US-Independent-Filmemacher wie Jim Jarmusch oder Ethan und Joel Coen haben es heutzutage (wir schreiben das Jahr 2013, Anm. d. Red.) schwerer denn je, ihre Projekte zu finanzieren. Breaking Bad-Star Bryan Cranston erklärte 2011 im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen, dass TV-Serien die neuen US-Indie-Filme seien, was Budgets und Inhalte angeht. Aber müssen jetzt gleich kommerzielle Selbstläufer wie die Vampire in Jarmuschs Only Lovers Left Alive oder der Katzeninhalt im neuen Coen-Film Inside Llewyn Davis bemüht werden, um Geldgeber und Publikum anzulocken?
Joel und Ethan Coen gehen über den Scherz mit dem Cat Content, der den Einstieg ins Gespräch in einem Londoner Hotel erleichtern soll, schnell hinweg. Die Katze, die eine der Hauptrollen in Inside Llewyn Davis spielt, habe sich während der gemeinsamen Arbeit am Skript eben in die Geschichte geschlichen, erklären sie.
Kooperation von der Grundidee über die erste Drehbuchzeile bis zur letzten Klappe. Inside Llewyn Davis ist eine Produktion des Auteur-Duos, wie man sie aus 16 abendfüllenden Coen-Spielfilmen seit Blood Simple (1984) gewohnt ist. Die Handlung spielt in der Counter Culture im New York der Sechziger Jahre, und es geht natürlich nicht bloß um eine Katze, sondern um einen Musiker. Inspiriert wurde Inside Llewyn Davis auch nicht von Social Media. Das Drehbuch basiert lose auf den 2005 erschienen Lebenserinnerungen des einstigen Stars der Folkszene in Greenwich Village: Dave Van Ronk. Ethans Kurzporträt des 2002 Verstorbenen, den die Coens zu seinen Lebzeiten nie persönlich getroffen haben, klingt so: "Dave Van Ronk repräsentierte die Szene der Sechziger, bevor Bob Dylan auf der Bildfläche erschien". Das kann man sich leicht merken.
"Tatsächlich haben wir etliche Versuche unternommen, Llewyn Davis mit einem Musiker zu besetzen. Das ist allerdings gescheitert, weil Musiker einfach so miese Schauspieler sind."
Der Titel der 2005 erschienenen Originalausgabe lautet "The Mayor Of Macdougal Street". Der 1936 in Brooklyn, New York geborene Dave Van Ronk hat seine Memoiren nicht allein geschrieben, sondern dem Autor Elijah Wald diktiert. In dem Buch erfährt man weitaus mehr über die Jazz-Szene der 1950er und die Folk- und Bluesszene der Sechziger als im Film.
"Es ist keine Adaption des Buchs", erklärt denn auch Joel Coen. Der um drei Jahre ältere der Brüder schmunzelt angesichts des deutschen Buchtitels "Der König von Greenwich Village". Die frisch übersetzte Ausgabe liegt auf dem Tisch im Londoner Hotel. Auch der Sticker "Die Buchvorlage zum neuen Film der Coen-Brothers" wird kritisch beäugt.
"Wir haben ja schon einige Bücher adaptiert, zuletzt ‚True Grit‘ von Charles Portis, davor ‚No Country For Old Men‘ von Cormack McCarthy. Aber diesmal war das Verhältnis zum Buch radikal anders. Es war nur der Funken, an dem sich eine ganz eigene Story entzündete." Ethan ergänzt: "Niemand würde Llewyn Davis aus unserem Film mit dem wirklichen Dave Van Ronk verwechseln."
Verwechseln? Dazu müsste man auch schon mal von ihm gehört haben. Bekannter sind diejenigen, die als Hintermänner am Filmsoundtrack schraubten: Marcus Mumford und T Bone Burnett, letzterer war schon bei von O Brother, Where Art Thou? mit im Boot.
Davon abgesehen: Über die Musik kommt man der Underground-Ikone Van Ronk schon recht nahe. Neben Dylans "Farewell" ist auch Van Ronks "Green, Green Rocky Road" zu hören. Die Lieder spielen im Film eine ähnlich tragende Rolle wie die Katze oder Oscar Isaac als gebrochener Held. Der aus Drive bekannte Isaac, momentan einer der Shooting-Stars in Hollywood, interpretiert diese Stücke sowie einige von Mumford, Burnett und ihm selbst neu arrangierten Traditionals mit viel Herz. Es gibt zahlreiche Szenen, in denen er singt und sich auf der Gitarre begleitet.
Die Kamera beobachtet ihn dabei so eindringlich, als wollten Ethan und Joel Coen seinem Geheimnis auf die Spur kommen. Wie sind sie gerade auf Oscar Isaac als Llewyn Davis gestoßen? "Wir haben einiges ausprobiert", erklärt Joel Coen. "Tatsächlich haben wir etliche Versuche unternommen, Llewyn Davis mit einem Musiker zu besetzen. Das ist allerdings gescheitert, weil Musiker einfach so miese Schauspieler sind."
Inside Llewyn Davis ist weder ein reiner Film über die New Yorker Künstlerszene im wildesten Jahrzehnt des Kalten Kriegs, noch eine romantisch-nostalgische Sixties-Rückschau. Selbst wenn Kulissen, Atmosphäre und Kostüme das hergeben würden. Die Ausstattung ist wundervoll, um nicht zu sagen: authentisch. Es geht "um die in jenen Jahren heranwachsende Kulturindustrie", so Joel Coen, und noch viel mehr um die Zerrissenheit ihrer Protagonisten.
Eine dauernde Zerreißprobe, der die Coens auch nicht entfliehen können, wie sie zugeben. "Was wir machen, ist schließlich kein Hobby. Filmemachen ist unser Beruf." Wobei sie, so Ethan, das Glück hätten, einen etwas abgeklärteren Blick auf Llewyns Innenleben werfen zu können als er selbst. Und auf das eigene wohl auch.
In Llewyn Davis sieht es so aus: Der Musiker ist ein ehemaliger Arbeiter, war einige Zeit bei der Handelsmarine. Musik ist für ihn womöglich der einzige Weg, seine Gefühle auszudrücken. Vor allem aber ist Musik nach dem Verlassen der Handelsmarine sein Job, den er neuerdings alleine verrichten muss, weil sein Partner gestorben ist. Eine Tatsache, die man seinen Versuchen anmerkt, bei Plattenfirmen unterzukommen. Das gewisse Etwas fehlt. Llewyn Davis‘ erstes Soloalbum verkauft sich schlecht. Warum also sollte er nicht wieder zur See fahren? Gute Frage, auf die man ein paar mögliche Antworten übrigens in Jack Londons großartigem Roman "Martin Eden" findet.
Beinahe selbstverständlich plagen Llewyn Davis zeitlose Probleme: Eine Wohnung kann er sich nicht leisten. Mal nächtigt er bei den Akademikern Mitch und Lillian Gorfein auf der Upper West Side, dann schläft er bei Freunden aus dem Village: Jim Berkey, gespielt von Justin Timberlake, und dessen Frau Jean, in deren Rolle Carey Mulligan zu sehen ist. Zu Beginn des Films schlüpft die Katze der Gorfeins mit Llewyn Davis zur Tür hinaus. Sie begleitet den Musiker quer durch New York bis zu seinem Sofaplatz im Village. Dort erwartet ihn eine Unterhaltung mit Jean. Sie ist schwanger. Aber von wem? Noch so eine gute Frage. Man muss Oscar Isaac ein Kompliment dafür ausstellen, wie er Llewyn Davis` zur Schau gestellten Trotz mit grimmiger Resignation verkörpert. Der zottelige Beatnik-Look steht ihm auch ganz gut. Die Katze ist derweil nicht nur ein roter Faden für die Filmemacher.
Joel und Ethan Coen räumen ein, dass sie durchaus das Unbewusste des Anti-Helden symbolisieren könnte. Deutungssache, aber es passt: Der egozentrische Streuner will sich nicht einsperren lassen, bleibt auf der Flucht und ist doch immer in Llewyn Davis` Nähe. Sogar auf dem Weg nach Chicago begleitet ihn die Katze. Die Handlung entwickelt sich zum Road Movie, als Llewyn Davis dort bei Bud Grossman vorspielt. Bald erfahren wir den Namen der Katze: Odysseus.
Schon einmal haben die Coens der Musik eine ähnliche Bedeutung eingeräumt. Die Blues-gesättigte Südstaaten-Geschichte O Brother, Where Art Thou? war zudem an Homers "Odyssee" angelehnt. Bestimmt kein Zufall.
Ihren ersten größeren Publikums- und Kritikererfolg feierten die Brüder 1991 mit Barton Fink. Damals gewannen sie in Cannes die Goldene Palme für den besten Film. John Turturro, der vor 15 Jahren auch im All-Time-Coen-Klassiker The Big Lebowski als Bowling-Styler Jesus auftrumpfte, spielt darin einen Drehbuchautor, der vom Broadway nach Hollywood kommt. Dieser Barton Fink wird von einer Schreibsperre geplagt, als er das Skript zu einem Genre-Film realisieren soll. Die Szene, in der nun Llewyn anfangs am Schreibtisch im Büro des kleinen New Yorker Plattenlabels Legacy Records sitzt und um seine Bezahlung feilscht, erinnert nicht nur an Barton Fink im Office eines wichtigen Hollywood- Produzenten.
Mächtige Männer hinter Schreibtischen – sie kommen in fast jedem Coen-Film vor. Darauf angesprochen, zucken Joel und Ethan Coen synchron mit den Schultern. Aber nach der Bemerkung, Schreibtische seien für sie vielleicht das, was Türen für den Regisseur Michael Haneke sind, wiewohl Haneke im Interview mit dem Autor dieser Zeilen mal behauptet hat, nicht besonders auf Türen zu achten, weder in seinen Filmen noch im wahren Leben, möchte Ethan Coen wissen, ob der österreichische Kollege beim zitierten Gespräch einen schwarzen Rollkragenpullover getragen habe. - Möglich.
"Ich habe dir doch gesagt", wendet sich Ethan plötzlich an seinen Bruder, "dass er einen ganzen Haufen davon besitzt!" Als hätten die Coens Michael Haneke schon öfter im schwarzen Rollkragenpullover angetroffen und ausgiebig diskutiert, ob es stets ein und derselbe Rolli sei oder ob er eben ganz viele davon im Schrank liegen habe.
Eine wahrhaft brüderliche Szene, die an die schönste Musikszene von Inside Llewyn Davis erinnert, übrigens auch die Lieblingsszene der Coens. Llewyn besucht seinen Vater und spielt einen Song für ihn. Die unerwartete, leichte Regung des apathischen Manns ist das einzige Feedback, mit dem Llewyn Davis wirklich etwas anfangen kann. Auch wenn sich Joel und Ethan Coen nicht als Teil einer Gegenkultur verstehen, die in vielen ihrer Filme mit den Verhältnissen, deren Verwaltern und den eigenen Fehlern zu kämpfen hat, können sich die Brüder wenigstens auf ihre Familienbande verlassen. Llewyn Davis hat nur sich selbst. Und die Katze.
WF