Detailsuche

Bild zu Die ersten 20 Minuten von Lost Highway (und die Frage nach dem tieferen Sinn)

Die ersten 20 Minuten von Lost Highway (und die Frage nach dem tieferen Sinn)

Die Reihe Best Of Cinema bringt David Lynchs modernen Klassiker am 3. Februar zurück auf die Leinwand. Tauchen wir kurz ein in seine geheimnisvolle Welt …

News/Neu im KinoTrivia 01. Februar 2026

01. Minute

Wer ist der wahre Hauptdarsteller von Lost Highway? Die Straße! Wie lautet die Bestimmung des Wegs? Das Ziel. Was sagt uns hier der Mittelstreifen aus der Sicht des Autofahrers während der Fahrt in der Nacht? Es ist ganz schön finster in L.A. – und jede Minute, die folgt, wird noch ein bisschen finsterer werden … Wir sind nicht nur in Los Angeles, wir sind in Hollywood.

02. Minute

Das geniale Intro – Mittelstreifen gleich gestückelte Linearität, die Zukunft als Schwarzes Loch, das jede Frage nach Sinn absorbiert – entwickelt durch David Bowies Stimme jenen Gänsehaut-Faktor, den im Lynch-Kosmos normalerweise Angelo Badalamentis Score auslöst. Titel des von Trent Reznor produzierten Bowie-Songs: "I’m Deranged". Name des Albums, von dem er stammt: "Outside". Thema: Dem Künstler erscheint ein Engel. R.I.P. David. R.I.P. David.

03. Minute

Der Vorspann verspricht so vieles, was man sich von einem David Lynch-Film erwartet… Dazu Bill Pullman und Patricia Arquette in den Hauptrollen. Nach den Credits für ein paar Augenblicke ein schwarzes Bild. Kurz die Augen schließen. Alles nur ein böser Traum. Bloß wer träumt ihn?

04. Minute

Der geträumte Film. Er kann nicht ohne Zigarettenglut im Dunkeln auskommen. (Die Glut als Entsprechung der Lichter der nachts funkelnden Stadt der Engel. Von den Hills aus gesehen. Sie verstehen.). Nicht ohne schnarrende Türklingel. Horch, was kommt von draußen rein? Michael Haneke gefällt diese Szene.

05. Minute

Was fehlt uns noch zu unserem Mystery-Glück? Die mysteriöse Botschaft, deren Überbringer eine Art Geist zu sein scheint. Die Dinge sind nicht, was sie scheinen? Ja, so fängt ein ordentlicher Lynch-Film an. Der Grusel des Alltäglichen. Und im Gegensatz zu den Machern von Lost hat uns David Lynch nie versprochen, dass am Ende alles Sinn ergibt. Das waren Agatha Christie und Sigmund Freud. Thomas Pynchon gefällt diese Szene.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

06. Minute

Goldenes Saxofon! Frau im roten Kleid! Wenn das hier ein Jump & Run-Computerspiel wäre mit dem Ziel, Lost Highway zu entschlüsseln, dann würden wir diese Items jetzt einsammeln. Sie könnten später noch mal wichtig werden. Check!

07. Minute

Es muss nicht viel geredet werden in einem Film von David Lynch, aber wenn dann sollten es REM-Phasen-intensive, arschcoole Dialoge wie dieser sein. Renée: "Ich lache gern, Fred!" – Fred: "Deswegen habe ich dich geheiratet." Ein Drehbuch wie ein toter Briefkasten für absurde Unterhaltungen.

08. Minute

Was wäre eine dunkle Nacht ohne Mond? Am besten in kühlem "Zauberberg"-Blau. Neonreklame: Luna Lounge. Hier treffen wir Fred und sein Saxofon wieder – beim Vorspiel zum Wiedersehen mit Renée, die ihn so liebevoll verabschiedet hatte: "Du kannst mich f...en, wenn du nach Hause kommst." Kunst ist eben Sex mit anderen Mitteln. Und ein David Lynch-Film ist Kunst.

09. Minute

Das Klingeln des schwarzen Telefons. Schwer zu sagen, ob es bedeutet, dass die angerufene Person nicht zuhause ist oder ob sie bloß nicht rangehen will. Der Apparat ist auf jeden Fall gut gealtert, denn mit ihm überführte Lynch vor 30 Jahren den alten Topos Telefon (Bei Anruf Mord, "E.T nach hause telefonieren…") in die Zukunft. Das Medium selbst wird in Lost Highway zum Hauptdarsteller und steht gleichzeitig für die menschlichen Abgründe sowie für den Horror der Kommunikation. Lynchs Telefon ist schon 1996/97 ein Ding aus einer anderen Zeit. Wenn der Film jetzt im Jahr 2026 wiederaufgeführt wird und das Klingeln zu vernehmen ist, befühlt man unweigerlich das Smartphone in der Tasche (und die andere Hand steckt im Popcorneimer).

10. Minute

Zurück zum Wesentlichen: Das Unheimliche äußert sich hier also in vielfacher Gestalt. Einmal durch eine diffuse Bedrohung von außen (Türklingel) und dann durch Freds Hilferuf (klingelndes Telefon). Die Beziehung zwischen Fred und Renée scheint zudem ein Tanz auf der Rasierklinge zu sein. Als er nach Hause kommt, schläft sie schon. Nee, oder? Wovon sie wohl träumt? Wir hören es läuten: Die schöne Vertrautheit der beiden hat mindestens einen doppelten Boden. So ist das mit der Magie, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

11. Minute

In Hollywood trägt man morgens offensichtlich Morgenrock aber findet sicher nicht jeden Tag eine VHS-kassette vor der Tür. Die Ausnahme trifft auf die Regel. Renée ist überrascht. Die Post war also doch da! Und wir ahnen gleich, dass dieses anonym verschickte Video die Dinge eher komplizierter als einfacher machen wird. Was wohl drauf ist? Na, ein Film im Film.

12. Minute

Fred: "Warum sehen wir uns die Kassette nicht an?" Ja, bitte! Was sind Geheimnisse wert, die man nicht teilen kann? Ein schöner Moment. Der nicht allzu lange währt…

13. Minute

Wenn man einen Film anschaut, erwartet man a) die Entführung in eine phantastische Welt, um aus der Realität zu flüchten b) von Bildern und Handlungen berührt zu werden, die nah am eigenen Leben sind. Aber so nah wie die Aufnahmen auf der Kassette Renée und Freds schönem Haus kommen? Lieber nicht. Lynchs surreale Elemente zeigen am besten, wie beklemmend die Wirklichkeit sein kann. Natürlich spielt es keine Rolle, wer dieses Video gedreht hat. Jedes Rätsel ist hier selbst ein Schlüssel. Und mit jedem Schlüssel öffnet sich die Tür zum nächsten Rätsel.

14. Minute

Kurz ist das Wort "Exit" in roten Neonbuchstaben im Bild. Wir wissen längst: Es bedeutet das Gegenteil. Aus diesem düsteren, psychoanalytisch inspirierten Labyrinth gibt es kein Entkommen.

15. Minute

Fred und Renée schlafen miteinander. Hollywood eben.

Haben Sie davon schon geträumt?

Haben Sie davon schon geträumt?

16. Minute

Fred und Renée schlafen immer noch miteinander. Jetzt in Zeitlupe und mit spannungsgeladener Musik untermalt. Das spricht für hohe Intensität. Pure Lust, die jede Sekunde in Schmerz oder gar Verzweiflung kippen kann. Lynchs Figuren befinden sich ja in einem ständigen Balanceakt. Bin ich noch ich selbst oder bin ich doch jemand anderes? Und als Renée Fred mit dunkel lackierten Fingern beruhigend auf den Rücken klopft, soll das vermutlich heißen: "Ich liebe dich, egal wer wir sind!" (Spoiler: Etwas später hat sie das Gesicht von einem alten Männlein…)

17. Minute

Die beiden sind fertig und wenden sich voneinander ab. Auf Lust und Zärtlichkeit folgt somit das spontane Gefühl der Entfremdung. So etwa: "Egal wer wir sind, wir sind zwei einsame Menschen." Ein Thema, das für Lynch so wichtig war wie die Liebe selbst.

18. Minute

Fred erzählt Renée von einem Traum. Typisch für David Lynch ist das Prinzip der Verschachtelung. Der Film im Film, der Traum im Traum, das Haus im Haus. Wofür ein Christopher Nolan ungefähr zwei Stunden braucht, zeigt Lynch in einer einzigen Sequenz. Natürlich kommt ein roter Vorhang darin vor – und loderndes Feuer.

19. Minute

Sigmund Freud schreibt über das Vergessen der Träume: "Was wir vom Träumen erinnern und woran wir unsere Deutungskünste üben…dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung uns eigentümlich unsicher vorkommt…" Ein solches Bruchstück, "verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses", ist wie ein ganzer Film von David Lynch. Er hat keine Geschichte. Er hat keine Pointe. Er hat einen tieferen Sinn.

20. Minute

Der nächste Tag, der nächste Ausflug vor die Tür im Morgenrock, das nächste Paket mit der nächsten VHS-Kassette vor dem Haus mit einem Film, der die eigene Privat-und Intimsphäre vermisst, verletzt, durchdringt. Jedes Déja-vu – so lehrt uns David Lynch nicht nur mit Lost Highway – stellt die Welt, wie wir sie kennen, in Frage. Und wenn wir mehr Fragen Antworten haben, ist der Film zu Ende. Dauert aber noch ein bisschen. Also zurücklehnen und genießen – Lost Highway im Kino ist ein Erlebnis, im Zweifelsfall auch ohne tieferen Sinn, allein wegen der Bilder.

WF

Dazu in unserem Magazin

Arthaus Stores

Social Media