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Orlando und die drei Schwestern im Geiste

Man hätte sich zu gerne ein reales Treffen von Virginia Woolf, Sally Potter und Tilda Swinton vorgestellt. Orlando wirkt dank der Dreifaltigkeit dieser großen Frauen auch knapp 30 Jahre nach Erscheinen wie ein absoluter Glücksfall für die Kinogeschichte. Ein Film, der Genre- und Geschlechtergrenzen mit leichter Hand verwischt.

Filmgeschichten/Drehmomente 26. Mai 2021

Man weiß gar nicht so recht, wo man mit dem Schwärmen anfangen soll, wenn man sich verwundert und euphorisch zum ersten Mal seit vielen Jahren in den Farben, dem Spiel, den Worten, den wundersamen Charakteren und der Musik von Orlando verlieren durfte. Sei es das direkte Spiel von Tilda Swinton, die gleich in den ersten Sekunden zum ersten Mal die Vierte Wand durchbricht und danach als Orlando durch 400 Jahre Zeitgeschichte und zwei Geschlechter rauscht. Seien es die Worte von Virginia Woolf, die an vielen Stellen des Film eben ihre originalen sind und immer noch eine fantastische Kraft und Weitsicht ausstrahlen. Sei es die handwerklich beeindruckende Regie von Sally Potter, die – wie Swinton – viele Jahre ihres Lebens in die Finanzierung, das Schreiben und schließlich die Produktion des Films steckte. Sei es die Zärtlichkeit vieler Szenen, die bewusst unsere Wahrnehmung von männlich und weiblich verwirren. Seien es die schillernden Gäste, wie die damals 84-jährige Drag Queen Quentin Crisp als Königin Elisabeth I., die letzte Monarchin aus dem Hause Tudor. Oder Jimmy Sommerville, der den Titelsong "Coming" mit seinem betörenden Falsett singt und dabei als strahlender Engel über Tilda Swinton schwebt. Oder aber die Erkenntnis, dass dieser Historienfilm, der keiner ist, ganz offensichtlichen Einfluss auf die jüngere Kinogeschichte hatte – man kann sich zumindest gut vorstellen, dass Sofia Coppola Orlando vor dem Dreh ihrer Marie Antoinette genau studiert hat und Giorgos Lanthimos, bevor er The Favourite drehte, ebenso. Ach, man könnte diese Aufzählung noch lange weiterführen …

"Kein menschliches Wesen seit Anbeginn der Welt sah je hinreißender aus. Orlando war einen Frau geworden, das ist nicht zu leugnen. Aber in jeder anderen Hinsicht blieb Orlando genauso wie er gewesen war."
Virginia Woolf

Dennoch sollte man natürlich zuerst über die Urheberin dieser außergewöhnlichen, fiktiven Biografie des Orlando sprechen. Virginia Woolf veröffentlichte das Buch im Oktober 1928 und erzählt darin von einem jungen Adeligen, der ein Liebling der Königin ist und ihr in einer intimen Szene versprechen muss, niemals zu altern. Die Geschichte beginnt im England des 16. Jahrhunderts und führt durch 300 Jahre (im Film sind es rund 400) britischer Zeitgeschichte. Als Inspiration für den fiktiven Charakter Orlando galt Woolfs damalige Liebe Vita Sackville-West, Tochter eines Barons und selbst Schriftstellerin. Im Buch beginnt Orlando sein Leben als Mann und wechselt irgendwann nach einem langen Schlaf ganz selbstverständlich das Geschlecht. Was dieses Buch so besonders machte, war Woolfs wie immer perfekte Sprache, ihre sehr modernen Gedankenspiele über Androgynität, Unsterblichkeit und gleichgeschlechtliche Liebe und das große Vergnügen, dass diese Geschichte auslöste. Jede Epoche, die Orlando durchlebt, wird bei Woolf bissig, amüsant und technisch auf die Sprachmarotten der Zeit zugeschnitten, durchleuchtet und kommentiert. Zudem gilt Orlando als britische Literaturgeschichte in satirischer Form und ist bis heute ein Schlüsselwerk des Feminismus und der Gender Studies.

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Obwohl "Orlando - Eine Biographie" als eines der zugänglichsten Bücher von Virginia Woolf gilt, hielt man es lange Zeit für unverfilmbar. Es brauchte deshalb wohl schon eine zugleich freie und erfahrene Regisseurin und Drehbuchautorin wie Sally Potter, um sich der Herausforderung zu stellen. Sie kam aus der Freien Szene Englands, sang in der Feminist Improvising Group, trainierte als Tänzerin und Choreographin, drehte und schrieb Filme, konzipierte Tanzaufführungen, arbeite als Songwriterin mit der Komponistin Lindsay Cooper am Liederzyklus "Oh Moscow". Potter brachte also schon einen reichen Erfahrungsschatz mit sich, der eben nicht nur der Filmwelt entstammte. Bei Orlando setzte Sally Potter auf ihr intuitives Gespür für Rhythmus aus dieser und das große Vertrauen in ihre Fähigkeiten in Sachen Regie und Drehbuch.

Sie sagte: "Meine Aufgabe bei der Adaption war es, einen Weg zu finden, nah am Geist des Buches und an Virginia Woolfs Intentionen zu bleiben, und gleichzeitig rücksichtlos umzuschreiben, wo immer es nötig ist. Ich hätte Virginia Woolf einen schlechten Dienst erwiesen, hätte ich mich sklavisch an jeden Buchstaben im Buch gehalten. Sie ist immer eine dem Schreiben und der Romanform verpflichteten Autorin gewesen. Auf die gleiche Weise musste der Film der Energie des Kinos verpflichtet sein."

Was Woolf also mit Sprache, Zitaten und Verweisen schafft, übersetzt Sally Potter in Kulissen, auf jede Epoche zugeschnittene Farbkonzepte, Kostüme und eben Dialoge, die bisweilen karg aber perfekt getimed sind. Vor allem war es Sally Potter wichtig, hier keinen Historienschinken abzuliefern: "Eine Sache, die ich immer und immer wieder zur Crew gesagt habe, war: Das ist kein Kostümfilm. Das ist ein Film über das Jetzt. Wir springen durch eine imaginäre Vergangenheit, die in einer ewigen Gegenwart verhaftet ist."

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Sally Potter erwarb die Filmrechte 1988, als sie noch nicht mal einen Drehbuchentwurf fertig hatte. Im selben Jahr sah sie Tilda Swinton in einer Theateraufführung und holte sie an Bord. Tatsächlich ist es wohl der Energie dieser beiden Frauen zu verdanken, dass es Orlando in all seiner Pracht auf die Leinwand schaffte. Wobei man auch den Produzenten Christopher Sheppard nennen sollte, der nicht nur mit seiner eigenen Firma teilweise per Crowdfunding Geld sammelte, sondern die Kooperation zwischen sechs Produktionsfirmen auf die Beine stellte. So kam am Ende ein Budget von sechseinhalb Millionen Pfund zusammen – der letzte Baustein war erstaunlicherweise die russische Produktionsfirma Lenfilm. Tilda Swinton erinnert sich: "Die Amerikaner konnten mit dem Stoff überhaupt nichts anfangen, aber die Russen sagten spontan: Ein Film über Androgynie und Unsterblichkeit? Damit können wir umgehen."

Orlando an der Seite von Königin Elisabeth I. - hier gespielt von der Drag Queen Quentin Crisp © STUDIOCANAL GmbH

Orlando an der Seite von Königin Elisabeth I. - hier gespielt von der Drag Queen Quentin Crisp © STUDIOCANAL GmbH

Tilda Swintons Darstellung dieses berühmten Zwitterwesens der britischen Literatur gilt bis heute als ihre Paraderolle – wer sie einmal als Orlando gesehen hat, wird sich keine andere oder keinen anderen in dieser Rolle vorstellen können. Wobei man an dieser Stelle ausdrücklich betonen sollte, dass es eben nicht nur Swintons fluide Erscheinung ist, die so überzeugt, sondern ihr präzises Spiel, ihr trockener Witz und ihre Fähigkeit, mit nur einem Satz in Richtung der Kamera die Zuschauer*innen zu Kompliz*innen zu machen.

So steckt also die Essenz und die kreative Hochleistung von allen dieser drei Schwestern im Geiste – Woolf, Potter, Swinton – in Orlando. Dass diese Rechnung aufgeht hätte man sich bei den Dreien ja eigentlich schon im Vorfeld ausrechnen können …

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