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Blood Simple und Inside Llewyn Davis: Zeitreisen mit den Coens

Joel und Ethan Coen stehen seit Jahrzehnten für Hollywood-Kino auf höchstem Niveau. Im Oktober erscheinen ihr erster und ihr 16. Film 4K-restauriert!

09. September 2026

Joel und Ethan Coen legten 1984 mit Blood Simple das Fundament für ihre gemeinsame Karriere in Hollywood. Wie es für das Wirken der Coens charakteristisch werden sollte, orientieren sie sich bei der Handlung an bekannten Genre-Mustern – in diesem Fall des Film noir – und hinterlassen zugleich ihre Signatur am Tatort. Dank der Raffinesse der beiden kann einen der Plot immer wieder überraschen, das Skript führt um so manche Ecke, was sich in der Inszenierung des denkwürdigen Showdowns bildlich niederschlägt. Blood Simple ist Schrecken ohne Ende und Ende mit Schrecken in einem. Während die Welt sich durch die letzte Dekade des Kalten Krieges müht, der so vielen Menschen das Leben gekostet hat, dass man die Opfer nicht mehr zählen kann, zählen in diesem Krimi-Szenario im Herzen von Texas jeder Blutstropfen und jede Kugel. Die Schicksale der handelnden Personen erscheinen so groß wie unter einem Mikroskop.

Es geht um Liebe, Macht, Geld. Abby und Ray haben eine Affäre, Abbys gehörnter Ehemann kommt ihnen auf die Schliche, indem er einen Privatdetektiv engagiert. Die junge Frances McDormand verleiht der Femme Fatale reinen Charakter, der schmierige Schnüffler wird vom profilierten Nebendarsteller M. Emmet Walsh verkörpert. Die Private Eyes in solchen Noir-Geschichten sind ja immer recht zwielichtige Typen. Viele von ihnen waren zunächst damit beschäftigt, streikende Arbeiter im Auftrag von Firmenbossen und Fabrikbetreibern zurück an ihren Arbeitsplatz zu prügeln. Die Ära der Prohibition von 1920 bis 1933 eröffnete ihnen neue Möglichkeiten. Denn jene Orte, an denen verbotenerweise Alkohol ausgeschenkt wurde, gerieten zu Brandherden des um sich greifenden Misstrauens. Als Privatdetektive waren die ehemaligen Streikbrecher nun damit beschäftigt, treulosen Gattinnen und Gatten hinterher zu spionieren.

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Dieser historische Background ist tief in die komplexe Struktur von Blood Simple verwoben. Insofern agieren die Coens selbst mit krimineller Energie: Sie graben tief im Wirklichen und bearbeiten die Oberfläche ihrer Fiktion so lange, bis man keine allzu offensichtlichen Anzeichen eines blutigen Subtexts mehr erkennen kann. Nichts, was die Story und ihre Ablenkungsmanöver durch Referenzen an Zombie-Filme, B-Movies oder Western mit einem politischen Kontext verknüpft, von ein paar deutlichen Anspielungen auf Zusammenhänge zwischen Kapitalismus, Rassismus und Sexismus mal abgesehen. Die Coens liefern Unterhaltungsfilme, keine filmischen Manifeste. Dabei zeigen sie ein Faible für aus dem Ruder laufende Morde und Entführungen sowie kurioserweise für Schreibtischszenen. Alles wiederkehrende Motive in ihren Filmen. Aber ganz nebenbei rühren sie stets am Wesen dessen, was wir als das wahre Leben bezeichnen.

Inside Llewyn Davis

Als Musikfan hadert man oft mit Spielfilmen, die von der Musik erzählen wollen. Man quält sich durch glattgebügelte Biopics, die dank der Erbinnen und Rechteverwalter jegliche Abgründe in den Biografien beschönigen. Man windet sich bei nachgestellten Szenen ikonischer Konzerte, die am Ende oft wie sündhaft teureres Cosplay wirken. Man wendet sich genervt ab, wenn der gefeierte Jungschauspieler bei seiner Promotour den großen Musiker ein wenig zu sehr fühlt, den er da so mittelgut verkörpert hat. Man ärgert sich, wenn ein schäbiger, wilder, subkultureller Ort in einem Film plötzlich wie die Hollywood-Kulisse wirkt, die er ist. Vielleicht verlässt man gar das Kino, wenn ein Film die Musikszene, die er abbilden will, so gar nicht verstanden hat.

Inside Llewyn Davis von den Coen Brothers war da von Anfang an anders. Wer das Glück hatte, ihn 2013 im Kino zu sehen, war wie elektrisiert von diesem herrlich miesgelaunten, lakonischen, atmosphärischen Film, der zwar keinen durchweg sympathischen Main Character hat, aber ein tiefes Verständnis für die Essenz der Musik und der Zeit, die er uns nahebringen will. Es gibt viele Szenen, an denen man das festmachen kann, aber sind vor allem jene, in denen die Musik spielt – denn die ist das Herz dieses Films. Zum Beispiel ungefähr in der 68. Filmminute, als der von Oscar Isaac gespielte Folk-Songwriter Llewyn Davis in einem leeren Club in Chicago sitzt. Davis ist extra vom New Yorker Greenwich Village ins "The Gate of Horn" gereist, das dem Musikimpressario Albert Grossman gehörte, der im Film Bud Grossman heißt. Der echte Grossman gründete einst mit seinem Partner des Newport Folk Festival und hatte als Manager später zum Beispiel Bob Dylan, Janis Joplin oder The Band unter Vertrag. Kurz: Im realen Leben und im Film ist Grossman der Mann, den man als Folksänger überzeugen muss.

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Llewyn Davis bekommt diese Chance und sitzt nun auf einem leeren Metallstuhl vor der Bühne. Grossman platziert sich ihm gegenüber, fast Knie an Knie. Nur das müde Sonnenlicht eines Wintertages erleuchtet die Szene. Davis packt seine Gitarre aus, stimmt sie, beugt sich über sein Instrument, wiegt sich sanft zu den ersten Akkorden und singt schließlich den uralten, todtraurigen Folksong "The Death of Queen Jane". Es ist eine intime, erhabene, hypnotische, ergreifende, zu Tränen rührende Performance – die Grossman mit folgenden Worten kommentiert: "Ich sehe da nicht viel Geld." Was man im Film allerdings sieht: Dass Grossman gerührt ist. Dass Davis in dem Moment, in dem er von seiner Gitarre aufblickt, realisiert, was für eine dumme Idee es war, hier den melancholischen Trauerkloß zu geben, der unverkäufliche Ballade singt. Aber er kann halt nicht aus seiner Haut: Die letzten Tage waren für ihn – und genau das zeigt Inside Llewyn Davis – nicht seine Besten. Er hat diese Traurigkeit gefü hlt. Sie musste raus. Und auch wenn es ein schwacher Trost ist: Llewyn Davis hat hier eine Chance verloren. Aber nicht seine Würde.

Joel und Ethan Coen fanden die Inspiration für ihren 16. gemeinsamen Spielfilm in der Autobiografie "The Mayor of Macdougal Street" von Dave Van Ronk und Elijah Wald. Der von 1936 bis 2002 lebende Songwriter gilt als Schlüsselfigur des Folk Revivals der 60er und war einer der ersten, die im jungen Bob Dylan etwas Besonderes sahen. Viele nannten Van Ronk damals als eine der "most quotable figures" im Greenwich Village. Seine Autobiografie entstand nach zahlreichen Gesprächen und Listening Sessions in seiner Wohnung mit dem Autoren Elijah Wald und wurde erst nach seinem Tod fertiggestellt.

WF

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