Sydney Pollack und die Liebe: Aus Prinzip tragisch

Der Polit-Thriller Die Dolmetscherin war der letzte Spielfilm, den der 2008 verstorbene Regisseur Sydney Pollack verwirklichte. Neben raffinierter Inszenierung und immenser Spannung offenbart er eine leise Erkenntnis.

Filmgeschichten 12. September 2019

Es geht um Stimmen – sowohl in Sydney Pollacks Regiedebüt Stimme am Telefon als auch in seinem letzten Spielfilm Die Dolmetscherin aus dem Jahr 2005. Typischerweise handelt es sich in den 40 Jahre auseinanderliegenden Produktionen jeweils um Thriller, in denen zwischenmenschliche Beziehungen zu fatalen Verwicklungen führen. Pollack mag durch den frühen Tod seiner Mutter – sie starb als er 16 Jahre alt war – ein gebranntes Kind in Sachen Trennung gewesen sein, doch mit oberflächlicher Westentaschenpsychologie sollte man seine Liebesgeschichten und Beziehungsdramen besser nicht analysieren. Sie offenbaren dieselbe Tiefe, die auch Pollacks Beschäftigung mit den politischen Verhältnissen auszeichnete – den Möglichkeiten der Kunst, die Welt zu kritisieren oder gar zu ändern. Letztlich brachten ihm seine gesammelten Erfahrungen die optimistische Erkenntnis, dass es nicht unmöglich sei, gute Mainstreamfilme zu machen. Wir übersetzen mal: Filme, die vielen Menschen etwas bedeuten und deshalb viel erreichen könnten.

Nicole Kidman spitzt als Dolmetscherin die Ohren. Wieviel weiß sie wirklich?

Den größten Erfolg feierte Pollack verdientermaßen mit einem melancholischen Blockbuster, der wohl alles in sich vereinte, wofür der 1934 in Lafayette, Indiana geborene und 2008 in Los Angeles gestorbene Sohn jüdischer Migranten aus Russland sich interessierte. 1985 – zeitlich genau zwischen dem ersten und letzten Atemhauch seines fiktionalen Gesamtwerks, so als folgte er einer fein austarierten Inszenierung des Schicksals – brachte er Jenseits von Afrika auf die Leinwand. Diese grandiosen 160 Minuten wurden mit den Oscars für den besten Film und die beste Regie prämiert. Die monumentale Erzählung bestach durch ästhetische Bildsprache, mitreißende Struktur, hervorragende Darsteller*innen. Alles vor dem Hintergrund einer entsetzlichen Kolonialgeschichte. Mit anderen Worten: Kenia, das Empire, die erstaunliche Vita der echten Karen Blixen, Meryl Streep – und natürlich Robert Redford. Redford hatte Pollack in seiner ersten Rolle als Schauspieler kennengelernt, 1962 schmückten sie beide den Cast des Kriegsfilms Hinter feindlichen Linien. Seitdem pflegte Pollack eine innige Freundschaft zu Redford, der in mehreren seiner Filme eine der Hauptrollen übernahm. Er war dafür auch wie geschaffen. Es lässt sich nämlich feststellen, dass Pollacks Figuren stets bestimmten Typen entsprechen.

Nicole Kidman und Sean Penn als unmögliches Paar

In Die Dolmetscherin ist Sean Penn dieser Redford-Typ, Nicole Kidman erscheint den Sydney Pollack-Kennern als Meryl Streep oder Barbra Streisand. 1973 spielten Redford und Streisand Seite an Seite in Pollacks So wie wir waren. Erinnern wir uns noch mal kurz an die stark politisierte Love-Story einer jungen Kommunistin und eines bürgerlichen Schriftstellers im Hollywood während der McCarthy-Ära. Eine Handlung voller leidenschaftlicher Augenblicke, die nur in einem Happy-End mündet, wenn man die Unabhängigkeit der Verliebten als glücklichen Ausgang der Geschichte betrachtet. Solche eigenwilligen Persönlichkeiten wie dieses ungleiche Paar können nicht ohne, aber sie können auch nicht miteinander leben – zumindest wenn sie ihren Idealen treu bleiben möchten. Ihre Stärke ist somit gleichzeitig ihr Verhängnis. Die Dolmetscherin ist nur ein jüngeres Beispiel dafür. Soll heißen: Pollacks Verständnis von Liebe ist ohne Verbrennungen unvorstellbar, egal ob sie im wahren Leben oder einem beliebigen Filmgenre entflammt. Er ist sich eben auch treu geblieben, sonst würde es ja keinen Sinn ergeben.

Faye Dunaway und Robert Redford in "Die drei Tage des Condor"

Sydney Pollack hat sich allerdings auf diversen filmischen Terrains ausgetobt, wurde 1982 wegen der Komödie Tootsie mit Dustin Hoffman gefeiert. Bereits 1975 inszenierte er einen waschechten Polit-Thriller, Die drei Tage des Condor. Im Mittelpunkt Faye Dunaway und klar, Robert Redford. Die Dolmetscherin legte drei Jahre vor seinem Tod noch mal sowohl Pollacks raffinierte Erzählkunst in diesem Genre als auch sein waches politisches Bewusstsein frei – kombiniert mit einer unterschwelligen Romanze, für die es in keiner Sekunde des durchweg spannenden Films die Hoffnung auf Erfüllung gibt, und die in ihrer Wahrhaftigkeit für ihn vermutlich kaum zu überbieten war. Mit dem postkolonialen Afrika kehrt zudem ein düsteres Gespenst des von Pollack einst in Hochglanzbildern gezeichneten Imperialismus in die eigene Filmwelt zurück: Die Dolmetscherin arbeitet für die UN, durch einen Zufall erfährt sie über Kopfhörer von einem geplanten Attentat auf einen afrikanischen Despoten, das Sean Penn in seiner Rolle verhindern soll. Die Dolmetscherin und er haben einiges zu verarbeiten und arbeiten sich gleichzeitig aneinander ab. Love will tear us apart? Das müssen wir so verstehen: Sie reißt nicht Liebespärchen auseinander sondern zerfetzt alle Liebenden einzeln für sich.

Pollacks Verständnis von Liebe ist ohne Verbrennungen unvorstellbar, egal ob sie im wahren Leben oder einem beliebigen Filmgenre entflammt.

Aber das Motiv der unmöglichen Vereinbarkeit von Gegensätzen scheint für Sydney Pollack weder auf die Leidenschaften zweier Menschen füreinander noch auf innere Konflikte von Individuen beschränkt gewesen zu sein – ein roter Faden, der auch in den Dokumentarfilmen erkennbar ist, wie im Spätwerk Sketches of Frank Gehry über seinen Freund, den weltberühmten Architekten. Nein, dieses Motiv, unterschiedliche Perspektiven nie zu einer gemeinsamen modellieren zu können, durchzieht in seinen Augen ganze gesellschaftliche Zusammenhänge. Deshalb stehen Pollacks Figuren für Positionen – und sind zugleich "richtige" Menschen. Verzweifelte. Zum Verzweifeln. Am Ende mag es Teilen des Filmpublikums schwer fallen, Zeugen ihres Abschieds voneinander zu werden. Doch man leidet vielleicht auch, weil man ihnen selbst Adieu sagen muss, bevor der Abspann läuft. Gut, dass wir Filme immer wieder gucken können. Es ist wohl der größte Unterschied zwischen ihnen und der Realität. Schon möglich, dass Sydney Pollack so gedacht hat. Einer Erkenntnis aus Die Dolmetscherin folgend, ist die Wahrheit gut zu verstehen, wenn man sie mit leiser Stimme formuliert – etwa mit der Überzeugung desjenigen, der auf der Suche und längst nicht am Ziel ist. Die Untertöne in Pollacks spektakulärem Lebenswerk sprechen dafür. Wer aufmerksam zuhört, wird reich belohnt.

WF

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