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Die ersten 20 Minuten von Naked Lunch (und was wir darin über krabbelnde Metaphern lernen)

Der ARTHAUS-Liveticker schaut sich Meisterwerke ganz genau an. Diesmal David Cronenbergs William Burroughs-Verfilmung, die vor 30 Jahren in die Kinos kam.

02. Februar 2021

01. Minute

Kennen Sie Saul Bass? An dessen grafische Arbeiten für Filme wie Anatomie eines Mörders sollen die Farben und Formen des Vorspanns erinnern.

02. Minute

Zugegeben, die Eröffnungscredits laufen so lang, dass wir das mal eben in den Extras – mit Audiokommentar von Regisseur David Cronenberg – recherchiert haben. Der sagt, er wollte uns damit 1991 flugs in 1950er-Jahre-Stimmung versetzen.

03. Minute

Cronenbergs Trick funktioniert. Wir sind vom Feeling her in den Fifties. Und dank des Free-Jazz-Scores (unter anderem mit Stücken von Ornette Coleman) schon nah dran an der literarischen Welt des William Burroughs. Die wir nun durch eine rote Tür betreten.

04. Minute

Bedeutet Rot nicht stets Gefahr? Zum Glück sind wir nicht bei David Lynch. Obwohl… In diesem Fall heißt es: Achtung, Wanzen! Triggerwarnung für Blattophobiker – also Menschen mit Angst vor Kakerlaken: Dieser Film ist eine Mutprobe. Da geht Kammerjäger William "Bill" Lee auch schon das Gift aus. Kann ja (h)eiter werden.

05. Minute

Bills Chef ist ein giftiger Choleriker. Soweit der beißende Realismus von Naked Lunch. Aber im Smalltalk mit den Literatenkumpels wirken die Probleme des Mannes, dem der Stoff ausgeht, schon verdammt bildhaft. Keine Tinte mehr und keine Ideen? Könnten die Schaben bloß krabbelnde Metaphern sein?

Typisch Burroughs: Schreiben wie im Rausch © Studiocanal

Typisch Burroughs: Schreiben wie im Rausch © Studiocanal

06. Minute

Das alles kommt uns doch bekannt vor. Kurzer Exkurs zum Buchregal: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Ja, so war das damals in der Schule. Also bei der Lektüre von "Die Verwandlung" im Deutschunterricht natürlich.

07. Minute

Kammerjäger Bill, der mit zehn Jahren aufgehört hat zu schreiben, weil es ihm zu gefährlich war, kommt jetzt nach Hause. Wo seine Frau Joan sich gerade eine Spritze setzt – statt Kafka zu lesen. Bill nimmt uns die Worte aus dem Mund: "Mein Gott, was machst du da?"

08. Minute

Und sie kühl: "Ich spritze mir dein Wanzenpulver. Willst du es nicht auch mal versuchen?" Die spielen das perfekt, Peter Weller und Judy Davis. Ein Paar, das alles von einander weiß und doch noch Geheimnisse voreinander hat. Irgendwie beneidenswert.

09. Minute

Bill setzt sich einen Schuss. "Es ist ein Kafka-Rausch. Du glaubst ein Käfer zu sein." So macht sie es ihm schmackhaft. Lesen hat ja noch nie geschadet. Haben wir das nicht auch in der Schule gelernt?

10. Minute

Auf zu Expertenrunde und Kammerjägerlatein. So eine Art literarisches Quartett, das die Wirkung verschiedener Wanzenpulver diskutiert. Das sind irgendwie total kaputte Figuren, denen wir da zuhören dürfen. Also wirklich wie Fernsehen.

Typisch Cronenberg: Kafkaesker Body-Horror © Studiocanal

Typisch Cronenberg: Kafkaesker Body-Horror © Studiocanal

11. Minute

Ups, die Polizei ist auch da. Hat ihre Ohren überall – Wanzen? – und Sinn für Metaphern. Bill muss mit aufs Revier und kriegt seine Junkie-Vergangenheit vorgehalten. Vergangenheit? Er dürfte noch ziemlich high sein vom Pülverchen eben.

12. Minute

Gut dass die Polizisten eine lebende Schabe zur Hand haben. So kann Bill beweisen, dass er das gelbe Zeug eigentlich nur für den Job als Kammerjäger braucht.

13. Minute

Das Insekt ist allerdings verdammt groß. Sagen wir so groß wie Bills Schuldbewusstsein. Riesig wie seine Sehnsucht nach Liebe. Gigantisch wie sein Gewaltpotenzial. Und es kann sprechen. Kafka hat wenig Freud gelesen. Aber Burroughs Kafka. Und Cronenberg kennt sie alle auswendig. Von wegen noir. Das ist finsterer als die Nacht – und doch erhellend.

14. Minute

Ha! Die sprechende Kafka-lake ist ein Agent! Natürlich MUSS man dieses Meisterwerk von vorne bis hinten gesehen haben, um das vollkommen zu verstehen. Aber…

15. Minute

… wer es als Kind nicht mochte, einen kratzigen Wollpullover über frisch eingecremte Wangen gezogen zu bekommen, wird die Matsche-Szene mit Schuh und Getier auch nicht mögen. Just saying. Denken Sie daran: alles nur krabbelnde Metaphern.

Typisch Bill: Nicht euphorisch mit Worten © Studiocanal

Typisch Bill: Nicht euphorisch mit Worten © Studiocanal

16. Minute

Joan braucht keine Schuhe. Sie kann Kakerlaken mit ihrem Atemhauch erledigen. Femme fatale, aber hallo!

17. Minute

Der folgende Streit ist dagegen eher banal. Sie aufgeregt: "Hast du das Wanzenpulver für morgen mitgebracht? HAST DU?" Er genervt: "Mein Gott, Joan!" Typischer Fall von "Vergessen den Einkaufszettel mitzunehmen und nicht selbstkritisch genug, den Fehler einzugestehen"? Hm, für eine Paartherapie ist es ja nie zu spät.

18. Minute

"Reibst du mir ein bisschen Pulver auf die Lippen?" Ah, das Versöhnungsritual! Die wissen sich schon selbst zu helfen, die Turteltauben.

19. Minute

Kurzer Plausch zwischen Bill und seinem Kollegen in der U-Bahn. Beide auf dem Weg zur Arbeit. Unser Held sieht schlecht aus, kalter Schweiß auf der Stirn. Kein Wunder, die Realitätsebenen in Naked Lunch sind fürs Publikum ein Genuss – doch für ihn echt kein Zuckerschlecken.

20. Minute

Bills Kollege rät ihm, einen gewissen Dr. Benway zu konsultieren. Da wir bei Cronenberg in Behandlung sind… gehen wir doch einfach mit! Statt Wanzenpulver gönnen wir uns aber lieber eine Handvoll Popcorn für den Weg. Es dürfte unterhaltsam werden.

WF

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