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Kennen Sie den schon? Die Nächte einer schönen Frau von Charlie Chaplin

Wenn Sie denken, dass Sie schon alles gesehen haben: Unsere Reihe mit verhinderten Kinoklassikern und vergessenen Filmschätzen. Chaplins tiefgründiges Melodram fiel damals beim Publikum durch – und wird bis heute unterschätzt.

Filmgeschichten 16. März 2020

Vor fast genau einem Jahrhundert gründete Charlie Chaplin gemeinsam mit Douglas Fairbanks, Mary Pickford und D.W. Griffith die Filmgesellschaft United Artists. Die Nächte einer schönen Frau unter der Regie von Chaplin war die erste Produktion für die neue Firma. Der Handlung vorausgeschickt wurde nicht nur die Information, dass die Zuschauer*innen sich keine falschen Hoffnungen machen sollten, Chaplin selbst werde in diesem Film nicht zu sehen sein. Vor den Kinoaufführungen 1923 veröffentlichte Chaplin zudem einen Brief, in dem er die Motivation hinter dem Dreh dieser möglichst "realistischen" Geschichte verriet – und das Publikum gar um Rückmeldung bat. Wer gut aufpasst, kann den Meister freilich in einer Statistenrolle erkennen. In der später berühmt gewordenen Bahnhofsszene spielt er einen tollpatschigen Kofferträger. Doch liegt der Fokus klar auf der Hauptfigur Marie St. Clair (Edna Purviance), die am Gleis den Zug in Richtung Paris erwartet. Den Zug sieht man als Zuschauer*in nicht, dafür sind die miteinander ringenden Emotionen der jungen Frau deutlich ausgestellt. Ein Effekt, der aus der Not geboren wurde und dadurch zustande kam, dass man in Ermangelung einer echten Lokomotive Quadrate aus großen Pappwänden ausschnitt und diese an einem Projektor vorbeiführte um die Beleuchtung aus Zugfenstern zu imitieren. Deren Strahlen fallen auf Marie St. Clairs Gestalt und Gesicht, tauchen sie in Licht und in Schatten.

Verwickelte Verhältnisse und überraschende Entwicklungen

Verwickelte Verhältnisse und überraschende Entwicklungen

Marie St. Clairs bevorstehende Hochzeit mit Jean Millet (Carl Miller), die das Paar gegen den Willen der kritischen Eltern durchsetzen wollte, ist gerade auf tragische Weise geplatzt. Nach ihrer Ankunft in Paris stürzt sie sich ins Nachtleben und wird die Mätresse eines betuchten Lebemanns. Pierre Revel (Adolphe Menjou) kann und will sie allerdings nicht zur Frau nehmen. Chaplin erzählt die Wendungen des Schicksals in einprägsamen Szenen, von denen viele eine schwindelerregende Tiefe offenbaren. Etwa als Marie St. Clair im Streit wütend ihre Perlenkette aus dem Fenster wirft, nur um Augenblicke später verzweifelt dem glücklichen Finder auf der Straße hinterher zu eilen. Revel lacht sie dafür aus, Marie quittiert dessen Hochnäsigkeit mit einem knappen "Idiot". Besser hätte man ihre Wut auf ihn und sich und die Umstände nicht mit einer einzigen Texttafel ausrücken können. Die Situation ist schon arg angespannt, da trifft Marie ihren alten Liebhaber. Jean lebt als beinahe mittelloser Künstler inzwischen ebenfalls in Paris. Marie St. Clair engagiert ihn für ein Porträt, wirft sich als Modell in kostspielige Schale. Doch Jean malt sie aus der Erinnerung, in ihren alten Kleidern. Warum er in der Vergangenheit wühle, möchte Marie wissen. Er habe sie damals einfach besser gekannt, erklärt er ihr. Doch in diesem geschickt kontruierten Stummfilm spricht das Gemälde bereits Bände. So glücken Chaplin zahllose Raffinessen, die im Gedächtnis bleiben. Es ist tatsächlich kaum zu glauben, dass er den ambitionierten Film, der damalige Moralvorstellungen geradezu auf den Kopf stellte und mit dem er auch in künstlerischer Hinsicht neue Wege beschritt, wodurch er den Argwohn der amerikanischen Zensurbehörden hervorrief, obwohl Die Nächte einer schönen Frau absichtlich in Frankreich spielt, um eben dies zu verhindern, ohne Skript und in chronologischer Szenenfolge drehte.

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Auch Chaplins Frauenbild zeige sich hier komplexer als in vielen seiner übrigen Produktionen, stellt Liv Ullmann in dem Feature "Chaplin Today" fest, das im Bonusmaterial enthalten ist. Tatsächlich haben wir als Zuschauer*innen dem liebeskranken Jean etwas voraus. Wir begegnen Marie nicht nur in ihrer provinziellen Vergangenheit oder in ihrer hedonistischen Gegenwart sondern dürfen auch die überraschende Zukunft erleben, die Chaplin ihr zugesteht, womit er sie zu einer Figur des Übergangs macht. Nicht nur die Zeiten ändern sich, mag man schlussfolgern, auch Menschen können ihre eigenen Möglichkeiten und gesellschaftlich vorgefassten Rollen überdenken. Chaplin war als Schauspieler durch die Figur des Tramps mit Zweifingerschnurrbart und Melone schon längt ein Star und fiel hier durch sein Nichtauftreten quasi selbst aus dem Rahmen. Mut und Ambition wurden nicht sofort belohnt. Für United Artists folgten bahnbrechende Werke wie Der Zirkus, Lichter der Großstadt, Moderne Zeiten und sein erster Tonfilm Der große Diktator. Sie sind sämtlich in der Charlie Chaplin Complete Collection von ARTHAUS enthalten. Die Nächte einer schönen Frau ist dagegen eine echte Entdeckung, sollte der Glanz der weltbekannten Meisterwerke diese bislang auch überstrahlt haben. Damals war der Film ein Flop. Heute wirken sein feiner Humor im Clinch mit sozialen Zwängen sowie die tragischen Figurenkonstellationen auf Grund menschlicher Sensibilitäten wie Licht und Schatten ewig verwickelter Verhältnisse, auch wenn es um gewisse Zustände der 1920er Jahre geht. Man möchte Chaplins Brief beantworten, in dem er sich damals voller Selbstzweifel an sein Publikum wandte – und ihm herzlich zu diesem Geniestreich gratulieren.

WF

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