer Headline: Als Musikarchivar der Produktion war nämlich T Bone Burnett dabei, der dem Kultfilm aus dem Jahr 1998 unter anderem Songs wie den genannten besorgte – aber auch Creedence Clearwater Revivals offensichtlich sehr Fist-Bump-kompatiblen "Run Through The Jungle" oder die inoffizielle Bowling-Bahn-Hymne "The Man In Me" von Bob Dylan. Letzteren kennt Burnett übrigens ganz gut: Er spielte für Dylan Gitarre auf dessen "Rolling Thunder Tour" in den Jahren 1975 und 1976.

The Big Lebowski war die erste etwas größere Zusammenarbeit zwischen Burnett und den Coens. Die zweite folgte nur wenige Jahre später – und war ungleich verantwortungsvoller für Burnett. Bei O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee (so der volle deutsche Titel) war T Bone Burnett nämlich an der Seite des langjährigen Score-Komponisten der Coens, Carter Burwell, als Music Producer an Bord. Der 2000 gestartete Film mit George Clooney, Tim Blake Nelson und John Turturro entwickelte sich im Laufe des Schreibprozesses von einer "drei Trottel auf der Flucht Story" (Joel Coen) zu einer sehr losen Adaption von Homers "Odyssee".

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Der Film ist seit einigen Tagen bei ARTHAUS+ zu sehen und wirkt noch heute wie eine ehrliche und sehr lustige Liebeserklärung an den amerikanischen Süden und die Musik, die diese Gegend prägte: Blues, Country und Bluegrass. Dass der Film nicht nur ein "beloved arthouse darling" wurde, sondern ein massiver kommerzieller Hit, haben dabei die wenigsten kommen sehen. Aber O Brother, Where Art Thou? wurde gar mehr als das: Viele jüngere Country- und Bluegrass-Musiker:innen schwören heute darauf, dass Film und Soundtrack diesen Genres einen massiven Push gegeben hätten. Das wiederum ist an konkreten Zahlen messbar: der von T Bone Burnett zusammengestellte Soundtrack mit Musik von z. B. Alison Krause, Norman Blake, Ralph Stanley und Chris Thomas King verkaufte sich über sieben Millionen Mal und bekam 2022 den Grammy für "Best Album Of The Year".

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Auch für die Coens machte die Musik den Film aus: Joel Coen sagte 2015 bei einer Veranstaltung des "New York Film Festivals" zum 15. Jubiläums von O Brother, Where Art Thou?: "Nicht alle Drehs haben uns wirklich Spaß gemacht, aber bei O Brother… hatten wir viel Freude." Es sei vor allem wegen der Musik großartig gewesen, so Joel Coen weiter. "Viele der Musiker, die man im Film sieht, waren die Musiker, die den Soundtrack gespielt und mit T Bone [Burnett] zusammengearbeitet haben. Wir hatten schon zuvor bei The Big Lebowski mit T Bone zusammengearbeitet, aber auf eine andere Art und Weise. Der Großteil der Musik wurde aufgenommen, bevor wir angefangen haben, und dieser Teil hat wirklich Spaß gemacht." Wir glauben, das sieht man Szenen wie dieser durchaus an:

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T Bone Burnett, der mittlerweile auch für seine Arbeit an Walk The Line oder Crazy Heart geschätzt wird, erklärte dem britischen "Guardian" vor einigen Jahren mit Blick auf O Brother, Where Art Thou?, wie er seine Arbeit versteht: "Ich bin Kurator. Ich bin auch Songwriter, aber ein Teil des Songwritings ist Kuration. Und da ich Kurator bin, ist es mir wichtig, ein vertrauenswürdiger Kurator zu sein. Ich möchte versuchen, immer das Richtige zu tun. O Brother, Where Art Thou? kam im Jahr 2000 heraus, und viele Menschen, die heute in ihren 20ern und 30ern sind, haben diese Musik durch den Film und das Album kennengelernt. Es war für sie ein Portal zu einer wichtigen Zeit – dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert."

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Über zehn Jahre später arbeiteten die Coen-Brüder und T Bone Burnett erneut sehr intensiv zusammen, um einen der melancholischsten und musikalischsten Filme im Coen-Oeuvre zu drehen: Inside Llewyn Davis. Statt Homer, Blues, Bluegrass und Country stand diesmal die prägende Folkszene der 60er im New Yorker Greenwich Village im Fokus. Der 2013 gestartete Film mit Oscar Isaac in der Rolle des fiktiven, aber an den realen Dave Van Ronk angelehnten, Songwriters Llewyn Davis rückte die Musik noch ein wenig mehr in den Fokus und bescherte uns wunderschöne, intensive Szenen wie diese:

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Ein wichtiger Bezugspunkt für die Coens war dabei Dave Van Ronks Memoire "The Mayor Of MacDougal Street". Dem Musikmagazin "Uncut" sagte Ethan Coen in einem Interview zum Kinostart: "Damals war es eine sehr kleine Szene. Eine verschworene Gemeinschaft, die sich zu einer ganz bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Ort befand und sich für diese bestimmte Art von Musik interessierte. Aber Van Ronks Beschreibung dieser Szene war so lebendig, dass sie das Interessanteste war, was wir über diese Zeit gelesen haben. Also haben wir kleine, spezifische Details daraus übernommen."

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Joel sagte daraufhin, dass auch die Musik von O Brother, Where Art Thou? zur Idee von Inside Llewyn Davis geführt hätte. Und damit natürlich wieder zu T Bone Burnett. "Wir haben einen Großteil von Llewyns Repertoire aus Van Ronks Songs oder Arrangements von Songs, die er gesungen hat, zusammengestellt. Wir kannten seine Musik. Diese Musik stammt ja allesamt aus dem Film O Brother, Where Art Thou?. Es war also Musik, die uns vertraut war. Aber insbesondere Dave Van Ronks Musik hat sich für uns auf angenehme Weise in Llewyn übertragen."

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T Bone Burnett gab ungefähr zur gleichen Zeit dem Magazin "Salon" ein Interview, wo er anhand von Inside Llewyn Davis erklärte, wie die Zusammenarbeit mit den Coens funktionierte. Dabei schien es ihm wichtig, den Input der beiden hervorzuheben: "Ich würde sagen, dass bei allem, was wir gemacht haben, die Musik eine sehr gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen drei Parteien ist. Ich bekomme viel Anerkennung, weil ich der Musiker in der Gruppe bin. Natürlich bin ich derjenige, der weiß, wie man das umsetzt, da die anderen den technischen Teil nicht beherrschen, weil sie nicht geübt haben." Dafür kenne er sich aber nicht mit den technischen Aspekten der Filmproduktion nicht aus. "Die Coens wissen, was gut ist. Der spaßige Teil ist das ‚Ausdenken‘. ‚Welcher Song passt zu dieser Figur?‘ Letztendlich entstehen alle Songs aus den Figuren heraus."

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Dass die Figur des Llewyn Davis so schlüssig und musikalisch überzeugend ist, liegt natürlich auch an der Wahl des Schauspielers: Oscar Isaac, der gerade als Dr. Frankenstein im Kino war, singt und spielt diese Lieder sehr überzeugend. Dass ihm das so gut gelingt, liegt wohl an seiner eigenen musikalischen Vergangenheit: Oscar Isaac, der in Guatemala geboren und in Florida aufgewachsen ist, tauchte ab Mitte der 90er in diversen Bandbesetzungen der lokalen Ska- und Punk-Szene auf – meistens unter seinem Familiennamen Oscar Hernandez. Seine langlebigste und erfolgreichste Band war The Blinking Underdogs, wo Oscar Isaac Gitarre spielte und Leadsänger war. Sie schafften es sogar ins Vorprogramm von Green Day – wobei Isaac klarstellt, dass die Band eher "a local thing" in Miami, Palm Beach und Umgebung gewesen sei und man Stunden vor Green Day gespielt habe.

T Bone Burnett arbeitete die Rolle des Llewyn Davis mit Oscar Isaac schon vor Drehbeginn zusammen aus. Dem "Guardian" erzählte Burnett dazu: "Ich habe mich monatelang mit Oscar Isaac getroffen, bevor wir mit den Dreharbeiten zu Inside Llewyn Davis begonnen haben." Dabei habe man sehr viele Themen angesprochen. "Es ging darum, wie er seinen Gitarrenkoffer trägt, um seine Garderobe, seine Frisur, einfach um alles. Es war ein Gespräch über die Figur, aber es ging auch darum, welche Musik er hört. In diesem Fall war es wichtig, dass er Musik aus der Perspektive der Figur hörte."

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Während Burnett bei anderen Filmen Schauspieler*innen wie Musiker*innen erscheinen lassen musste, hatte er hier jemanden, der beides war. "Oscar musste ich nicht mehr sagen, wie er Gitarre spielen sollte; das hatte er schon drauf. Wir haben nur ein paar Dinge geändert, wie er seine Gitarre behandelte zum Beispiel und was sie für ihn bedeutete. Und wir haben darüber gesprochen, wie man auftritt. Es gibt einen großen Unterschied dazwischen, sich selbst zu präsentieren, wie es Musiker tun, und sich selbst zurückzunehmen, während man eine ganz andere Figur darstellt, wie es Schauspieler tun müssen. Nur sehr wenige Menschen können diese Kluft überwinden, und in diesem Film haben wir zwei, die das geschafft haben: Oscar und Justin Timberlake."

Wenn man sich Inside Llewyn Davis und O Brother, Where Art Thou? heute noch einmal anschaut, merkt man nicht nur, dass diese Filme eine zeitlose Qualität haben. Man spürt auch die Liebe zur Musik, die diese so unterschiedlichen Geschichten trägt. Und man hat die darin gespielten Lieder noch lange im Ohr – mit den Szenen, die sie tragen.

Beide Filme gibt es ab sofort bei ARTHAUS+. Hier geht's zum Channel bei Amazon und hier gibt's alle Infos zur ARTHAUS+ App.

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