Giulietta Masina: Mehr als Fellinis bessere Hälfte

Als Gelsomina in Fellinis La Strada und durch die Hauptrolle in dessen Die Nächte der Cabiria prägte Giulietta Masina einen ganz besonderen Typ der tragischen Heldin. Privat waren Fellini und Masina 50 Jahre lang verheiratet.

Filmgeschichten 25. März 2020

Es soll ja nicht wenige Menschen geben, die verliebt sind in die Filmkunst des Federico Fellini. Der Meister selbst offenbart darin seine Liebe zu Giulietta Masina. Was wäre er ohne sie? Fellinis Ehefrau ist die Hauptdarstellerin in einigen seiner wichtigsten Arbeiten. Darunter die Klassiker La Strada – Das Lied der Straße und Die Nächte der Cabiria (1957). Letzterer beginnt beinahe mit einem tödlichen Unglück, und es ist der Meisterschaft sowohl des Regisseurs als auch Giulietta Masinas anzurechnen, dass dieser Filmanfang bereits ein Grundgefühl für die Träume der Protagonistin vermittelt – und eine Idee davon, was das Schicksal in Wahrheit für sie bereithält. Es ist ein offener Anfang, das Äquivalent zum losen Ende einer Geschichte. Gutgelaunt eilen Cabiria und ihr Liebhaber ins Bild – sie mit betont kindlichem Elan, er mit zur Schau gestellter männlicher Coolness –, und man ahnt sofort Böses. Nur Cabiria nicht, jedenfalls lässt sie sich nichts anmerken. Fröhlich hüpft sie ins Wasser während ihr Begleiter am Ufer verharrt und plötzlich nach ihrer Handtasche schnappt. Ohne mit der Wimper zu zucken macht der Gauner sich aus dem Staub. Als wäre das nicht schlimm genug, droht Cabiria zu ertrinken.

Immer in der Lage, die Kulissen und Menschen um sich herum in Bewegung zu halten, um selbst den Fortlauf der Handlung anzutreiben.

Die Zuschauer*innen dürfen nach dem anfänglichen Schrecken mit ein paar Lachern Luft holen. Doch Cabiria überlebt den Anschlag und die folgende Slapstick-artige Notversorgung wohl am ehesten dank ihres starken Willens . Das Feuer in ihrer Brust kann man offenbar nicht so schnell auslöschen. Keine Frage, den ganzen Film über scheint es so, als ziehe der Strudel der Ereignisse sie immer tiefer in den Moloch des eigenen Elends hinein, zugleich wirkt diese mitreißende Person angesichts ihrer optimistischen Energie in der Lage, die Kulissen und Menschen um sich herum in Bewegung zu halten, um selbst den Fortlauf der Handlung anzutreiben. Bösartig könnte man es so formulieren: Sie schaufelt sich beständig ihr eigenes Grab, blind vom Trachten nach tieferem Sinn. Cabiria ist jedoch keine Witzfigur, auch wenn sie in jeder Situation ihren Witz aufblitzen lässt, sogar als sie eigentlich längst tot sein sollte, sozusagen als eine Art feministischer Clown. Cabiria/Masina ist ein Komet, Fellinis Filmwelt ihr Schweif.

Cabiria beim geliebten Mambotanz

1954 feierte Federico Fellini einen großen Erfolg mit dem melodramatischen La Strada – Das Lied der Straße, und Die Nächte der Cabiria gilt gemeinhin als dessen positive Variation. Parallelen sind in den Frauencharakteren zu beobachten, die im Mittelpunkt der Filme stehen. Auch die Geschichte der ebenfalls von Masina verkörperten Gelsomina aus La Strada beginnt am Wasser. Ihr Zuhause liegt allerdings am Meer, nicht in der römischen Vorstadt, der Blick zum Horizont muss ihr von Kindesbeinen an Fernweh eingeflößt haben. So nimmt die älteste von mehreren Töchtern aus armen Verhältnissen es nicht dramatisch, als die Mutter sie an den Schausteller Zampano verkauft. Doch findet sie bei ihm nicht die ersehnte Zuneigung. Der tumbe Muskelprotz, den Anthony Quinn so furchterregend wie bemitleidenswert darstellt, behandelt sie wie eine Sklavin. Dabei hat sie, ihrer scheinbaren Naivität zum Trotz, mehr Talent im kleinen Finger als der resignierte Kleinkünstler.

Das Leben hält für Cabiria viele Rückschläge bereit

Die Nächte der Cabiria beginnt derweil mit einer Heldin, die für sich allein auf der Straße steht, erst recht nachdem der mörderische Giorgio getürmt ist. Doch Cabiria hat ein festes Dach über dem Kopf, das sie mit ihrer Arbeit als Prostituierte finanziert hat. Damit besitzt sie mehr als viele ihrer Kolleginnen und auch mehr als Gelsomina in La Strada. Alles Selbstwertgefühl zieht sie aus ihrer Unabhängigkeit und hält dennoch das Bild vom Mann ihrer Träume wie einen Fetisch in Ehren. Ihre Zukunft liegt in Ketten, so wie die der Gelsomina, wobei Cabiria nichts verlockender erscheinen könnte als das Gerassel der Ketten einer festen Verbindung. Eine aufregende Nacht verbringt Cabiria an der Seite und in den Gemächern des bekannten Schauspielers Alberto Lazzari. Der liest Cabiria nach einem Streit mit seiner Freundin trotzig von der Straße auf. Er nimmt sie sogar mit nach Hause, sichtlich angetan von ihrer unkonventionellen Lebensfreude. Doch gerade als Cabiria ein Plätzchen neben dem Promi auf dem gemütlichem Bett in Aussicht hat, taucht dessen Liebhaberin vor der Tür auf und drängt auf Versöhnung. Das gerade erst realisierte Glück entgleitet ihren Händen wieder, ähnlich wie ein Luftballon, der mitsamt Schnur in den Himmel entschwebt. Im Nachhinein macht sie das Beste draus, als sie mit dieser Begegnung der unwahrscheinlichen Art und dem Hauch von süßem Leben in jener Nacht vor den übrigen Straßenmädchen prahlt.

Fabelwesen aus Harpo Marx, Charlie Chaplin, sämtlichen weiblichen Filmdiven und dem tschechischen Cartoon-Maulwurf Krteček

Ihre clowneske Ausstrahlung – ein Fabelwesen aus Harpo Marx, Charlie Chaplin und sämtlichen weiblichen Filmdiven ihrer Zeit, gesegnet mit den staunenden Kulleraugen eines Kindes vorm Christbaum und der hemmungslosen Emotionalität des tschechischen Cartoon-Maulwurfs Krteček – entspringt einer paradoxen Inszenierung: Die großartige Giulietta Masina spielt eine Frau, die zwar keineswegs gewillt ist, alles von sich preiszugeben, die aber nicht gut schauspielern kann. Ihre Tränen sind echt, und ihre Tränen sind dick. Gerade deshalb fühlen die Zuschauer*innen mit ihr. Masina wurde bei den Filmfestspielen von Cannes 1957 für die Darstellung der Cabiria mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Ihrem Gatten Federico Fellini verhalf sie zu Oscars für La Strada und Die Nächte der Cabiria in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Zu den weiteren Rollen Masinas unter Fellinis Regie zählen ihre Auftritte in Julia und die Geister sowie in Ginger und Fred, nach dem sie ihre Karriere 1985 ausklingen ließ, um fortan als Autorin fürs Fernsehen zu arbeiten. Als Fellini 1993 starb, waren die beiden seit 50 Jahren verheiratet. Nur fünf Monate später schied auch Giulietta Masina aus dem Leben. Wahre Liebe, denken Kinoromantiker*innen.

WF

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