Man möchte sich vorstellen, dass Marion Cottilard an diesem Dienstag – ihrem 50. Geburtstag – irgendwo in ihrer Heimatstadt Paris eine alte Platte der großen Edith Piaf auflegt, die Laustärke hochdreht, zu "Non, je ne regrette rien" durch ihre sicherlich recht geräumige Wohnung tanzt und dieses Lied noch einmal so intensiv fühlt, wie sie es in ihrer Oscar-prämierten Darstellung von Piaf im Biopic La vie en rose getan hat.
Realistischer dürfte jedoch sein, dass sie im Kreise ihrer Familie und der engsten Freund:innen feiert – oder vielleicht mit ihren beiden Kindern im Teenager-Alter bloß einen Kaffee trinken geht, während ihr Ex-Partner Guillaume Canet, von dem sie sich im Frühjahr nach 18 Jahren Beziehung einvernehmlich trennte, Glückwünsche aufs Handy sendet. Wie dieser Geburtstag nun aussieht, wird man wohl erst dann erfahren, wenn Marion Cottilard selbst darüber redet, denn die am 30. September 1975 in Paris geborene Tochter eines Theaterschauspiel-Paares ist sehr gut darin, ihr Privatleben privat zu halten.
Was sicher nicht leicht ist: Immerhin ist sie eine der bekanntesten französischen Schauspielerinnen der Jetztzeit – eine der wenigen, die man dank besagter Oscar-Performance oder ihren starken Rollen in der aktuellen Staffel der Serie The Morning Show sowie in Christopher Nolans Inception und The Dark Knight sogar in Hollywood kennt.
Marion Cottilards Leben als Schauspielerin begann schon im Kindesalter: Als Tochter von Niseema Theillaud und Jean-Claude Cotillard, die beide in der französischen Theaterwelt lebten und arbeiteten, stand sie schon mit fünf auf der Bühne und besetzte oft die Kinderrollen in den Arbeiten der Theatergruppe "Cotillard", die ihr Vater gegründet hatte. Ihre ersten Filmsets sah sie nur ein Jahr später, als sie in zwei TV-Produktionen mitwirkte.
Trotzdem spielte die junge Marie erst einmal lieber Theater, studierte Schauspiel in Orléans und nahm nur gelegentlich TV-Rollen an. Ihren Fokus auf die Filmwelt setzte Cottilard dann mit Anfang zwanzig – genauer 1997, als der französische Regisseur Gérard Pirès sie für den von Luc Besson geschriebenen und produzierten Taxi an Bord holte, wo sie Frankreich und die Welt als Lilly Bertineau begeisterte.
Wer auf die Filmographie von Marie Cottilard schaut, findet viele faszinierende Szenen und Rollen. Einige bilden in fast allen Texten über sie eine Art Kanon, auf den sich alle einigen können. Ihre Edit Piaf natürlich, die Cottilard in La vie en rose nicht nur in der Blüte des Lebens verkörpert, sondern auch im hohen Alter – inklusive einer Schlusssequenz, die nicht nur Piaf-Fans zu Tränen rühren dürfte. Der Geschmack von Rost und Knochen ist eh einer der besten und härtesten Liebesfilme der Kinogeschichte – und das vor allem, weil Marie Cottilard als von einem Unfall gezeichnete Stéphanie und Matthias Schoenaerts als ihr Lover Ali diese Rollen so spielen, dass der Film nie in den Kitsch driftet, der er hätte werden können.
In unserem Programm finden sich ebenfalls zwei ihrer besten Arbeiten. 2015 brillierte sie als diabolische Lady Macbeth in Justin Kurzels Shakespeare-Adaption an der Seite von Michael Fassbender. Eine Rolle, die Cottilard schon seit ihrer Theaterkindheit fasziniert hatte. Dem "Time"-Magazin erzählte sie damals in einem Interview, wie sie während ihres Schauspielstudiums einer Mitschülerin zuschaute und bei den ikonischen Worten "Out, damn spot!" eine Art Vorahnung hatte: "An diesem Tag dachte ich, dass ich eines Tages Lady Macbeth spielen würde. Ich wusste es. Ich weiß nicht warum, aber ich wollte unbedingt diese sehr turbulente, dunkle und gleichzeitig menschliche Figur verkörpern."
Außerdem sagte sie gegenüber "Time": "Es war schwer, die Bilder von Judi Dench zu verdrängen, die als Lady Macbeth wirklich Perfektion erreicht hat. Aber dann dachte ich mir, dass ich mich nicht mit diesen großartigen Schauspielerinnen vergleichen kann, insbesondere wenn die Arbeit noch nicht fertig ist." Also sei sie die Rolle auf ihre eigene Weise angegangen. Das Ergebnis ist faszinierend (und) furchteinflößend – und man sieht in den intensivsten Szenen, wie Cottilard es schafft, die unmittelbare Intensität einer Theater-Performance auf die Leinwand zu bringen.
Der Film Die Frau im Mond – Erinnerungen an die Liebe von Nicole Garcia nach dem Bestseller von Milena August spaltete die Kritik zwar im Gesamturteil. Einigkeit herrschte jedoch darin, dass Marion Cottilard in der Rolle Gabrielle brilliert, die in den Zwängen einer Ehe gefangen ist und in Leidenschaft rebbelliert. Von den "Salzburger Nachrichten" gefragt, woher sie den Mut nähme, so eine riskante – weil bisweilen sehr erotisch aufgeladene – Rolle zu übernehmen, sagte Cottilard: "Ich habe es immer geliebt, Dinge zu erforschen die ich in meinem eigenen Leben nicht kenne. Das ist meine Methode, das Menschsein zu erforschen, um herauszufinden, wer und wie wir sind."
Zu ihrer Arbeitsweise als Schauspielerin sagt sie im gleichen Interview: "Ich versuche mich nie in einer Figur wiederzufinden, so arbeite ich nicht. Ich bekomme diese Frage oft gestellt, aber um eine Rolle spielen zu können, muss ich mich nicht sie komplett hineinversetzen. Es ist sogar einfacher, weit weg zu sein von einer Figur, denn dann habe ich die Möglichkeit, sie von Grund auf zu konstruieren, und nichts von mir selbst trübt ihr Bild."
Der Autor dieses Textes hier verfiel Marion Cottilard übrigens, als er sie Anfang der Nullerjahre im fantastischen, bösen, romantischen, bisweilen ziemlich kranken Liebe mich, wenn du dich traust sah. Der französisch-belgische Film von Yann Samuell heißt im Original Jeux d’enfants, was übersetzt "Kinderspiele" heißt – und die Sache ein wenig besser trifft als die kitschige Übersetzung ins Deutsche. Marion Cotillard spielt darin die erwachsene Sophie und Guillaume Canet ihren Freund Julien. Die beiden stellen sich schon seit Kindheitstagen immer wieder Mutproben, die nach und nach abgründiger werden – und beide von der Tatsache ablenken, dass sie sich eigentlich mehr als freundschaftlich lieben.
Wer aufgepasst hat, weiß es natürlich schon: Ja, es ist genau der Guillaume Canet, mit dem Marion Cottilard später eine 18 Jahre währende Beziehung und zwei Kinder haben sollte.
Neben ihren filmischen Leistungen sollte man in einer Würdigung der Marion Cottilard immer auch erwähnen, dass sie über die Jahre in ihren Interviews viele kluge und empathische Dinge gesagt hat und für die Dinge einsteht, die ihr wichtig sind. Nicht umsonst wurde sie am 14. Juli 2016 für ihr mehr als zwanzigjähriges Engagement im Umweltschutz von der damaligen französischen Ministerin für Umwelt, Energie und nachhaltige Entwicklung, Ségolène Royal, zur Ritterin der Ehrenlegion ernannt.
Auch ihr großes Geburtstagsinterview zum 50. in der Titelstory des "The Style"-Magazins der "Sunday Times" ist voller Zitate, die zeigen, dass sie zwar ihre Privatleben schützt, ihre starke Meinung aber nicht zurückhält. So sagte sie, angesprochen auf #MeToo und Sexismus-Erfahrungen in der Filmbranche: "Es ist immer noch sehr schwer für eine Frau, solche Erfahrungen öffentlich zu teilen. Wenn die Leute sagen: ‚Oh, warum hat sie sich nicht schon früher darüber gesprochen?‘ Nun, das ist die dümmste Frage überhaupt ..." Den Mut dazu müsse immer noch zuallererst das Opfer aufbringen, "aber keiner der Männer heute – nicht einer – hat gesagt: ‚Ich habe vielleicht etwas Falsches getan. Ich habe vielleicht das Leben dieser Frau geschädigt oder zerstört.‘"
In diesem Sinne: Joyeux 50e anniversaire, Madame Cottilard! Wir verneigen uns.
DK