Anfang Oktober verbrachte Danny Boyle einige Tage in Zürich. Er war Gast beim Zürich Film Festival (ZFF), das auch seinen Film Ink zeigte, der in Deutschland im Frühjahr 2027 in die Kinos kommt. Boyle ließ es sich nicht nehmen, die Gala-Premiere des Films zu eröffnen. Schon als er geradezu beschwingt auf die Bühne kam, dachte man sich kurz: "Wie, der Typ wird schon 70?"
Tatsächlich: Am Dienstag feiert der Regisseur von unter anderem Trainspotting, Kleine Morde unter Freunden, The Beach, 28 Days Later, Sunshine, Slumdog Millionär, Steve Jobs, T2 Trainspotting, 28 Years Later und Ink Geburtstag. Aber, das zeigte schon der kurze Auftritt in Zürich: Altersmilde oder ein gemütlicheres Tempo sind bei ihm nicht zu erwarten.
Boyle war schon immer ein Regisseur, der Tempo konnte – aber eben nicht nur. Man schaue nur auf einen seiner bekanntesten Filme: Trainspotting. Der beginnt mit den Drums von "Lust For Life", einem flüchtenden Renton, dem ikonischen "Choose Life"-Monolog aus der Romanvorlage von Irvine Welsh. Mehr Tempo geht nicht. Aber dieses tragische, lustige, abgründige, mitreißende Drama hatte eben auch Szenen wie jene, in der Renton nach einer Überdosis beinahe stirbt: Die Kameraperspektive erinnert in diesem Moment an eine Beerdigung, sinkt quasi in den Boden, bevor man mit diesem Grabesblick Renton in den Krankenwagen und ins Hospital begleitet, während sich Boyle die Zeit nimmt, das Tempo zu dimmen und den vielleicht schönsten Einsatz von Lou Reeds "Perfect Day" in der Filmgeschichte zu inszenieren. Wer das damals im Kino sah, kann sich noch immer an diesen kurzen, traurigen Moment der Schwerelosigkeit erinnern.
Gerade zwischen extremen Polen wie diesen spielt sich oft das Boyle’sche Können ab. Das gilt auch für Ink, der die Geschichte der prägenden Jahre des britischen Boulevard-Journalismus erzählt. Im Mittelpunkt stehen der Chefredakteur Larry Lamb (Jack O‘ Connell) und der umstrittene Medienmogul Rupert Murdoch (Guy Pearce), die mit der Zeitung "The Sun" quasi den britischen Journalismus verändern. Oder, wie es ein schwer zu übersetzender Slogan des Films sagt: "They broke the news." Was natürlich meint: Sie waren oft die ersten, die eine News setzten – und sie zertrümmerten das News- und Zeitungsgeschäft, wie man es vorher kannte.
Die Vorlage für Ink ist ein Theaterstück von James Graham, der auch das Drehbuch für Boyles Verfilmung schrieb. Boyles Freude am inszenatorischen Tempo trifft hier also auf riesige Textmengen und Dialoge, die manchmal mehrere Seiten füllen. Im Gespräch vor der Premiere beim Zürich Film Festival zeigt sich kurz die diabolische Freude, die Danny Boyle dabei empfindet, mit 70 noch einmal die britische Medien- und Kinowelt aufzumischen.
Boyle erklärte auf der Bühne zu seinem neuen Film: "Ink hat ein fantastisches, sehr erfolgreiches Theaterstück als Vorlage, aber wir hatten trotzdem große Mühe, das Geld aufzutreiben, um daraus einen Film zu machen." Boyle sagte dann mit einem wissenden Grinsen: "Ich glaube, das lag vielleicht ein bisschen daran, dass wir aus dem Leben von Rupert Murdoch erzählen. Das Theaterstück hat ihm angeblich gefallen, ich glaube nicht, dass er vom Film genauso begeistert sein wird." Später fügte er noch hinzu: "Ach ja, es kann übrigens sein, dass Sie heute eine etwas andere Version sehen, als die, die nächstes Jahr im Kino laufen wird." Es scheint also noch die ein oder andere juristische Auseinandersetzung mit dem noch immer mächtigen Rupert Murdoch zu geben.
Boyle reizte das Thema von Ink vor allem, weil er in der Begegnung zwischen Lamb und Murdoch im Jahr 1969 (und den ersten Jahren des britischen Boulevardblatts "The Sun", die darauf folgten) einen Schlüsselmoment für die Gegenwart sieht. Auf der Bühne des ZFF erklärt er: "Wir schreiben das Jahr 1969 – also das Jahr, in dem wir auf dem Mond landeten. Das Woodstock-Jahr. Das Jahr des ersten Concorde-Flugs. Aber nichts davon ist vergleichbar mit der Begegnung dieser beiden Männer und der Gründung dieser Zeitung. Denn die Auswirkungen auf ihr Leben und auf unser Leben seitdem sind meiner Meinung nach außergewöhnlich."
Chefredakteur Larry Lamb (Jack O‘ Connell) schaut zu, wie die neue Ausgabe der "The Sun" gedruckt wird. © STUDIOCANAL SAS
Danny Boyle findet – und das würden viel unterschreiben: "Lamb, Murdoch und ihr Team haben sozusagen Clickbait erfunden, noch bevor wir ein Wort dafür hatten oder wussten, was es bedeuten wird. Die moderne Aufmerksamkeitsökonomie begann genau dort. Denken Sie mal drüber nach: Der mächtigste Mann der Welt, Donald Trump, lügt jeden Tag und jede Minute. Jemand sagt ihm die Wahrheit, und er behauptet, das sei eine Lüge oder Fake News. Und umgekehrt sagt er, das sei die Wahrheit, obwohl es wahrscheinlich eine Lüge ist. Man fragt sich dabei schnell: Wie sind wir nur so weit gekommen? Und ich glaube, es begann hier im Jahr 1969, als sich diese beiden Männer in einem Restaurant in London trafen." Was Boyle aus dieser Begegnung und ihren Folgen macht, ist als Film tatsächlich zeitgemäßer, als uns lieb ist.
Boyle triggert sein Publikum aber auch aus anderen Gründen. Er macht aus Ink keinen linksliberalen Rant gegen den rechten Murdoch, kein "preaching to the converted", sondern zeigt Murdoch menschlicher als seinen Feinden lieb sein dürfte. Auch der sensationslüsterne, oft überhebliche oder schlichtweg verkokste Lamb ist nicht durchgehend ein slicker Bastard, der auf journalistische Standards scheißt, sondern ein charismatischer Impulsgeber für eine Gruppe von Medien-Outcasts, die hier innovative Wege gehen – und irgendwann mit immensem Erfolg belohnt werden. Vor allem diese Inszenierung als Underdog-Story, auf die selbst Murdoch-Hasser eine Weile reinfallen dürften, ist ein weiterer Beleg, dass Boyle es auch mit 70 seinem Publikum niemals zu leicht machen wird. Obwohl man am Ende natürlich spürt, wie beschissen er diese Entwicklung findet.
Der andere Boyle-Film im ARTHAUS-Sortiment ist Kleine Morde unter Freunden (den man komplett auf dem ARTHAUS-YouTube-Kanal schauen kann): Sein Kinodebüt, nach einem Drehbuch von John Hodge. In einer Hauptrolle: Ein junger Mann namens Ewan McGregor, der später dank Trainspotting in Richtung Hollywood-Karriere katapultiert wird. Die schwarze Komödie beginnt als perfekter WG-Film und gerade, wenn man ganz gerne mit Juliet (Kerry Fox), David (Christopher Eccleston) und Alex (Ewan McGregor) abhängt, die allesamt ebenso fies wie charismatisch sind, dreht Boyle das Boshaftigkeits-Level auf 11.
Schon in diesem Film gibt es diese Szenen, die sich Filmfans noch Jahre später nacherzählen: das WG-Casting ist vielleicht das beste Beispiel dafür. Und auch wenn Boyle bei diesem Film noch übersichtliche finanzielle Mittel hatte ("wir mussten am Ende sogar die Möbel in der Filmwohnung verkaufen, um das letzten Geld zusammenzukratzen"), erkennt man schon hier die Qualität der Boyle’schen Inszenierung und das bereits erwähnte Spiel zwischen Tempo und dialoglastigen und/oder ruhigen Momenten.
Danny Boyle ist bis heute stolz auf Kleine Morde unter Freunden und steht noch immer zu seinem oft zitierten Bonmot: "Ich denke, dein erster Film ist immer dein bester Film." Danach käme man nie wieder diesem Gefühl nahe, nicht zu wissen, was man tut. Dieser Moment sei für ihn "ein wunderbarer Ort." Denn: "Wenn du damit klarkommst und nicht in Panik gerätst, ist das ein unglaubliches Gefühl. Es sind dieses Rätselraten, dieser Ideenreichtum und diese Frische, die man nie wieder hinbekommt." Vielleicht liegt hier der Ursprung von Boyles Freude, das Tempo und die Dramaturgie eines Films mit außergewöhnlichen Idee zu zerschießen. Wer sonst hätte sich schon getraut, in einer Literaturverfilmung eines Aussteigerromans eine Videospiel-Szene einzubauen, wie es Boyle in The Beach getan hat?
Auch wenn ARTHAUS streng genommen gerade nur zwei Boyle-Filme im Sortiment hat – nämlich ab Kinostart im Frühjahr 2027 Ink und Kleine Morde unter Freunden –, schlägt der Regisseur selbst zahlreiche Brücken zu anderen ARTHAUS-Filmen. Boyles bester Beleg für die These, dass der erste Film, den man mache, der beste sei, ist nämlich zum Beispiel: Blood Simple - Eine mörderische Nacht. Weil: "Die Coen-Brüder sind Genies, aber sie haben nie wieder einen so guten Film gedreht wie Blood Simple."
Auch der Regisseur, der Danny Boyle am meisten geprägt hat, findet sich bei ARTHAUS: Nicolas Roeg. Dem Interviewmagazin Galore erklärte Boyle 2013 dazu: "Mich prägten vor allem seine Filme zwischen 1970 und 1983 – Wenn die Gondeln Trauer tragen, Der Mann, der vom Himmel fiel oder auch Eureka, mit dem Roeg seine Karriere im Mainstream beendete. Ich finde Roeg erstaunlich, denn obwohl er im Mainstream drehte, war er ein völlig eigensinniger Bilderstürmer." Eine Aussage, die man so ungefähr auch mal über Danny Boyle gelesen hat.
Weiter schwärmte Boyle über Roeg: "Er hat keinen seiner Filme geschrieben, sondern immer mit Autoren gearbeitet, aber trotzdem kannst du binnen einer Sekunde erkennen: 'Das ist ein Nic Roeg Film.' Der Schnitt seiner Filme ist sehr komplex und so effektvoll, dass er nicht für die breite Masse taugt, aber gleichzeitig setzte er große Stars aus anderen Bereichen ein – David Bowie oder Art Garfunkel – und auf diese Weise gelingt es ihm, die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken."
Auch diesen Absatz könnte man fast 1:1 auf Danny Boyle übertragen.
In diesem Sinne: Alles Gute, Danny Boyle! Wir wünschen uns noch viele Filme von Ihnen.
DK