Kennen Sie den schon? Cartouche, der Bandit mit Jean-Paul Belmondo

Wenn Sie denken, dass Sie schon alles gesehen haben: Unsere Reihe mit verhinderten Kinoklassikern und vergessenen Filmschätzen. Diesmal: Der französische Robin Hood

Filmgeschichten 26. November 2019

Zwischen Godards Außer Atem von 1960 und Philippe de Brocas Cartouche, der Bandit – jeweils mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle – liegen nur zwei Jahre. Allerdings umfasst dieselbe Zeitpanne dreizehn weitere Filme mit Belmondo. Da ist es eigentlich kaum verwunderlich, dass der turbulente Abenteuerfilm etwas unter dem Radar geblieben ist. Hinzu kommt noch, dass Jean-Paul Belmondo regelmäßig mit den führenden Regisseuren der Nouvelle Vague zusammenarbeitete, und diese Klassiker der 1960er und 1970er-Jahre seine Vita heute überstrahlen. Was soll dagegen schon an einem Mantel- und Degenspaß für verregnete Sonntagnachmittage dran sein, der übrigens 1967 als erster Farbfilm im deutschen Fernsehen lief? Na, es ist vor allem Belmondo selbst, der den Reiz der Sache ausmacht. Schließlich ist der französische Robin Hood Cartouche eine echte Paraderolle für den Typen mit dem ewigen Charme des Schlitzohrs und Draufgängers.

Was ist schon ein Z wie Zorro gegen das C wie Cartouche?

Louis-Dominique Bourguignon bestiehlt prinzipiell nur die Reichen. Im Vorbeigehen luchst er den wohlhabenden Bürger*innen in den Gassen von Paris im 18. Jahrhundert Broschen, Perlenketten und prall gefüllte Geldsäckchen ab – ohne Gewalt anzuwenden. Natürlich wirft er stets ein Auge auf die Damen der Schöpfung. Unter seinem Blick schmilzt scheinbar sogar die Frau des Polizeipräfekten dahin. Doch bevor er sie wiedersieht, zieht der Bandit in den Krieg, stiehlt die Regimentskasse und zettelt eine Wirtshausschlägerei an – alles, weil er gegen seinen "Chef" Malichot rebellierte, der als Oberhaupt der Pariser Räuberbande einen Großteil der Beute für sich behält und seinen Führungsanspruch mit der Peitsche festigt. Die bekommt später auch die Diebin Vénus (Claudia Cardinale) zu spüren, die Bourguignon im Wirtshaus noch aus den Fängen der Gendarmen befreit hatte und die er bei seiner Rückkehr in Malichots Versteck dort wieder in Ketten vorfindet, weil Malichot als herrschsüchtiger Kerl auch sie für sich beansprucht.

Apropos C: Claudia Cardinale

Nach Vénus’ Befreiung und der Meuterei gegen Malichot geht der Held unter dem nom de guerre Cartouche samt seiner Gefolgsleute auf groß angelegte Beutezüge gegen die Privilegierten, verschmäht jedoch auf verhängnisvolle Weise Vénus’ Gefühle. Stattdessen macht er sich an die Eroberung von Isabelle, der Frau des Polizeipräfekten. Im Lauf dieser Verstrickungen werden fliegende Hähnchen von Degenspitzen aufgespießt, Kontrahenten mit Hammerschlägen in den Schlaf befördert – und das Militär wird durchgängig karnevalesk verballhornt. Solche Albernheiten tun dem Spaß keinen Abbruch – ganz im Gegenteil will man in einem Mantel- und Degenfilm der 1960er-Jahre auf diese Ingredenzien nicht verzichten. Und genießt sie umso mehr, als im Zentrum der Geschichte die zeitlose Auflehnung gegen Ungerechtigkeiten steht. Dazu ein Jean-Paul Belmondo mit gezücktem Degen, viel Augenzwinkern, einer Menge schlauer Tricks auf Lager sowie eine vor Elan und Anziehungskraft sprühende Claudia Cardinale – natürlich beide mit dem Herz am rechten Fleck.

En garde!

WF

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