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David Mackenzie: Kein guter Schwimmer

Der schottische Regisseur inszeniert eigenwillige Genre-Filme wie Young Adam und Hallam Foe, deren Metaphern ebenso stark ausgeprägt sind wie die Figuren. Darüber hinaus ist er ein Meister in der Auswahl der Filmmusiken.

07. Juli 2021

Der schottische Regisseur David Mackenzie ist bekannt für seine stilistisch originellen Filme über Außenseitertypen – wie sie Ewan McGregor und Jamie Bell in Young Adam und Hallam Foe verkörpern. In beiden Fällen handelt es sich um Literaturverfilmungen mit einem starken Bezug zur schottischen Heimat des Filmemachers, der außerdem für die Science-Fiction-Geschichte Perfect Sense geschätzt wird und zuletzt das Historiendrama Outlaw King inszenierte. Young Adam aus dem Jahr 2003 basiert auf dem Roman "Wasserläufe" des Beat-Autors Alexander Trocchi, Hallam Foe von 2007 auf Peter Jinks’ gleichnamigen Buch. Trocchis Vorlage zu Young Adam stammt aus den 1950er Jahren, und man darf sie getrost als literarischen Skandal bezeichnen. In der Tradition jener Schmuddelromane, die Autoren damals als Auftragsarbeiten annahmen, ziehen sich so einige Sex-Szenen durch die Handlung. Es geht um Ehebruch, Schlüsselloch-Voyeurismus, irritierende sexuelle Praktiken – und um ein spektakulären Mordfall, dessen Opfer überhaupt erst durch das Gerichtsurteil Gestalt annimmt.

"Young Adam": Schaurig gänseschaurig © Studiocanal

"Young Adam": Schaurig gänseschaurig © Studiocanal

Die vermeintlich einfache Story über den jungen Joe Taylor hat es in sich. Joe verlässt seine Freundin Cathie (Emily Mortimer), um nach China zu gehen, heuert jedoch stattdessen auf einem kleinen Binnenfahrtkahn an. Mit Ella und Les Gault (Tilda Swinton und Peter Mullan) sowie deren Sohn Jim tuckert er über schottische Flüsse und Kanäle. Gleich zu Anfang des Films finden Joe und der alte Les eine Frauenleiche im Wasser, die sich bald als Cathie entpuppt. Aber wie ist sie zu Tode gekommen – und wird Joes Affäre auf dem Kutter mit Ella ebenfalls drastische Folgen haben? Diese stille Noireske voller Melancholie und Abgründe zieht einen in einen kontemplativen Strudel – am Ende denkt man auch an den Dichter Shelley, "der sich unter Mitnahme mehrerer Bücher auf den Meeresgrund sinken ließ und lieber da unten blieb als zuzugeben, daß er nicht schwimmen konnte" (aus Malcolm Lowrys "Unter dem Vulkan"). Denn Joe ist schließlich ein verhinderter Poet, der seine Schreibmaschine längst ins Wasser geworfen hat.

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Ja, den Hang zur Poesie verbirgt der Schotte nicht unter seinem Rock. Aber es gibt mehrere rote Fäden in David Mackenzies Schaffen. Zum einen seine exquisite Auswahl an Filmmusiken. Stichwort Rock. Zu Young Adam schrieb kein Geringerer den Score als Talking Heads-Sänger David Byrne (Stop Making Sense). Für Hallam Foe bediente sich Mackenzie aus dem Katalog des saucoolen britischen Indie-Labels Domino. Der durchdringende popkulturelle Touch ist dem virtuosen Thriller mit leichten Spuren von Hitchcock deutlich anzumerken. Man hört quasi das Mixtape des Regisseurs mitlaufen, während Hallam seine Mitmenschen durchs Fernglas beobachtet, ungefähr wie in den Filmen Sofia Coppolas. Der Plot ist aber auch hier was für Freud und dessen Freund*innen: Hallam verdächtigt die Stiefmutter Verity (Claire Forlani), seine Mutter umgebracht zu haben, und nachdem Verity ihn verführt und zur Flucht nach Edinburgh veranlasst hat, trifft der Bursche dort mit Kate (Sophia Myles) eine Art Doppelgängerin seiner Mama. Neben den psychologischen Rollenspielen und den Geistern der Vergangenheit sowie ungewöhnlicher Libido taucht auch das Wasser als Motiv wieder in Erscheinung.

Tilda Swinton spielt in "Young Adam" mit Leib und Seele © Studiocanal

Tilda Swinton spielt in "Young Adam" mit Leib und Seele © Studiocanal

Dem Popmagazin Intro erklärte Mackenzie vor knapp 15 Jahren im Interview: "Sowohl in Hallam Foe als auch Young Adam gibt es einiges unter der Oberfläche zu entdecken. In der Tat scheinen Gewässer in meinem Werk ein Eigenleben zu entwickeln. Aber das ist bloß Zufall. Keine Ahnung, warum ich mich in diesen Projekten wiederfinde, in denen Wasser und Dinge, die daraus auftauchen oder darin untergehen, wichtig sind. Ich bin nicht gerade ein besonders guter Schwimmer, vielleicht ist das ein Grund..." Was er mit bereits erwähnter Edelfeder Shelley und auch mit Cathie aus Young Adam gemeinsam hätte. Aber mit den Filmen David Mackenzies und mit ihren grandiosen Soundtracks kann man sich auch an trostlos verregneten Tagen bestens über Wasser halten.

WF

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