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Der geheime Garten und die Frau, die ihn entdeckte

Die Neuverfilmung des bekannten Jugendbuches unter Regie von Marc Munden nach einem Drehbuch von Jack Thorne ist ein gelungenes Update einer universellen Geschichte – und sie lädt ein, den Blick auf das Werk einer faszinierenden Autorin zu werfen: Frances Hodgson Burnett, die nicht nur "Der geheime Garten" sondern auch "Der kleine Lord" und zahlreiche weitere, bisweilen sehr dunkle Geschichten schrieb.

Filmgeschichten 18. Februar 2021

Es ist eine äußerst erhellende Erfahrung, die Bücher, die man in seiner frühen Jugend liebte, als Erwachsener noch einmal zu lesen. Wobei das Wort "erhellend" die Sache nicht wirklich trifft – denn im Grunde ist das Gegenteil der Fall. Der Effekt ist eher "verdunkelnd". Wer sich zum Beispiel im Kino wunderte, warum Harry Potter und der Halblutprinz so verdammt düster war, wird sich nach einem genauen Blick ins Buch erinnern, dass die Story im eigenen Kopfkino, damals mit 15, vielleicht gar noch schwärzer war. Gleiches gilt für die Romanreihe "Der Goldene Kompass" von Philip Pullman, die im englischen viel passender "His Dark Materials" heißt. Was da in drei Büchern über das Leben, den Tod, die suspekte Institution Kirche, den vermeintlich Allmächtigen und vor allem die Einsamkeit verhandelt wird, alter Falter! Zum Glück wussten vermutlich viele Eltern nicht, was sie ihren Kindern damals zu Weihnachten geschenkt haben.

Damit sind wir dann schnell bei Frances Hodgson Burnett – eine der faszinierendsten, dunkelsten, gefühlvollsten Autorinnen des letzten Jahrhunderts. Deutsche TV-Nostalgiker werden bei diesem Namen vermutlich zuerst an Burnetts Buch "Der kleine Lord" von 1885 denken. Die Verfilmung von 1980 mit Ricky Schroder als der kleine, blonde Lord Cedric und Alec Guinness als dessen blaublütiger, verbitterter Großvater gilt seit Jahrzehnten als "Weihnachtsklassiker". In der Literaturgeschichte landet man bei Hodgson Burnett jedoch zuerst bei ihrem bekanntesten Buch "Der geheime Garten", das 1911 erschien und seit einer ersten Stummfilm-Version von 1911 fast ein dutzend Mal verfilmt wurde – mal als Serie, mal als Fortsetzung der Buchvorlage, einmal 1991 gar als japanische Animationsserie und nun eben so:

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Frances Hodgson Burnett lebte von 1849 bis 1924, wurde in Manchester geboren und starb in ihrer späteren Heimat Plandome auf Long Island in New York. Wer ihrem literarischen Erbe mal direkt entgegentreten will, findet im New Yorker Central Park (103rd Street, zur Ostseite) einen wunderschönen Brunnen, der die beiden Hauptcharaktere von Der geheime Garten zeigt – Mary und Dickon.

Das Leben der jungen Frances wurde schon früh von harten Schicksalsschlägen erfasst: Als sie drei Jahre alt war, starb ihr Vater, was ihre Familie auch finanziell in schwierige Zeiten brachte. Als Frances im Teenager-Alter war, immigrierte die Familie 1865 nach Amerika. Frances schrieb schon mit 19 zahlreiche Kurzgeschichten und bot diese diversen Magazinen an – eine Produktivität, die auch der Not geschuldet war, denn die Einnahmen der jugendlichen Frances machten einen beträchtlichen Teil der schmalen Haushaltskasse aus. Frances Mutter starb 1870, drei Jahre später heiratete Frances den Arzt Swan Burnett und bekam ihren ersten Sohn. Frances Hodgson Burnett erster Roman "That Lass o'Lowries" erschien 1877, der Durchbruch kam schließlich gut zehn Jahre später mit "Der kleine Lord" (1886). Als sie Anfang des 20. Jahrhunderts an Der geheime Garten schrieb, lebte Frances Hodgson Burnett für einige Jahre wieder in England, im Country House Maytham Hall in Kent. Der nahe gelegene Buile Hill Park gilt als Inspiration für den Roman.

Frances Hodgson Burnett, Teil einer Fotografie Herbert Rose Barraud (1845-1896) © Public Domain

Frances Hodgson Burnett, Teil einer Fotografie Herbert Rose Barraud (1845-1896) © Public Domain

Der geheime Garten ist wie viele ihrer Romane zunächst eine Erzählung von Einsamkeit, Depression und dem Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Aber sie ist auch eine Erzählung von Empathie, Freundschaft, der Kraft der Natur, der Veränderung – und der einer emotional zerschlagenen Familie, die langsam wieder zusammenfindet. Im Zentrum der Geschichte steht die junge Mary, die ungeliebt in Indien aufwuchs und nun bei der Familie ihrer Tante in England im Landhaus Misselthwaite Manor leben soll. Aber ihre Tante ist inzwischen verstorben. Ihr Onkel Archibald ist depressiv, griesgrämig und hält seinen kranken Sohn Colin quasi im Haus gefangen. Mary freundet sich langsam mit der Haushälterin Martha an, erfährt von ihr schließlich von dem verwilderten Garten, lernt Marthas Bruder Dickon kennen und erkundet mit ihm fortan diesen mystischen Ort, der schließlich mit seinem heilenden Wildwuchs auch das Leben von Archibald und Colin heilt.

Mary (Dixie Egerickx), Colin (Edan Hayhurst) und Dickon (Amir Wilson) genießen ihren Lieblingsplatz im geheimen Garten. © Studiocanal GmbH

Mary (Dixie Egerickx), Colin (Edan Hayhurst) und Dickon (Amir Wilson) genießen ihren Lieblingsplatz im geheimen Garten. © Studiocanal GmbH

Ein tröstliches Werk also – aber, und damit wären wir wieder bei der Einstiegsthese, ebenso eines voller Einsamkeit und Dunkelheit, die es zu überwinden gilt. Das spürt man schon in den ersten Sätzen des Buches, in denen Frances Hodgson Burnett uns mit ihrer Mary so bekannt macht: "Als Mary Lennox nach Misselthwaite Manor geschickt wurde, um dort bei ihrem Onkel zu leben, sagten die Leute, sie hätten noch nie ein Kind gesehen, das so unsympathisch aussah. Und das stimmte auch. Mary war klein und schmächtig, ihr Gesicht war klein und schmal, sie hatte helles, dünnes Haar und sie blickte griesgrämig drein. Ihre Haare und ihr Gesicht waren ganz fahl, sie war in Indien zur Welt gekommen und immer kränklich gewesen. Ihr Vater hatte für die englische Regierung gearbeitet und war nicht nur sehr beschäftigt, sondern ebenfalls dauernd krank gewesen, und ihre Mutter war eine wunderschöne Frau gewesen, die nicht anderes im Sinn hatte, als auf Bälle zu gehen und sich im Kreise ausgelassener Leute zu amüsieren. Sie hatte nie ein kleines Mädchen gewollt, und als Mary auf der Welt war, gab sie sie in Obhut einer Ayah, eines Kindermädchens, der sie einschärfte, wenn sie es der gnädigen Frau recht machen wolle, müsse sie ihr das Kind so gut es geht vom Leib halten." Man ahnt es schon nach diesem Absatz – bis zum Happy End ist es ein weiter, dunkler Weg.

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Der neue Film von Marc Munden hat nicht zuletzt dank der Mary-Darstellerin Dixie Egerickx die Kraft, eine neue Generation von Leser*innen für den Roman zu gewinnen. Auch Drehbuchautor Jack Thorne ist eine gute Wahl, wenn es um Roman-Adaptionen geht. Der Brite, der für Serien wie Skins und Shameless schrieb, beweist nämlich gerade an anderer Stelle sein großes Herz für große Jugendbücher: Er ist Autor und Executive Producer der wundervollen HBO-Serie His Dark Materials, die es endlich schafft, Philip Pullmans "Der goldene Kompass"-Trilogie visuell und menschlich überzeugend im Fernsehen zu erzählen. Thorne hatte sicher Anteil daran, dass die Effekte von Der geheime Garten von der britischen Firma Framestore stammen, die auch bei "His Dark Materials" an Bord ist. Framestore setzt dabei auf moderne Technik, verortet die bunten Farb- und Fantasieexplosionen in der zweiten Filmhälfte aber immer sehr nah an der Wirklichkeit und lässt sie quasi aus der realen Welt ein Stück weit hinauswachsen.

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Zuletzt dürfte auch die norwegische Sängerin Aurora helfen, dass man Der geheime Garten wiederentdeckt. Sie hat den wunderschönen Titel-Song geschrieben und uns im Interview erzählt: "Ich liebe das Buch, ich liebe die Geschichte, und mir fiel sofort dieser Song ein, den ich vor langer Zeit geschrieben hatte. Er handelt von einem magischen Garten mit Heilkräften und war tatsächlich von dem Buch inspiriert und von meinem Glauben daran, dass die Natur uns helfen und heilen kann."

Man darf und sollte diesen Text abschließend vor allem als Einladung lesen, das umfangreiche Werk von Frances Hodgson Burnett neu zu entdecken. Vor allem unter den Kurzgeschichten finden sich faszinierend abgründige Erzählungen. Wer dort eintauchen will und entsprechende Englischkenntnisse hat, dem sei vor allem die Website www.franceshodgsonburnett.org empfohlen, die einen Großteil ihrer Arbeit frei zugänglich macht. Als besonders gelungene deutsche Übersetzung von Der geheime Garten empfehlen wir jene von Angelika Beck im Insel Verlag.

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DK

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