Der Elefantenmensch: Schwelgen in Schönheit

So straight wie in seinem zweiten Spielfilm aus dem Jahr 1980 hat David Lynch erst gut 20 Jahre später wieder erzählt. Trotzdem ist Lynchs Der Elefantenmensch, der auf dem Leben des Joseph Merrick beruht, ein sehr eigenes, wunderschönes Meisterwerk, das zum 40. Jubiläum digital restauriert in 4K erscheint.

Filmgeschichten 23. April 2020

"Er ist das ekelhafteste Geschöpf der Menschheit, das ich je gesehen habe. Von den Berichten her hätte ich mir den Elefantenmenschen riesengroß vorgestellt. Aber er war nur ein kleiner Mann, der durch seinen Buckel noch kürzer wirkte. Das auffälligste Merkmal an ihm war jedoch sein gigantischer und missgestalteter Kopf. Aus der Stirn ragte eine riesige, knöcherne Masse hervor, während am Hinterkopf ein Beutel mit schwammiger, pilzartig aussehender Haut hing, dessen Oberfläche mit einem braunen Blumenkohl vergleichbar war."

© Kinowelt GmbH

In diesen harten Worten beschrieb der britische, von 1853 bis 1923 lebende Chirurg Frederick Treves seine ersten Eindrücke des Joseph Merrick, der als "Elefantenmensch" zugleich Mythos und real existierende Person des viktorianischen Englands war. Der Auszug stammt aus "The Elephant Man and Other Reminiscences", Treves Memoiren, die im Jahr seines Todes erschienen. Es ist eine Beschreibung der ersten Begegnung im Jahr 1884, als Treves Merrick bei einer Jahrmarkts-Freakshow zu Augen bekam, ihn wenig später dem pathologischen Institut Londons vorstellte – und Merrick erst danach aus den Fängen eines übergriffigen Schaustellers befreite. Treves nennt Merrick in seinen Memoiren seltsamerweise John, obwohl er (wie das Originalmanuskript beweist) wusste, dass er Joseph heißt. Treves Buch und das philosophische "The Elephant Man: A Study in Human Dignity" des britisch-amerikanischen Anthropologen und Humanisten Ashley Montagu aus dem Jahre 1971 lieferten die historische Vorlage für das Drehbuch von Christopher de Vore und Eric Bergren, die sich bis auf kleine Abweichungen an die Fakten halten.

Ein junger Regisseur muss sich beweisen

Obwohl es im Rückblick wohl als Glücksfall zu werten ist, dass David Lynch sich des Stoffes für das Kino annahm, war die Entscheidung alles andere als selbstverständlich. Lynchs herausforderndes Kinodebüt Eraserhead galt zwar aus Publikumsrenner im Spätprogramm und hatte auch Hollywood beeindruckt, aber hatte dieser eigensinnige amerikanische Regisseur auch das Zeug und die Disziplin, einen historischen, tief in der Folklore Englands verwurzelten Stoff wie diesen zu erzählen?

Entscheiden musste das am Ende Mel Brooks, dessen Firma Brooksfilm schließlich Der Elefantenmensch produzierte. Aber schon der Weg des Drehbuchs zu Lynch und später zu Brooks ist durchaus interessant. Am Anfang stand ein Dinner von Lynch und seinem Freund Stuart Cornfeld, ein Hollywood-Produzent, der wenige Jahre später zum Beispiel Die Fliege und Zoolander produzieren sollte. Lynch haderte, ob er lieber ein eigenes Drehbuch verfilmen (die schwarze Komödie Ronny Rocket) oder ein bereits geschriebenes annehmen und umarbeiten sollte. Cornfeld sagte darauf: "Es gibt vier Drehbücher, bei denen du Regie führen könntest. Das erste heißt Der Elefantenmensch." Die weiteren drei musste er der Überlieferung nach gar nicht mehr nennen. Lynch erinnerte sich später in einem Interview: "In meinem Kopf explodierte sofort eine Bombe. Ich wusste sofort, dass es das ist, was ich machen möchte."

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Lynch behielt einen Großteil der Szenen und Dialoge, pflückte jedoch die Chronologie auseinander, setzte sie neu zusammen, und ergänzte diverse surreale Schlüsselszenen. Stuart Cornfeld nutzte seine Kontakte und spielte die "gelynchte" Version von Der Elefantenmensch der Schauspielerin Anne Bancroft zu. Sie war die Ehefrau von Mel Brooks, und spielt übrigens im Film später die Rolle der Mrs. Kendal – eine britische Schauspielerin, die Merrick neben Treves in die britische höhere Gesellschaft einführte. Der Legende nach schaute sich Brooks schließlich Eraserhead an, während Lynch in einem anderen Raum warten musste. Lynch erinnerte sich später: "Die Türen flogen auf und Mel kam zu mir gerannt, umarmte mich und sagte: 'Du Wahnsinniger, ich liebe dich, du bist engagiert.' So begann also unsere Produktion."

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Wenn man sich die harten Worte Treves' über Merricks Äußeres wieder in Erinnerung ruft und die historische, von vielen tragischen Kapiteln durchzogene Geschichte des Elefantenmenschen kennt, wundert man sich schon ein wenig, warum man spätestens beim Abspann fühlt, gerade einen wunderschönen Film über einen wunderschönen Menschen gesehen zu haben. Das hat zum einen ästhetische Gründe. Lynch beweist hier bereits sein untrügliches Gespür für atmosphärische Bilder, die auch der schäbigen, von der Industrialisierung geprägten Kulisse des damaligen Londons eine gewisse Würde abtrotzen. Auch die Darstellung des London Hospitals und der stilisierte Alltag in den ehrwürdigen Hallen und Räumen sind wundervoll von Freddie Francis gefilmt worden. Zudem spielt die Entscheidung, in Schwarz-Weiß zu drehen, dem Filmgenuss zu – nicht nur, weil das gut zur Zeit und zum Thema passt, sondern auch, weil man so einige ästhetische Problemfaktoren dimmen konnte. Die von Christopher Tucker angefertigte Maske, entworfen nach Abgüssen des Schädels von Merrick, wäre in Farbe bedeutend schwieriger zu filmen gewesen.

Das Empfinden von Schönheit erwächst aber vor allem im Spiel der Hauptdarsteller. John Hurt verbrachte für die Rolle Merricks an jedem seiner Drehtage sieben bis acht Stunden in der Maske und musste seinen Charakter ohne den Einsatz von Mimik und mit nur beschränktem Bewegungsradius inszenieren. Hurt arbeitet dabei viel mit Körperhaltung – und vor allem mit Stimme. Denn Merrick war im richtigen Leben und auch im Film mitnichten intellektuell beeinträchtigt, sondern eine wache, gar romantische Seele mit einer Liebe zur Sprache, die vor allem durch das Lesen der Bibel geschult wurde. In einer der wichtigsten Szenen zitiert Merrick vor Treves und dem Direktor des Krankenhauses Zeilen aus der Bibel und offenbart zum ersten Mal schüchtern, was für ein empfindsamer Mensch er ist. Im Englischen, wie auch in der gelungenen Synchronisation, ist es eine Offenbarung, wie Merrick mit weicher Stimme sagt: "Ich habe viel in der Bibel gelesen. Das Book of Common Prayers vor allem. Der 23. Psalm ist wunderschön. Ihn mag ich am liebsten." Eine durchaus symbolische Wahl, lauten die Zeilen doch: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht."

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Aber auch Anthony Hopkins trifft den richtigen Tonfall: Er spielt Frederick Treves als einen nur vordergründig weich und freundlich agierenden Arzt, der sich im Laufe des Films sozusagen selbst auf die Schliche kommt und sich fragen muss: "Bin ich ein guter Mensch oder ein schlechter?" Denn – und das ist der Konflikt, der sich durch den gesamten Film zieht – die Frage muss sich jeder in der Gegenwart Merricks stellen: Schaue ich wirklich an der entstellten Oberfläche vorbei und sehe den Menschen dahinter, oder bin ich nur die kultiviertere Form eines Freakshow-Besuchers? Und im Falle Treves bleibt natürlich die Frage, ob er Merrick wirklich helfen wollte oder nur seine Nähe suchte, um seine eigene Karriere und seine Arbeit interessanter zu machen.

Es sind vor allem die Szenen, in denen Merrick ehrlich empfundener Menschlichkeit begegnet, die diesen Film erstrahlen lassen. Wenn die Schwestern im Krankenhaus ihn langsam in Herz schließen. Wenn Treves Merrick nach dessen Entführung und späterer Flucht ohne zu zögern in die Arme schließt. Wenn die anderen "Freaks" des Schaustellers ihren Boss hintergehen, um Merrick die Freiheit zu schenken. Wenn Treves Frau bei einer ersten Begegnung mitten im Smalltalk merkt, was ihm widerfahren sein muss. Wenn Theaterstar Mrs. Kendal ihm ein Shakespeare-Stück schenkt.

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Damit diese Szenen jedoch so märchenhaft schön wirken können – und weil wir hier ja immer noch in einem Lynch-Film sind – gibt es zahlreiche brutale Gegenparts. Merrick wird von seinem Schausteller-Boss brutal mit einem Stück verdroschen. Er trinkt Tee mit einem feinen Ehepaar, das sich gar nicht erst die Mühe macht zu verbergen, wie angewidert und sensationsgeil es ist. Er wird von Treves mit brutaler Kälte dessen Kollegen vorgeführt. Er wird nachts von einem fiesen Nachtwächter und dessen saufenden, für das Spektakel zahlenden "Freunden" gequält und ausgelacht. Er wird am Bahnhof von einem Mob verfolgt und in die Toilettenräume getrieben, wo er sich mit Verzweiflung der Masse entgegenstellt und ruft: "Ich bin kein Tier. Ich bin ein menschliches Wesen!" Eine Konfrontation, die tatsächlich stattgefunden hat - allerdings in einem Warteraum.

So ist Der Elefantenmensch also auch 40 Jahre nach seiner Uraufführung noch ein ergreifendes, wichtiges und eben auf seine Weise wunderschönes Stück Filmgeschichte, das nach der von Lynch höchstselbst beaufsichtigten Restaurierung nun in 4K in neuer alter Schönheit erstrahlt.

DK

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